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Studium und Arbeit - Studierendenvorurteile Wirklich so faul wie ihr Ruf?

„Studierende sind faul“ – auf dieses Vorurteil stößt man immer wieder. Aber trifft das wirklich zu? Und wie sehen Studierende das? Campus38 hat Studentinnen und Studenten aus der Region zu diesem Thema und ihrem Studienleben interviewt.

Vormittags in der Bibliothek lernen, abends nur am Saufen. Treffen solche Klischees über Studierende wirklich zu? (Montage: Joshua Müller/Quelle: iStock)

Vorurteile über Studierende existieren viele. Feiern gehen? Ständig. Aufstehen? Erst dann, wenn ein Großteil der Bevölkerung zu Mittag isst. Auch ansonsten soll das Leben von Studierenden entspannt sein. Im Wintersemester 2017/2018 studierten knapp drei Millionen Menschen an deutschen Hochschulen. Aber stimmen die besagten Vorurteile über sie wirklich? Campus38 hat bei vier Studierenden aus der Region 38 nachgefragt, wie ihr Studentenleben tatsächlich aussieht.

Campus38: Wir würdest du dein Studentenleben beschreiben?

Lena: Ich glaube, dass ich kein typisches Studentenleben lebe. Meistens arbeite ich oder mache etwas für die Uni. Auch Treffen außerhalb der Uni mit Freunden sind leider meistens eher eine Ausnahme als die Regel. Und wenn, dann handelt es sich dabei eher um ruhigere Sachen, wie der wöchentliche Fernsehabend am Donnerstag. Tatsächlich war ich, seitdem ich studiere, sehr wenig feiern. Die Male kann ich fast an einer Hand abzählen. Wenn ich das mit meinen Freunden von anderen Unis vergleiche, ist das echt ein Unterschied. Die treffen sich in der Woche mindestens zwei oder drei Mal, um einfach mal ein Bierchen in einer Kneipe zu trinken. Sowas gibt es bei mir gar nicht. Das liegt aber vermutlich auch vor allem am Studienort und den fehlenden Möglichkeiten hier, was ich schon etwas schade finde.

Oktay: Mein Studentenleben ist sehr anstrengend, da ich viele Abgaben in der Woche habe und diese meistens sehr anspruchsvoll sind. Da ich ein Semester mehr brauchen werde, denke ich, dass ich ziemlich gut dabei bin von der Zeit her und generell ist die Vorbereitung immer sehr wichtig bei uns.

Lea: Viel zu viel Aufwand, der sich bisher nicht so auszahlt, wie ich mir das wünsche.

Tobias: Also im Moment, wo jetzt nicht Prüfungsphase ist, ist es echt sehr entspannt und auch ausgeglichen, durch mal Sport machen, mal feiern gehen, mal zuhause bleiben. Also ausgeglichen und entspannt.

Eine Sozialerhebung des Bildungsministeriums über die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland im Jahr 2016 zeigt unterschiedliche Trends für Studierende und ihren Studienalltag auf. Zu dem Trend, dass Studierende einer Fachhochschule mehr Zeit in Vorlesungen investieren als Universitätsstudierende und diese wiederum zeitintensiver ihr Selbststudium betreiben, wurden Studierende aus unterschiedlichen Fächern und Semestern näher befragt. Bestätigen sie diesen Trend?

Campus38: Besuchst du regelmäßig Vorlesungen? Und warum?

Lena: Die Vorlesungen besuche ich tatsächlich recht regelmäßig. Ich habe in den letzten Semestern zwar immer mal wieder versucht, Vorlesungen zu schwänzen, habe aber gemerkt, wie intensiv ich teilweise diese dann nacharbeiten muss, wozu ich oft nicht die Zeit habe. Allgemein kann man aber sagen, dass ich zu den prüfungsrelevanten Vorlesungen nach wie vor regelmäßig hingehe, während ich Vorlesungen und Seminare mit einem Projekt oder einer Hausarbeit öfter mal schwänze, weil ich die Zeit dann dementsprechend einfach besser nutzen kann, um diese Sachen zu bearbeiten. Es kommt meistens auch einfach auf den Zeitraum an, sprich ob andere Dinge für die Uni gerade etwas wichtiger sind und mehr Zeit erfordern.

Lea: Die Veranstaltungen, die gut sind und mir etwas bringen, besuche ich, die anderen besuche ich gelegentlich. Das wichtigste sind die Begleitkollegs zu den Vorlesungen, also Übungen, die besuche ich eigentlich immer.

Oktay: Ich bin in jeder Vorlesung, die gut ist. Falls ein Professor nur von den Folien abliest und nichts Weiteres tut, gehe ich auch mal früher nach Hause, um dort allein die Notizen und Folien in Ruhe durchzuarbeiten. Oftmals, wenn man Fragen hat, werden die Fragen dort beantwortet und man kann den Stoff besser verstehen.

Tobias: Es ist halt blöd gesagt, aber eigentlich gehe ich immer hin. Außer mittwochs, da ist bei uns Party und donnerstags lasse ich dann auch die Vorlesungen mal weg, weil ich mich dann doch noch nicht so fühle, um dort teilzunehmen.

Campus38: Wie lange arbeitest du Vorlesungen nach?“

Lena: Die Vorlesungen arbeite ich sehr unterschiedlich nach und längst nicht so regelmäßig, wie ich vielleicht sollte. Ich glaube aber auch, dass da jeder selbst ein Gespür für entwickelt. Im ersten Semester habe ich jede Vorlesung direkt im Anschluss nochmal nachgearbeitet, spätestens aber seit dem zweiten Semester ist das mit den vielen Projekten und Hausarbeiten gar nicht mehr möglich gewesen, sodass ich manchmal sogar weniger wichtigere Vorlesungen geschwänzt habe, um andere nacharbeiten zu können oder um an den Projekten zu arbeiten. Tatsächlich arbeite ich mittlerweile nur noch Vorlesungen nach, die ich verpasst habe oder eben, wenn ich etwas wirklich gar nicht verstanden habe. Alles andere wird erst kurz vor der Prüfungsphase gelernt.

Lea: Definitiv nicht lange genug für die Menge an Stoff.

Tobias: Vorlesungen nacharbeiten tue ich im Moment überhaupt nicht, kommt dann wahrscheinlich in der Prüfungsphase wieder auf mich zu. Außer vielleicht ein paar schwierigere Fächer wie Statistik oder so und Kosten-Leistungs-Rechnung, das arbeite ich manchmal nach. Sonst in der Regel gar nichts.

61 Prozent der Studierenden in Deutschland arbeiten 2016 noch neben dem Studium – drei unserer vier Befragten ebenfalls. Arbeit und Studium unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer leicht. Das meint auch Oktay, ein Student der Technischen Universität in Braunschweig: „Es gibt selten Menschen, die ihr Studium in der Regelstudienzeit schaffen und meistens nur dann, wenn das Studium von den Eltern finanziert wird.“ Je nach Art des Jobs arbeiten die Studierenden in der Woche und/oder am Wochenende. Arbeiten bedeutet aber nicht nur Geld, sondern auch Zeit, die nicht fürs Nacharbeiten oder Lernen genutzt werden kann. Zum Teil müssen dann ein bis zwei Semester drangehängt werden.

Die Regelstudienzeit nicht zu schaffen ist aber nicht ausschließlich ein Phänomen der arbeitenden Studentenschaft. Tobias weiß bereits im zweiten Semester, dass er es nicht in der vorgegebenen Zeit schaffen wird und zwar ganz einfach, weil er weniger lernt als seine KommilitonInnen und sich auch viel Freizeit gönnt.

An sich bedeutet ein Studium viel Arbeit – Vorlesungen besuchen, Nacharbeiten, Projekte, Haus- und Studienarbeiten. Ein Studium ist jedoch auch etwas sehr Individuelles, jede/r Studierende setzt seine Prioritäten anders und gestaltet auch seinen Studienverlauf selbst. Verallgemeinernde Aussagen sind deshalb nur schwer zu treffen. Aber wie sehen Studierende das?

Campus38: Glaubt ihr, dass das Vorurteil, Studierende seien faul, zutrifft?

Lea: Man kann das nicht pauschal sagen, es gibt solche und solche. Manchen ist es ernster mit dem Studium und manche sehen es halt lockerer.

Tobias: Also es gibt viele, die auch die Vorlesungen nacharbeiten und sich dann auch wirklich darauf konzentrieren, für die nächste Veranstaltung gut vorbereitet zu sein. Und es gibt welche, die das ganze Semester chillen und dann in der Prüfungsphase Panik kriegen und den ganzen Stoff aus den Monaten davor in drei Tagen lernen. Also 50/50 würde ich sagen. Ich zähle mich selber zu der zweiten Kategorie.

Faul oder nicht? Pauschal kann man diese Frage nicht beantworten. „Es gibt Studenten, die fleißig sind und Studenten, die faul sind, so ist es nun mal“, Oktays Einschätzung beantwortet die Frage recht passend. Die einen sind Workaholics, die anderen genießen ihr Studienleben. Das Vorurteil, dass Studierende faul sind, trifft zwar auf einige zu, doch nicht auf den Großteil. Nicht jedes Anzeichen für Faulheit im Studium, wie das Nichteinhalten der Regelstudienzeit, ist ein sicherer Beleg dafür. Die Perspektive ist entscheidend.