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Studium und Arbeit - Soziale Herkunft Bildungserfolg nur für Akademikerkinder

Noch immer entscheidet die soziale Herkunft in weiten Teilen über den Bildungserfolg. Schon in der Grundschule geht es los und setzt sich bis ins Studium fort. Wie schlimm die Lage wirklich ist und was man gegen diese schreiende Ungerechtigkeit tun kann, prüft Lisa-Marie Meyer.

Soziale Herkunft spielt immer noch eine große Rolle in der Schule (Quelle: iStock)

Nicht alle Kinder haben dieselben Vorrausetzungen, wenn es um den Erfolg in der Schule geht. Der Bildungserfolg und die soziale Herkunft sind seit jeher fest miteinander verknüpft. Das zeigte bereits 1965 ein Täuschungsexperiment von Rudolf Weiss, in dem Lehrkräfte ein und denselben Aufsatz zwei Mal korrigiert haben. Einmal in dem Bewusstsein, der Verfasser sei der sprachaffine Sohn eines Zeitungsredakteurs. Das andere Mal glaubten die LehrerInnen, dass ein durchschnittlicher Schüler mit berufstätigen Eltern den Aufsatz geschrieben hat. Im ersten Fall erhält der Schüler von 16% der Lehrkräfte die Note sehr gut, von 40% die Note gut. Erstaunlicherweise bekommt der Durchschnittsschüler von nur 7% der Korrigierenden die Note gut, wobei die Note sehr gut komplett ausbleibt. Dieses Experiment zeigt, dass die soziale Herkunft deutlich an den Bildungserfolg gekoppelt ist und sich aus diesem Grund unvermeidbar eine gesellschaftliche Ungleichheit herausbildet.

Trotz Bildungsreform bleibt die soziale Herkunft in Deutschland ein Problem

Vor 17 Jahren hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine Pisa-Studie veröffentlicht, welche die deutsche Politik zu einer Bildungsreform veranlasste. Die damalige Kritik, dass die Leistung der deutschen SchülerInnen unter dem Durchschnitt liegt und der Bildungserfolg an die soziale Herkunft gebunden ist, hat in der Retroperspektive für eine Verbesserung des Bildungssystems gesorgt. Beispielsweise sind  Ganztagsschulen entstanden und  Kinder werden bereits früh in Kindertagesstätten gefördert.  Doch ist es dem deutschen Bildungssystem, 17 Jahre nach Veröffentlichung Studie, tatsächlich gelungen die soziale Herkunft und den Bildungserfolg zu entkoppeln?

Die Antwort lautet klar nein und ist bedauerlich. Eine Trennung der beiden Komponenten hat in Deutschland bisher kaum stattgefunden.  So zeigte eine Sonderauswertung des Pisa-Test 2015 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dass nur knapp 15 Prozent mit Eltern ohne Abitur ein Hochschulstudium erfolgreich abschließen.  Obwohl sich positive Entwicklungen zeigen, fast jeder vierte schafft einen höheren Bildungsabschluss als die Eltern, kann nicht von Chancengleichheit gesprochen werden.

Unterschiede in der Bildung beginnen früh

Bereits als kleines Kind ist die Bedeutung der heimischen Wurzeln deutlich erkennbar. Kinder unter drei Jahren, deren Eltern einen Hauptschulabschluss besitzen, gehen seltener in die Krippe als solche, deren Eltern eine Hochschulreife erlangt haben. Dieses Muster setzt sich bis zur Grundschule fort, wo die Lesekompetenz mitunter von der Herkunft abhängt. Laut der Iglu-Studie 2016, hat ein Kind, das in einem Haushalt mit über hundert Büchern aufwächst, in der Leseleistung einen Vorsprung von einem Jahr. Bereits das Vorlesen von Geschichten verbessert die Lesekompetenz von Kindern. Ein hoher Bildungsabschluss impliziert zunehmend ein existenzsicherndes Einkommen durch einen festen Beruf in der Arbeitswelt. Aus diesem Grund ist es die Aufgabe der Eltern, ihre Sprösslinge soweit es möglich ist in ihrem Bildungsverlauf zu unterstützen, damit sie sich letztlich von ihrem gesellschaftlichen Rang lösen können.

Der Weg zur weiterführenden Schule

Kinder aus  sozial schwachen Familien werden von ihren Eltern trotz adäquater Leistungen in der Grundschule und Empfehlung des Lehrers, nicht auf das Gymnasium geschickt. Lieber soll die Tochter oder der Sohn nach dem Haupt- oder Realschulabschluss eine Berufsausbildung anfangen, um Geld ins Haus zu bringen und sich größtenteils selbst zu versorgen. Obere Schichten hingegen schicken ihre Kinder vermehrt auf das Gymnasium, obwohl die Leistungen nicht unbedingt ausreichen. Kinder eines höheren sozialen Standes haben zudem eine drei bis vier Mal höhere Chance eine Lehrerempfehlung für das Gymnasium zu erhalten als Kinder unterer Schichten. Dadurch zeigt sich der große Einfluss der subjektiven Wahrnehmung der LehrerInnen. SchülerInnen werden bereits nach der Grundschulzeit vom Gymnasium ausgeschlossen und haben dadurch nur selten einen Zugang zu einer Hochschule. Umgedreht sind SchülerInnen ohne ausreichende schulische Leistungen einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt, dem sie oft nur schwer standhalten können.

Die Bildungsfinanzierung im Studium

Das Potential junger Menschen, die in sozial benachteiligten Verhältnissen leben, kann nach der Schulzeit nur geringfügig ausgeschöpft werden. Zwar gibt es seit 2014 keine offiziellen Studiengebühren mehr, doch die Semesterbeträge müssen trotzdem gezahlt werden. Zusätzliche Kosten sind für Eltern einkommensschwacher Schichten nur schwer zu bewältigen. Neben den Semestergebühren muss unter Umständen eine Wohnung bezahlt und für die Verpflegung gesorgt werden. Systeme wie das BAföG, die eine Chancengleichheit wiederherstellen sollen, sind äußerst kompliziert und langwierig. Zudem werden Stipendien in Deutschland nur äußerst selten an Studierende vergeben. Unter diesen Umständen ist es schlicht einfacher, sich für einen Ausbildungsplatz in der Heimat zu bewerben, als ein geldraubendes Studium zu beginnen. Ein Resultat dessen ist die verminderte Anzahl an Studierenden mit sozial geschwächter Herkunft.

Sichtbar wird ein klarer Handlungsbedarf in Deutschland. Die soziale Herkunft sollte nicht den schulischen, akademischen und zuletzt beruflichen Erfolg junger Menschen beeinflussen, weil das Bildungsniveau der Eltern nicht ausreichend ist oder die finanziellen Mittel fehlen. Aus diesem Grund ist die Erarbeitung von Lösungsansätzen unabdingbar. Diese sollten die Chancengleichheit sowie die Bildungsfinanzierung von der Kita bis zum Studium betreffen. Unterdessen sollten Lehrer damit konfrontiert werden, wie stark die soziale Herkunft auf die Benotung und die Auswahl der weiterführenden Schulen einwirkt. Durch diese Ansätze wird eine von der Herkunft unabhängige Bildung geschaffen.