Direkt zu den Inhalten springen

Politik und Debatte - Impfen, Impfgegner, Medizin Wir impfen nicht!

Die WHO identifiziert Impfgegner als „globale Bedrohung“. Obwohl Impfungen von vielen Medizinern als Meilenstein betrachtet werden, sträuben sich einige hartnäckig dagegen. Sie gefährden so die Eindämmung schwerer Krankheiten.

Starke Nebenwirkungen, Spätfolgen oder Bill Gates, der die Menschheit chippen will: Für Impfgegner spricht vieles gegen das Impfen. (Quelle: iStock)

„Impfungen sind die wirksamste Maßnahme, um Infektionskrankheiten vorzubeugen“, meint der Frankfurter Kinderarzt Dr. Jochen Müller. „Wir haben ihnen die starke Eindämmung der Polio zu verdanken. Und von Pockenviren, einst eine große Gefahr, gibt es nur noch einige wenige in Untersuchungslaboren. Die Masern kehren wegen dieser Spinner aber wieder zurück.“

2001 gab das Robert-Koch Institut die Empfehlung, bereits im Säuglingsalter gegen Masern zu impfen. Seitdem waren die Fälle in Deutschland um über die Hälfte zurückgegangen, bis es 2006 wieder zu neuen Erkrankungen kam. Immer häufiger wurde seither von Impfgegnern berichtet, die sich mit Masern infiziert und regelrechte Krankheitswellen ausgelöst hatten.

„Masern-Impfstoffe gelten als die wirksamsten überhaupt. In 98 bis 99 Prozent aller Fälle schützten sie sicher vor einer Erkrankung. Diese Krankheit hätte längst ausgerottet sein können“, sagt Dr. Müller. „Aber um die Infektionskette zu durchbrechen und somit weitere Ansteckungen zu verhindern, müssten mindestens 95 Prozent der Bevölkerung geimpft werden.“ Diese Quote ist aber noch lange nicht erreicht: Mindestens 8 Prozent der Deutschen haben keine Masernimpfung.

In Foren wie impfschaden.info finden sich Hinweise, warum: Viele der Impfkritiker haben Angst vor Folgeschäden. Denn seit es Impfungen gibt, kursiert auch die Behauptung, dass die Seren starke Nebenwirkungen hätten. Manche von ihnen seien gar gefährlicher als die Krankheiten, vor denen sie schützen sollen.

Eine schreckliche Vorstellung, aber sie ist unbegründet: Um Nebenwirkungen und Folgeschäden zu verhindern, gibt es in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut. Bevor ein Impfstoff zugelassen wird, durchläuft er dort eine lange Reihe an Untersuchungen. Es kann gut 15 Jahre dauern, bis das Institut ein neues Serum genehmigt. Auch erprobte Impfstoffe werden immer wieder neu überprüft. Zum Beispiel der Stoff für die sogenannte 6-fach-Impfung, der einen Schutz vor den häufigsten und gefährlichsten Kinderkrankheiten bietet: Er besteht nur aus bekannten und bereits lang verwendeten Impfstoffen. Vor der Freigabe wurde das Serum trotzdem noch einmal von über 10.000 Probanden getestet. Vermutete Nebenwirkungen können dem Institut gemeldet werden. Sollte sich ein solcher Verdacht bestätigen, würde der Impfstoff umgehend aus dem Verkehr gezogen werden.  

Dennoch reicht das vielen Impfgegnern nicht. Der Medizinjournalist Hans Tolzin kritisiert diese Studien als „nicht ausreichend“: „Es herrscht ein Mangel an aussagekräftigen Studien über die Langzeitschäden von Impfstoffen“, schreibt er auf seiner Website www.impfschaden.info. Dadurch entstünde das Risiko, „Spätfolgen zu vernachlässigen“.

Mit dieser Meinung steht er nicht allein:  Dr. Martin Hirte, Münchner Kinderarzt und führendes Mitglied eines impfkritischen Vereins, hegt ähnliche Bedenken. „Nur 5 Prozent aller schweren Nebenwirkungen werden von Ärzten gemeldet“, sagt er in einem Interview mit dem Naturheil Magazin. Schließlich müsse ein Arzt psychologische Barrieren überwinden, wenn er zugeben soll, dass er einem Kind geschadet hat. Aussagekräftige Studien oder wissenschaftliche Beweise für Impfschäden gibt es aber auch nicht. 

Laut Dr. Müller braucht man sich darüber auch keine Gedanken zu machen. „Wenn es heute noch zu erwähnenswerten Nebenwirkungen kommt, dann in sehr seltenen Fällen. Häufig hat das mit unbekannten Allergien zu tun“, sagt der Kinderarzt. Er gibt zu, dass Impfstoffe früher um einiges bedenklicher waren. Schädliche Substanzen, wie Quecksilber, wurden manchen Impfseren in den 1930er als Konservierungsstoffe beigemischt. Sie werden aber längst nicht mehr verwendet. Einig sind sich beide Ärzte über die Notwendigkeit einer Masernimpfung. Auch Dr. Hirte ist der Meinung, dass zumindest gegen Masern „jedes Kindergartenkind“ geimpft sein sollte und warnt vor den Gefahren der Krankheit.

Lungenentzündungen treten als häufigste Komplikation neben einer Masernerkrankung auf. Für geschwächte Kinder können sie den Tod bedeuten. Erschwerend kommen Gehirnentzündungen hinzu (ca. jeder tausendste Fall), oder die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). SSPE tritt in ca. 4 bis 11 von 100.000 Fällen, auch noch bis zu sechs Jahre nach der Masernerkrankung, auf und verläuft immer tödlich.

Die WHO ermittelte im vergangenen Jahr 35 Maserntote in Europa. „Aber nur, weil sich in Europa vergleichsweise viele Menschen impfen lassen und wir ausreichend Stoffe zur Verfügung haben“, erklärt Dr. Müller. Entwicklungsländer hätten viel höhere Zahlen. Wie der Kongo: Dort sind Masern aktuell die zweithöchste Todesursache bei Kindern. Direkt hinter Ebola. Unicef führt dieses Problem vor allem auf den Impfstoffmangel zurück.

Die meisten Impfgegner lassen sich davon aber nicht überzeugen. Wissenschaftlern, Ärzten und Instituten wird grundsätzlich misstraut. Es sei denn, sie sind ebenfalls strikt gegen Impfungen. Begründet wird diese Einstellung mit unterschiedlichen Hinweisen auf „mafiöse Strukturen“, die in unserem Gesundheitssystem herrschen sollen. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie wurden um Impfungen die vielfältigsten Gerüchte gesponnen. Wie das Schauermärchen des Bill Gates, der plane, die Menschheit per Impfung zu „chippen“. Aber Foren wie impfschaden.info waren schon lange davor Nährboden für Verschwörungstheorien.


Gefährlich wird das vor allem für die „Greenhorns“ in den Foren. Neue Mitglieder sind Impfungen gegenüber zwar schon kritisch eingestellt, suchen meist aber differenzierte Meinungen zum Thema und sachliche Beratung. Die werden sie in den Foren allerdings selten finden. In der Regel treffen sie Mitglieder, deren Hauptargument ihre persönliche Wahrnehmung ist: „Du siehst doch den Unterschied zwischen deinem Kind und der geimpften?“, belehrt das Junior-Mitglied „Fliegertalent“ einen Neuankömmling im Forum. „Klarer Blick, herzliches Lachen (…). Die anderen: dicke Brillen, Augenklappen, Blicke drauf wie im Behindertenheim. (…) auch den Eltern hat man die volle Impfdröhnung angesehen!“ Eigentlich hatte sich seine Gesprächspartnerin nach impfkritischen Kinderärzten erkundigt. Stattdessen bekam sie Geschichten serviert über Kinder, die durch Impfungen oder sogenannte „Chemtrails“ regelmäßig geschädigt würden. Nicht selten lassen sich Mitglieder davon überzeugen. Und werden damit selbst zu Verschwörungstheoretikern.

Eine leichte Skepsis gegenüber Impfungen ist verständlich. Aber keine einzige Impfung durchführen aus Angst vor „Impfschäden“, die noch nie wissenschaftlich bewiesen wurden? Schon im gut immunisierten Europa sind eher Infektionskrankheiten wie Masern ein Grund zur Sorge. In anderen Ländern erreichen sie ihr volles Potenzial, zeigen, was passieren kann, wenn ein Großteil der Bevölkerung nicht geimpft ist. Keine Experten oder Fachmedien sprechen sich gegen alle Impfungen aus. Und Impfgegner aus Internetforen, die dort auch andere Verschwörungstheorien verbreiten, sind durchaus fragwürdige Ratgeber.