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Studium und Arbeit Studium > Berufsausbildung?

Die Studierendenzahlen steigen stetig in Deutschland, die Azubi-Zahlen sinken. Diese Entwicklung könnte eine weltweit anerkannte Stärke des deutschen Bildungssystems bedrohen. Dazu will es die Politik nicht kommen lassen.

Immer mehr entscheiden sich statt des Schleifers für das Buch. Eine Gefahr für Bildungsdeutschland? (Quelle: iStock)

Aus allen Nähten platzende Hörsäle und überfüllte Universitätsgelände könnten in Deutschland bald zur Regel werden, denn: Immer mehr junge Menschen studieren. Julian Nida-Rümelin, Philosophieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, warnt sogar eindringlich vor einem ‚Akademisierungswahn‘. Steht Bildungsdeutschland vor einem Schreckensszenario?

Nicht von der Hand zu weisen ist jedenfalls, dass die Studierendenzahlen laut Daten des Statistischen Bundesamtes seit 2007 um etwas mehr als 40 Prozent gestiegen sind. Demgegenüber steht eine seit acht Jahren stetig sinkende Auszubildendenrate.

Ursachenforschung in der Zentrale der Industrie- und Handelskammer (IHK) Braunschweig am historischen Altstadtmarkt. Tim Jauernig, zuständig für den Bereich Aus- und Weiterbildung, sitzt in seinem Büro im dritten Stock des charmanten Altbaus. Er legt Zahlen für die Region vor, die der deutschlandweiten Entwicklung entsprechen: 2012 wählten im IHK-Bezirk Braunschweig noch 8576 junge Leute den Weg der Ausbildung. Im vergangenen Jahr lag die Zahl bei 7499, also knapp 1000 Personen weniger. Dieser Anteil von etwa 12,5 Prozent sei eine Menge, sodass ein gewisser Akademisierungstrend nicht zu übersehen sei. Jauernig führt besonders zwei Dinge an, die den Trend begünstigen: „Zunächst ist das Studium gesellschaftlich höher angesiedelt, obwohl man mit der Aus- und der nötigen Weiterbildung die gleichen Niveaustufen erreichen kann.“ Daneben spielt das Gymnasium eine besondere Rolle. Tim Jauernig sagt: „Ich habe den Eindruck, dass dort der Weg zum Studium ein Stück weit vorgegeben wird, während die Variante Aus- und Weiterbildung einen eher niedrigen Stellenwert innehat.“

Ein weiteres großes Manko bestehe im mangelnden Bewusstsein der Studenten für die Vorteile einer Ausbildung. „Der frühzeitige Unternehmenskontakt und die praktischen Berufserfahrungen bewirken, dass Abläufe, Prozesse, Produkte und die Kunden bekannt sind. Ein Auszubildender braucht – im Gegensatz zum Studenten – nach dem Abschluss keine Anlernphase“, erklärt Jauernig. Cordula Miosga, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbands (AGV) Braunschweig, räumt zudem mit der Vorstellung auf, Unternehmen präferierten automatisch Bewerber mit abgeschlossenem Studium: „Diesen Trend sehe ich überhaupt nicht. Gerade im Mittelstand ist Praxis angesagt. Möglicherweise haben einige junge Menschen diese Überlegung, wenn sie vor der Entscheidung Studium oder Ausbildung stehen, doch im realen Arbeitsleben lässt sich das nicht bestätigen.“ Im Gegenteil: Das Modell der dualen Ausbildung genieße sogar weltweit einen exzellenten Ruf.

Harte Fakten sprechen für das Studium


Hierzulande scheint sich dieser Ruf jedoch weniger in den Köpfen der jungen Menschen verankert zu haben. Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, derzeit tätig an der Hertie School of Governance in Berlin im Bereich ‚Public Health and Education‘, sieht einen weiteren, eher lebensweltlich angehauchten Grund für den Akademisierungstrend: „Im Studium ist man ein paar Jahre frei und nicht in einem engen System wie der Ausbildung.“ Das schlagkräftigste Argument sind in dieser Diskussion aber sicher die finanziellen Zukunftsaussichten bezüglich einer späteren Beschäftigung. Hurrelmanns Kollege Klaus Klemm, emeretierter Professor für empirische Bildungsforschung und Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen, präsentiert diesbezüglich eindeutige Zahlen: „Die Arbeitslosenquote von Hochschulabsolventen liegt bei 2,6 Prozent, die von Absolventen einer Lehre bei 4,9 Prozent und die von Ungelernten bei 19,9 Prozent.“ Zudem gibt es gravierende Einkommensunterschiede: Klemm legt dar, dass der durchschnittliche Lebensverdienst eines Hochschulabsolventen bei 2,37 Millionen Euro liege, während eine Berufsausbildung im Mittel 1,51 Millionen Euro einbringe.

Doch nun in die Praxis: Welche Gründe führen Studenten selbst für ihre Bildungswahl an? Ein Student der Wirtschaftswissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen, der anonym bleiben möchte, stimmt besonders mit den von Klemm aufgeführten Aspekten überein. Zusätzlich gebe es eine größere Auswahl an Studienrichtungen als an Ausbildungsplätzen. „Es wird zwar oft ignoriert, aber es existieren auch sehr gute Ausbildungsplätze mit guten Chancen und hervorragender Ausbildung“, ergänzt er. Ein ähnliches Bild bringt die Antwort von Katharina Möbius hervor, die an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg Grundschullehramt studiert. „Beide Bildungswege haben ihre Vorteile. Ich denke aber, dass mir mit dem Studium mehr Möglichkeiten offenbleiben. Viele Berufe kann man mit einer Ausbildung gar nicht ausüben, zum Beispiel Arzt, Ingenieur oder eben Lehrer. Außerdem ist ein Studium generell gut angesehen“, sagt sie.

Jan Plumeier kennt beide Bildungswege bestens: Er brach sein Sportmanagement-Studium ab und absolviert nun eine Ausbildung bei Volkswagen. „Die Ausbildung hat einen viel höheren Praxisbezug. Dadurch fällt das Lernen deutlich leichter, da man die theoretischen Grundlagen aus der Schule immer wieder anwendet“, sagt er. Zudem gebe es einen Ausbilder, der wie eine Art Wegbereiter immer ansprechbar sei und durch Vorgaben einen geregelten Arbeitsalltag ermögliche. Gleichzeitig glaubt Plumeier aber ebenfalls, dass ein Studium später für bessere Chancen und höheres Einkommen sorge.

Ausbildungsberufe wandern an Hochschulen ab


Neben den Gründen, die die Entwicklung hin zu einer immer stärkeren Akademisierung befeuern, interessieren natürlich auch die Auswirkungen, Chancen und Gefahren. Was also folgt aus dem aktuellen Trend der Bildungswahl in Deutschland? „Der Bildungsgrad der Gesellschaft steigt. Das Studium ist ein Training für abstraktes und komplexes Denken, also ein Gewinn für die eigene Lebenssteuerung“, sagt Hurrelmann. AGV-Geschäftsführerin Miosga ergänzt: „Die Vorteile der steigenden Studierendenzahlen liegen darin, dass viele gut ausgebildete Absolventen in die Unternehmen kommen. Es ist ein absoluter Gewinn, wenn immer mehr junge Menschen hohe Schulabschlüsse erreichen, die ihnen den Gang an die Hochschule ermöglichen.“

Sie verweist allerdings auch auf immense negative Effekte, die sich besonders im Handwerk zeigten. Dort fehle es an Nachwuchs, Ausbildungsplätze blieben unbesetzt, Bewerberzahlen seien rückläufig. Daran knüpft auch Jauernig von der IHK an: „Die sinkenden Zahlen belegen, dass die Ausbildung unter diesem Trend leidet.“ Und es könnte noch schlimmer kommen, schließlich werden klassische Ausbildungsberufe zunehmend akademisiert. „Mittlerweile stehen 137 Ausbildungsberufen tausende von Studiengängen gegenüber. Bald sind alle klassischen Ausbildungsbereiche abgedeckt, das zieht auch wieder Leute weg“, prognostiziert er. Beim Blick in die Region fällt beispielsweise der typische Ausbildungsberuf „Mediengestalter“ ins Auge, der unter anderem an der Johannes-Selenka-Schule in Braunschweig angeboten wird. Die akademische Konkurrenz ist jedoch nicht weit entfernt, schließlich bietet die Ostfalia-Hochschule in Salzgitter mittlerweile den Bachelor „Mediendesign“ an.

Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) gab bereits 2014 eine Publikation mit dem Namen „Hochschulbildung wird zum Normalfall“ heraus. Darin heißt es unter anderem: „Hochschulen waren ursprünglich darauf ausgelegt, eine kleine Elite im akademischen Bereich auszubilden. Nun stehen sie vor der Herausforderung, mit einer riesigen Anzahl von Studierenden und deren unterschiedlichen Bildungsbiografien, Anforderungen und Erwartungen umzugehen.“ Letzterer Gedanke beinhaltet, dass es am Campus zukünftig keinen „typischen Studierendentypus“ mehr gebe. Dazu schreibt das CHE anschaulich: „Sei es der Handwerksmeister, der Austauschstudent oder die berufsbegleitend studierende Managerin – sie alle eint ihr Interesse an akademischer (Weiter-)Bildung.“ Die Vielfalt an deutschen Hochschulen dürfte demnach in den kommenden Jahren weiter steigen.

Zukunftsweisender Qualifikationsmix als Lösung


Bei der abschließenden Bewertung des Akademisierungstrends in Deutschland gehen die Meinungen der Experten über die Entwicklung und die Notwendigkeit von Lösungen auseinander. Hurrelmann sagt: „Es ist eine absolut positive Entwicklung. Ich halte überhaupt nichts von den Warnungen über einen ‚Akademisierungswahn‘. Man sollte die Vorteile dieser Entwicklung herausarbeiten. Im länderweiten Vergleich stehen wir mit unserer Studierendenquote sogar noch niedrig da.“ Ein Blick auf Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2015 bestätigt diese These. Cordula Miosga urteilt: „Der Trend zur Höherqualifizierung ist grundsätzlich absolut zu begrüßen. Die Industrie muss der Digitalisierung und der Globalisierung erfolgreich begegnen. Dafür braucht es gut geschulte Arbeitskräfte.“

Zurück in die IHK-Zentrale am Altstadtmarkt in Braunschweig. Jauernig betrachtet die Thematik kritischer und spricht sich für eine „Stärkung der Ausbildung“ aus, um den Trend wenigstens etwas auszubalancieren. Deshalb plädiere er für eine „ergebnisoffene Berufsorientierung“ an den Schulen, die die Ausbildung explizit miteinbeziehe. Miosga schlägt diesbezüglich vor: „Künftig muss es darum gehen, verstärkt Neigung und Eignung darauf zu prüfen, wer wirklich akademische Bildung anstrebt und wer eigentlich besser in einer Ausbildung aufgehoben ist.“ Die IHK selbst versucht jedenfalls, mit ihren Möglichkeiten Werbung zu betreiben: Zur Berufsorientierung geht einmal pro Jahr eine Ausbildungsbroschüre, die das Modell mit seinen Berufen und Vorteilen darstellt, an alle Schulen des jeweiligen Kammerbezirks. Inwieweit diese jedoch genutzt werde, sei eine andere Frage. Zudem ist die IHK auch auf Messen regelmäßig mit einem Stand vertreten und versucht dort, auf die Ausbildung aufmerksam zu machen und die Vorteile darzustellen.

Einen zunächst neutralen Ansatz verfolgen Jörg Dräger und Frank Ziegele, die Geschäftsführer des CHE. Sie betonen in einem Interview der hauseigenen Ausgabe „20 Jahre CHE“: „Die häufig geführte Debatte um zu viele oder zu wenige Akademiker läuft […] ins Leere, sie verkennt die Realität. Die passende Frage ist deshalb auch nicht: ‚Finden wir die Entwicklung gut oder schlecht?‘, sondern: ‚Was bedeutet sie für das Hochschulsystem und wie gehen wir damit um?‘

Die Politik will nach eigener Aussage handeln: „Es geht uns darum, auch weiterhin einen zukunftsweisenden Qualifikationsmix zu haben,“ sagt Gudula Gutmann, die im Bildungsministerium Referatsleiterin im Bereich Hochschulpolitik und -entwicklung ist. Berufliche und akademische Bildung befruchteten sich gegenseitig, daher sei es wichtig, die Durchlässigkeit zwischen beiden Wegen zu fördern – dies sei auch ein wesentliches Ziel der Bundesregierung.

Ziegele weitet diesen Gedanken aus und sagt, dass die zunehmende Akademisierung sich keinesfalls negativ auf die duale Ausbildung auswirken dürfe. Er unterbreitet angesichts der unterschiedlichen Bewertungen des Akademisierungstrends einen Kompromissvorschlag, der die Entwicklung entschärfen könnte: „Statt akademische und berufliche Ausbildung gegeneinander auszuspielen, sollten alle Beteiligten Wege finden, fließende Übergänge zwischen beiden Systemen zu ermöglichen, von denen beide Seiten profitieren. Es geht um ein Zusammenwachsen der bisher getrennten Bereiche zu einem integrierten System – Beispiele hierfür können Mischformen wie die dualen Studiengänge oder auch die gegenseitige Anerkennung von Prüfungsleistungen sein.“ Inwiefern eine Umsetzung solcher Pläne allerdings realistisch und im Sinne der Politik ist, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

 

Das muss passieren:

 

  • Ergebnisoffene Berufsorientierung an Schulen sicherstellen
  • Ausbildungsangebot und -nachfrage aus Unternehmensperspektive verdeutlichen
  • Klassische Ausbildungsberufe erhalten
  • Durchlässigkeit zwischen beiden Systemen fördern
  • Gesellschaftliches Ansehen der Ausbildung verbessern
  • Bewusstsein für die Vorteile einer Ausbildung schaffen