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Studium und Arbeit - Arbeitszeugnisse Geheimcode Zeugnissprache

PersonalerInnen im Dilemma: Sie räumen Zeugnissen hohen Stellenwert ein und bezweifeln gleichzeitig deren Informationsgehalt. Welche Bedeutung hat das Arbeitszeugnis wirklich? Unsere Autorin liest zwischen den Zeilen und entschlüsselt den Geheimcode des Personalsprechs.

Wie sinnvoll sind Arbeitszeugnisse heute noch?(Quelle: iStock/PeopleImages)

Theoretisch, das wissen auch PersonalerInnen, haben Zeugnisse den Wert von Ramschaktien. Für 72 Prozent ist das Arbeitszeugnis dennoch besonders wichtig, sogar noch bedeutender als das Anschreiben. Das ist das Ergebnis der Studie Job-Trends 2017. Gerade für Studierende ist das Arbeitszeugnis ein wichtiger Bestandteil der Bewerbung. Es bildet den Grundstein der Qualifikation, welche weit über das theoretische Studium hinausgeht. Was anfangs wie ein Türöffner wirkt, wird nach vielen Jahren im Beruf jedoch zu einer lästigen Pflicht. Selbst erfolgreiche ArbeitnehmerInnen können oft keine lückenlose Zeugnisbiografie vorweisen: etwa, wenn sie lange im Ausland gelebt haben oder Führungskräfte, die lange so erfolgreich waren, dass sie sich nie bewerben mussten und das Stückchen Papier beim Jobwechsel schlicht vergaßen. „Es ist irrational", sagt Investmentbanker Christian W., der im hohen sechsstelligen Bereich verdient und in rund 25 Berufsjahren einiges geleistet hat. „Diese Personaler wollen jeden kleinsten Zeitraum belegt sehen." Karriere- und Business-Coach Bernd Slaghuis ist Experte für berufliche Neuorientierung. Er erkennt den Fehler im System: „Selten sind die Bewertungen der Zeugnisse in Bewerbungsgesprächen ein Thema, stattdessen wird erforscht, warum zu einem Job in der tiefen Vergangenheit das Zeugnis fehlt. Eine Lückenorientierung, die für mich heute nicht mehr zeitgemäß ist und somit keine Daseinsberechtigung für das Arbeitszeugnis als echte Informationsquelle für einen zukünftigen Arbeitgeber begründet.“

„Ein Arbeitszeugnis zeigt dem Arbeitgeber deine Qualifikationen. Es ist ein wichtiger Bestandteil einer überzeugenden Bewerbung.“ Manuel: Wirtschaftswissenschaften

Deutsche Zeugniskultur

Deutschland gilt als Weltmeister im Zeugnisschreiben – das gilt auch für Praktikumsbescheinigungen, die kleine Schwester des Arbeitszeugnisses. Hierzulande haben sie eine zentrale Bedeutung. Dabei sind Arbeitszeugnisse im angloamerikanischen Wirtschaftsraum nicht halb so wichtig wie in Deutschland. Oft ist das deutsche Arbeitszeugnis im Ausland sogar unbekannt. Standard ist dort vielmehr eine qualifizierte Tätigkeitsbeschreibung mit entsprechenden Referenzen. Dokumente wie letter of recommendation, testimonial, aber auch so genannte character reference, die vor allem auf die persönlichen Qualitäten eines Arbeitnehmers eingehen, sind hier üblich. Bei allen Zeugnisarten gilt: Angestellte müssen wegen eines Zeugnisses aktiv auf ArbeitgeberInnen zugehen und sie um ein solches bitten. Ein Recht auf ein Zeugnis gibt es nicht. Deutschland ist eines der wenigen Länder mit einem gesetzlichen Anspruch auf ein Arbeitszeugnis. ArbeitnehmerInnen schneiden dabei laut einer Studie des Dienstleisters PMS Personal management Service immer besser ab. Die Durchschnittsnote liegt mittlerweile bei 1,9. Zu gut, um noch Aussagekraft zu haben, oder?

Formulierungen im Arbeitszeugnis, die nicht nett gemeint sind:

1. „Sie galt stets als eine gesuchte Gesprächspartnerin."

>> Sie führte zu viele Privatgespräche während der Arbeitszeit

2. „Er war seinen Mitarbeitern jederzeit ein verständnisvoller Vorgesetzter."

>> Er war nicht durchsetzungsfähig und besaß keine Autorität.

3. „Sie arbeitete mit größter Genauigkeit"

>> Sie war ein langsamer und unflexibler Erbsenzähler.

4. „Er war stets bemüht, die Arbeiten zu unserer vollen Zufriedenheit zu erledigen"

>> Er war bemüht, aber seine Mühe blieb erfolglos.

5. „Ihr Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten war stets vorbildlich"

>> Sie hatte wohl ein Problem mit seinen Vorgesetzten, denn der wird erst nach den Kollegen aufgezählt.

6. „Er hatte Gelegenheit, sich das notwendige Fachwissen anzueignen"

>> Er nutzte die Gelegenheit leider nicht.

7. „Sie ist mit Fleiß, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit an ihre Aufgaben herangegangen"

>> Ihr fehlte schlicht die fachliche Qualifi kation, daher wurde viel Zeit investiert, um diesen Makel zu überbrücken.

8. „Er erledige alle Aufgaben pfl ichtbewusst und ordnungsgemäß"

>> Er zeigte wenig Eigeninitiative und blieb eine graue Maus im Arbeitsalltag.

9. „Sie war tüchtig und wusste, sich gut zu verkaufen"

>> Sie war eine Wichtigtuerin.

Kritik zwischen den Zeilen

Sobald das Beschäftigungsverhältnis endet – ob freiwillig oder nicht – steht ArbeitnehmerInnen laut Gesetz ein ordentliches Arbeitszeugnis zu. Dieses muss „klar und verständlich“ sein und darf den MitarbeiterInnen nicht schaden wollen. So hält es §109 Absatz 2 der Gewerbeordnung fest. Ein Zeugnis soll also immer wahr und vor allem wohlwollend formuliert sein. So will es das Gesetz. Ausdrücke wie Probleme, Fehler, Mängel, Schwierigkeiten und Schuld in Arbeitszeugnissen sind somit tabu. Das bedeutet: Selbst über schlimmste Verfehlungen wird im Zeugnis der Mantel der Zeugnissprache gedeckt. Auch abwertende Bindewörter wie aber, leider, trotz, jedoch, unglücklicherweise sind tabu, sie trüben den Gesamteindruck. Deshalb erscheinen in Arbeitszeugnissen alle Formulierungen auf den ersten Blick positiv. Es hat sich aber eine Art Geheimsprache entwickelt hat, die zwischen den Zeilen Kritik zum Ausdruck bringt.

Note:                                       Geheimcode

Sehr gut:                               „Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit"

Gut:                                         „Stets zu unserer vollen Zufriedenheit"

befriedigend:                       „Zu unserer vollen Zufriedenheit"

Ausreichend:                       „Zu unserer Zufriedenheit"

Mangelhaft:                          „Im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit"

Ungenügend:                       „Zu unserer Zufriedenheit zu erledigen versucht"

Die Geheimcodes der Chefs

Sollte man „immer zur vollsten Zufriedenheit" schreiben, ist „sehr zufrieden" noch ein „gut"? Darüber sind sich selbst Fachleute unschlüssig. Die Disziplin lässt größere Interpretationsspielräume zu als eine Deutschklausur. Denn wer sollte schon aus dem Wortlaut erahnen, dass man durch die im Zeugnis erwähnte Neigung zur „Geselligkeit", mit der man „zur Verbesserung des Betriebsklimas" beitrug, gleich zum/r AlkoholikerIn abgestempelt wird? Nur wer das Personaler-Latein beherrscht schafft es, den vermeintlichen Code zu identifizieren. Jochen Mai, Chefredakteur und Gründer der Karrierebibel fast zusammen, worauf es beim Arbeitszeugnis ankommt. Die wichtigsten Punkte lauten wie folgt:

Jeder Buchstabe zählt

Selbst Schulnoten können durch den Code der Zeugnissprache ausgedrückt werden. So entspricht der Satz „er erledigte seine Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit" lediglich der Note „gut", während „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" ein „sehr gut" bedeutet. Bereits ein einzelnes Wort macht demnach den Unterschied zwischen einem „sehr gut" und einem „gut". Fehlt das Wörtchen „stets" ist die Leistung schon nur “befriedigend".

Viel Kritik mit wenig Worten

Neben fehlenden Signalwörtern sind aber auch mangelnde Bestandteile der Beurteilung ausschlaggebend für die Bewertung. Werden beispielsweise die Nebenaufgaben vor den Hauptaufgaben genannt, so ist das ein Hinweis darauf, dass sich MitarbeiterInnen bei der Arbeit verzettelt haben. Wenn ArbeitgeberInnen dagegen Selbstverständlichkeiten wie Pünktlichkeit oder Ehrlichkeit betonen, kann das ein Hinweis darauf sein, dass es ansonsten leider nichts Überdurchschnittliches zu berichten gibt. Dasselbe gilt, wenn zu wichtigen Merkmalen der Tätigkeit keinerlei Aussagen gemacht werden.

Die Reihenfolge macht's

Eine indirekte Kritik wird auch durch die optische Gestaltung des Arbeitszeugnisses deutlich. Ein Zeugnis hat einen festen Aufbau. Nach Angaben zur Person und zum Eintritt in die Firma folgen ein paar Zeilen über das Unternehmen, die Position der Arbeitskraft und ihrer Aufgaben. Anschließend folgt die Beurteilung der Fachkenntnisse, der Erfüllung der Aufgaben und schließlich des Verhaltens gegenüber Vorgesetzten, KollegInnen und gegebenenfalls KundInnen. Weicht die Reihenfolge jedoch ab, kann dies auf einen Missstand hindeuten. Wird beispielsweise das Verhalten vor der Arbeitsleistung beurteilt, lässt dies darauf schließen, dass die Arbeitskraft zwar umgänglich ist, ihre Leistungen aber eher dürftig sind. Das gilt auch, wenn das Verhältnis zu den KollegInnen oder KundInnen vor dem Verhältnis zu den Vorgesetzten bewertet wird. Wird die Beurteilung der Vorgesetzten komplett weggelassen, dann ist dies ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass es hier besondere Probleme gegeben hat.

Das Beste kommt zum Schluss

Die zwei bis drei Schlusssätze im Arbeitszeugnis fassen heute oft die gesamte Bewertung zusammen.

Sehr gut: "Wir bedauern den Verlust von XY und bedanken uns für die stets sehr gute und produktive Zusammenarbeit.“

Gut: „Wir bedauern, eine so gute Kraft zu verlieren und sind für die stets gute Leistung zu großem Dank verpfl ichtet.“

Befriedigend: „Wir bedauern, eine so gute Kraft zu verlieren und danken für die gute Zusammenarbeit.““

Ausreichend: „Wir danken für die gute Zusammenarbeit.“

Mangelhaft: „Wir können unseren Dank für die stete Arbeitsbereitschaft nicht versagen.“ bzw. „Für das stete Interesse an der Zusammenarbeit bedanken wir uns.“

 

Daher lesen manche Personalchefs die Zeugnisse gleich von hinten nach vorn, um sich unnötige Arbeit zu sparen. Gibt nämlich die Schlussformel bereits Anlass zu Bedenken, so brauchen sie nicht weiter zu bewerten und BewerberInnen landen womöglich erst einmal im unteren Teil des Stapels. Die Schlussformel beinhaltet demnach ebenfalls versteckte Signalwörter, die den wesentlichen Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem sehr guten Zeugnis ausmachen. Ein gutes bis sehr gutes Zeugnis zeichnet sich dabei durch folgende Schlussformulierung aus:

  • das Bedauern des Arbeitgebers über das Ausscheiden des Arbeitnehmers,
  • den Dank für die geleisteten Dienste,
  • gute Wünsche für die berufliche sowie gegebenenfalls die private Zukunft und weiterhin viel Erfolg.

Zeugniscodes und Warnsignale im Überblick

Versteckte Benotung >> Codes beinhalten Schulnoten

Fehlende Inhalte >> Tätigkeiten nicht aussagekräftig genug 

Versteckte Beurteilung des Sozialverhaltens >> Textaufbau beachten, Reihenfolge entscheidend 

Schlusssatz entscheidend >> Ausschlaggebende Gesamtbeurteilung

Dilemma Arbeitszeugnis

Die Entschlüsselung des Geheimcodes bestätigt: Arbeitszeugnisse sind eine Wissenschaft für sich. Dennoch streiten sich Menschen um Formulierungen manchmal bis vor das Bundesarbeitsgericht. Denn generell gilt: Nicht alle Formulierungen müssen hingenommen werden, die ein ehemaliger ChefIn potenziellen ArbeitgeberInnen im Arbeitszeugnis offenbart. Der Gang vors Arbeitsgericht sollte dennoch wohl überlegt sein. Lediglich wenn ArbeitgeberInnen die Leistungen schlechter als „befriedigend“ bewertet haben, müssen diese die inhaltliche Richtigkeit des ausgestellten Zeugnisses beweisen. Anderenfalls muss die Arbeitskraft glaubhaft darlegen, dass eine Leistung erbracht wurde, die die Note „gut" oder „sehr gut" rechtfertigt. Beides ist in der Regel jedoch nur sehr schwer nachzuweisen.

„Man macht ja schließlich nicht umsonst die vielen Praktika neben dem Studium. Man möchte mit seiner Bewerbung glänzen und dem potenziellen Arbeitgeber nach dem Studium zeigen, was man draufhat. Das Arbeitszeugnis ist quasi die Kirsche auf dem Eisbecher. Das i-Tüpfelchen der Bewerbung sozusagen.“ Katharina: Tourismusmanagement

Warum halten also alle am Zeugnis fest?

„Zeugnisse sind billiger als Gespräche und ACs", gibt Personalberater Alexander S. zu. Sie gäben Sicherheit, ähnlich wie Noten, und verursachen einer Firma keine Kosten. An Aussagekraft würde es ihnen jedoch fehlen. „Da ein Zeugnis ja wohlwollend formuliert sein muss, findet sich in der Regel keine objektive Aussage über die tatsächlich erbrachte Leistung.“ Als Dokument wäre es somit überflüssig, kritisiert der Personalberater. Das Arbeitszeugnis steht jedoch für viel mehr, erklärt Coach Slaghuis: „Es mag ungewöhnlich klingen, doch ich sehe Arbeitszeugnisse vor allem für die Angestellten selbst als wichtig an. Als Dokumentation von Aufgaben, Einsatz und Erfolgen sowie als Anerkennung und Wertschätzung, die vielen Angestellten in ihren Jobs heute fehlen“. Das Arbeitszeugnis scheint also vor allem zum guten Gefühl der BewerberInnen beizutragen. Aufgrund offensichtlich üblicher Fälschung, Beschönigung und Weglassen bestimmter Inhalte verliert es jedoch an Aussagekraft. Wer bereit ist, in sie zu investieren, steht besser da als die anderen BewerberInnen. Mit eigenen Leistungen hat das oftmals leider aber nichts zu tun. Dies bestätigt auch eine Umfrage der Beratungsfirma Personal Total. Demnach kennen 80 Prozent der 266 befragten PersonalerInnen mindestens einige Fälle, in denen BewerberInnen ihr Zeugnis selbst geschrieben haben. Auf lange Sicht handelt es sich somit eher um eine aufrechtzuerhaltende Formalität, die sowohl die ArbeitnehmerInnen als auch der Personalabteilung nur unnötige Arbeit beschert. Das Arbeitszeugnis wirkt dabei genauso überflüssig wie ein Bewerbungsfoto.