Direkt zu den Inhalten springen

Meinung und Haltung Würdet ihr das bei einer Weißen auch machen?

Kalitou M'Bye ist in Deutschland geboren. Immer wieder sieht sie sich Spitzen gegen ihre Hautfarbe ausgesetzt. Eine Kolumne über die vermeintlich harmlosen Anfänge von Rassismus und ein Appell für mehr Feingefühl im Alltag.

Obwohl in Deutschland geboren, sehen sich Menschen mit anderer Hautfarbe im Alltag immer wieder Spitzen und Rassismus ausgesetzt. (Quelle: iStock/Ichumpitaz)

Deutschland im Jahr 2018: Rassismus ist in unserem Land omnipräsent. Es ist ein Wort, mit dem sich keiner gerne offen schmückt. Doch was ist jetzt rassistisch? Einigen kann man sich sicher schnell auf Parolen wie „Ausländer raus“, „Scheiß Türken“, „Du Neger“ oder aber auch „Du Schwuchtel“. Wärenausschließlich diese Beispiele rassistisch, wäre die Definition von Rassismus einfach. Letztendlich beinhaltet diese aber viel mehr.

Das schwarz-weiße Denken der Menschen ist in vielen Lebenslagen eine Entschuldigung für Verhaltensmuster und soziale Unkorrektheit. Betrachten wir die Sache doch mal in farbig. Ich bin eine afrodeutsche Bürgerin, lebe seit 23 Jahren in Deutschland und bin hier geboren als Tochter einer Deutschen und eines Gambiers. Meine Herkunft ist äußerlich nicht klar ersichtlich, für die meisten ist jedoch klar: Ich kann keine Deutsche sein.

Seit ich denken kann, begleitet mich ein roter Faden durch mein Leben, den ich Farbe nenne. Es fängt im Kindergarten an: Ich habe immer „etwas zu viel Temperament“, verhalte mich „launisch“ und Erzieher scheinen oft „überfordert“. Keine Seltenheit, dass meine Mutter zu Gesprächen auftaucht und frustriert wieder verlässt. Dass mich andere Kinder „Schokolade“ mit dreckigen Knien nennen, wird überhört oder verharmlost: Das seien ja nur Kinder, das sei nicht so gemeint.

In meinem Alltag begegne ich den verschiedensten Menschen unterschiedlichster Herkunft. Ich bin ein offener Mensch, mich mit Fremden zu unterhalten finde ich spannend, ich genieße es. Ich versuche es zumindest. Die häufigsten Gesprächsthemen sind meine Hautfarbe und meine Herkunft. Nicht selten begegne ich Menschen, die meinen, ich sei nicht Deutsch – doch was es bedeutet, Deutsch zu sein, habe ich bis heute kaum für mich herausfinden können. Es ist eine rassistische Behauptung, Menschen seien nicht Deutsch, weil sie eine andere Hautfarbe haben.

Nehmen wir an, ich bin auf einer Party, was das ein oder andere Mal vorkommt. Ich führe ein nettes Gespräch, versuche mich inspirieren zu lassen, doch dem wird meist ein jähes Ende gesetzt, denn einer der ersten Fragen ist oft: „Wo kommst du her?“ Ich gebe eine ehrliche Antwort: „Ich komme aus Hannover.“ Mein Gegenüber bekommt große Augen, Schnappatmung setzt ein und es wird versucht, so höflich wie möglich meinen Hintergrund genauer zu erfragen: „Aber wo kommst du wirklich her?“ Der ein oder andere Leser denkt sich nun, ist doch halb so wild. Reduzierung auf die Hautfarbe kann ehrliches Interesse sein, jedoch nimmt es oft rassistische Formen im fortlaufenden Gespräch an. Ich stelle mir häufig die Frage, wieso ist es für die Menschen so wichtig, aus welchem Land der Erde ich komme. Fällt es ihnen leichter, mich in eine Schublade zu stecken? Können sie sich meinen Charakter dadurch leichter erschließen? Ändert das etwas daran, wer ich bin? Es ist infrage zu stellen, warum dieses Interesse vom „anderen“ meist nur einseitig ist.

Meine besonderen Favoriten sind jene Menschen, die sich, ohne um Erlaubnis zu fragen, meinen Haaren zuwenden. Das Mädchen in der Bar steht neben mir, greift in meinen Afro und grinst wie ein Honigkuchenpferd. „Ihr habt immer so tolles Haar, das fühlt sich an wie Stroh.“ Respekt vor meiner Intimsphäre? Respektlosigkeit aufgrund der Hautfarbe! Ist es bei Menschen, die anders als die weiße Mehrheitsgesellschaft sind, automatisch erlaubt, Grenzen zu überschreiten? Oft höre ich die Aussage, ich sei „schön für eine Schwarze“. Sind „Schwarze“ normalerweise nicht schön?

Zurück an den Anfang: Wo fängt Rassismus an und ist der Begriff schwarz-weiß definierbar? Wir sehen oft die Spitze des Eisbergs, denn nicht wenige behaupten, sie hätten „nichts gegen Ausländer, aber“. Rassismus ist mehr als das schwarz-weiße Bild, das wir vor Augen haben. Rassismus umfasst mehr als klare Äußerungen und die Stereotype des Nazis. Es sind vor allem die kleinen Dinge. Behauptungen, man sei nicht deutsch als farbige Frau, spreche aber dafür ganz gut die Sprache, tun weh.

Fehlendes Feingefühl oder Respekt wären aus meiner Sicht ein starkes und passenderes Wort, den Begriff Rassismus zu definieren. Es ist Aufgabe der Politik und der Menschen, Rassismus im Detail und in Farbe zu sehen. Im Jahre 2018 sollten wir imstande sein, Rassismus zu vermeiden und das schwarze-weiße Bild auch in Farbe zu erkennen. Egal ob schwarz-weiß, lila, grün oder gelb – die Herkunft eines Menschen sollte nicht der rote Faden des Lebens sein. Denn auch ein Mensch mit einer zum Beispiel dunklen Hautfarbe, möchte in einer weißen Mehrheitsgesellschaft als „normal“ betrachtet und akzeptiert werden.