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Politik und Debatte - Junge Politik "Wir brauchen mehr junge Menschen in der Politik"

Der Bundestag ergraut, Parteien vergreisen. In der deutschen Politik dominiert die ältere Generation. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Campus38 zeigt, warum ein Verjüngungskurs alternativlos ist.

Graue Wolken über alten Mauern: Frisches Blut ist für die Politik im Bundestag unverzichtbar. (Quelle: iStock)

62, 63 und 75 Jahre – besagen diese Zahlen etwa die stufenweise Anhebung des Renteneintrittsalters? Nicht ganz. Sie verraten uns das Lebensalter der einflussreichsten deutschen Politiker: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Ein Blick auf diese machtvollen politischen Ämter genügt, um exemplarisch darzustellen: Die deutsche Politik altert. Muss die junge Generation der unter 30-Jährigen künftig fürchten, dass ihre Interessen im politischen Geschehen nicht mehr vertreten sind?

Die Zahlen jedenfalls sprechen zunächst eine eindeutige Sprache. Das Durchschnittsalter im aktuellen Deutschen Bundestag liegt bei knapp 50 Jahren. Betrachtet man die Verteilung der Mitglieder in den führenden deutschen Parteien, wird das Ausmaß noch eindeutiger. Laut einer Analyse des Spiegel sind CDU-Mitglieder im Schnitt 60 Jahre, CSU und SPD liegen bei 59, die FDP bei 53 Jahren. Am jüngsten sind die Grünen mit 49,7 Jahren aufgestellt. Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland spricht von einer Entwicklung hin zu „Rentnerparteien“.

Der demographische Wandel befeuert die Alterung


Doch welche Gründe hat die zunehmende Alterung der deutschen Politiklandschaft? Ein ganz zentraler, unveränderbarer Faktor ist dabei nicht von der Hand zu weisen: der demographische Wandel. Seit mehreren Jahren geht eine steigende Lebenserwartung einher mit sinkenden Geburtenraten. In einer Prognose des Statistischen Bundesamtes heißt es: „Die Relationen zwischen Alt und Jung werden sich stark verändern.“ Im Jahr 2050 wird demnach nur etwa die Hälfte der Bevölkerung im Erwerbsalter (20 bis unter 65 Jahre), über 30 Prozent dagegen werden 65 Jahre oder älter und circa 15 Prozent unter 20 Jahre alt sein.“ Schon jetzt befindet sich der Großteil der deutschen Bevölkerung in den 50ern. Somit lässt sich zunächst eine simple Formel aufstellen: Die Strukturen im Bundestag und in den Parteien sind ein Querschnitt der Gesellschaft. „Der Altersdurchschnitt bildet tatsächlich relativ gut auch den Altersschnitt der Bevölkerung ab“, sagt Max Jähnig Domingues, Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen (JuLis) Braunschweig. Imke Byl, die bei der Landtagswahl in Niedersachsen mit 24 Jahren zur Abgeordneten gewählt wurde, betrachtet dies anders: „Das durchschnittliche Alter ist nicht der Kernpunkt, sondern die genaue Verteilung.“ Diese müsse möglichst breit sein.

Aus der demographischen Entwicklung folgt eine für die um Wähler konkurrierenden Politiker einfache Gleichung. „Die ältere Generation hat ein größeres Stimmengewicht. Dies spiegelte sich bereits in Entscheidungen der Großen Koalition wider, die in Themenfeldern wie Rente, künftiger Schuldenabbau oder Bildungsinvestitionen generationenparteiisch – auf Kosten der Jüngeren – handelte“, sagt Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann im Campus38-Interview. Er fordert daher, insbesondere von der älteren Bevölkerung, bei der eigenen politischen Stimme stets eine Art „Generationenverträglichkeitsprüfung“ miteinzubeziehen, die die jeweiligen Vor- und Nachteile berücksichtigt und gewichtet. Frank Oesterhelweg (CDU), Vizepräsident des Niedersächsischen Landtages, sieht dies ohnehin bereits gegeben und zieht dafür den Vergleich einer Familie heran: „Die Großeltern denken auch an die Zukunft ihrer Enkelkinder. Man sollte die Generationen nicht gegeneinander ausspielen.“

Eine wesentliche Rolle spielen außerdem die Parteien selbst. „Sie stellen vermehrt Kandidaten aus dem gehobenen Altersspektrum auf. Insgesamt hadern die jungen Leute zudem mit dieser Organisationsform, die sehr bürokratisch geprägt ist und damit den Erfahrungen aus der schnellen, digitalen Welt widerspricht“, analysiert Hurrelmann. Damit spricht er eine gewisse Unattraktivität der Parteien für die jüngere Generation an. Dem stimmt Oesterhelweg zu: „Es gibt viele Formalia und Versammlungen, ich selbst habe schon einige langweilige Sitzungen erlebt. Man kann sich die Themen nicht immer aussuchen und muss sich auch um Dinge kümmern, die einen zunächst weniger interessieren.“ Byl beschreibt die Parteienstrukturen als „von älteren Leuten dominiert“ und ergänzt: „Junge Menschen haben durch ihr Alter meist weniger stark ausgeprägte Netzwerke, auf die sie zurückgreifen können. Außerdem wird ihnen von außen oft weniger zugetraut, meist begründet mit angeblich fehlender Lebenserfahrung.“

Familie und Beruf stehen der politischen Karriere im Weg

Nur der Politik den Schwarzen Peter zuzuschieben, wäre in dieser Diskussion jedoch viel zu simpel. Schließlich haben die jungen Leute gewisse Zukunftspläne, die im Vergleich zu einer möglichen politischen Karriere priorisiert werden. „Gerade zwischen dem Ende der Schulzeit und dem Ausbildungs- oder Uniabschluss ändern sich die Pläne für das weitere Leben oft noch“, weiß Jähnig Domingues. Dies hängt allerdings auch mit der hohen Fluktuation der politischen Ämter, die in der Regel alle vier Jahre neu gewählt werden, zusammen. Victor Perli (Die Linke) sitzt mit 35 Jahren für den Wahlkreis Wolfenbüttel/Salzgitter im Bundestag. Er sagt: „Die Tätigkeit als Abgeordneter ist kein gewöhnlicher Beruf und garantiert zeitlich befristet. Deswegen kann ich niemandem empfehlen, den eigenen Berufsweg darauf aufzubauen.“ Spinnt man diesen Gedanken weiter, ergibt sich für Oesterhelweg eine klare Position: „Ich halte nichts davon, wenn junge Leute direkt im Parlament sitzen. Es ist für die weitere berufliche Laufbahn schwierig, wenn ein Abgeordneter plötzlich mit 25 aus seinem Amt ausscheidet. Ich sehe den richtigen Zeitpunkt dann, wenn man im Job und familiär gefestigt ist. Das sorgt auch für ein anderes Standing in der Politik.“

Einen guten Einstieg für die ersten politischen Schritte bieten Jungparteien oder Jugendverbände. Doch verfügen diese überhaupt über Einflussmöglichkeiten und werden von der „obergeordneten“ Stammpartei wahrgenommen? Byl, selbst in der Grünen Jugend aktiv, sieht das Kriterium für ihre Partei erfüllt: „Bei den Grünen ist es so, dass sie allein aus ihrem Selbstverständnis heraus ihrem Jugendverband viel Mitspracherecht einräumen. Wir haben beispielsweise Antragsrecht auf Mitgliederversammlungen, einige Landesverbände haben zudem kooptierte Grüne-Jugend-Mitglieder in den Partei-Landesvorständen.“ Auch Jähnig Domingues spricht aus Sicht der JuLis von einer „sehr engen und guten“ Zusammenarbeit mit der Mutterpartei, bei der man seine Vorstellungen und Positionen aktiv miteinbringen könne. Wissenschaftler Hurrelmann pflichtet der Sichtweise der aktiven Politiker bei: „Jungparteien sind von äußerst hoher Bedeutung. Sie fungieren als Foren der jüngeren Generation, um sich durch den Austausch mit Gleichaltrigen wohlzufühlen.“

Dringender Bedarf auf kommunaler Ebene


Zurück zur aktuellen Politik: Hat sie wirklich eine Verjüngungskur nötig? „Ich finde es wichtig, dass die Bundestagsmitglieder motiviert und gewissenhaft ihrer Arbeit nachgehen. Das Alter finde ich da gar nicht so entscheidend“, sagt Jähnig Domingues in Bezug auf die oberste politische Ebene. Hurrelmann stimmt in diesem Aspekt überein, denn nicht das Alter sei entscheidend für die Qualität der Politik, sondern die Inhalte. Geht es nach dem Sozialwissenschaftler, dürfte sich in den kommenden Jahren trotzdem einiges ändern: „Unter den jungen Menschen wächst wieder mehr und mehr eine politisch denkende Generation heran. Ich glaube an die Regenerationskraft des Parteiensystems. Innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre wird es evident, um Jüngere zu werben. Spätestens dann werden die Parteien die Tragweite erkennen.“

Der niedersächsische Landtagsabgeordnete Oesterhelweg macht spezifisch für den kommunalen Bereich einen dringenden Bedarf nach jungen Politikern aus. Diese würden – nach seiner Erfahrung – von den Parteien intensiv gefördert: „Ich kenne nicht ein Beispiel, wo junge Leute mit Potenzial und politischem Interesse abgebügelt wurden. Im Gegenteil: Wir nehmen solche Leute mit Kusshand.“ Perli ergänzt: „Der Altersschnitt ist dort meist noch deutlich höher als im Bundestag und in den Landtagen. Mancherorts werden jüngere Kandidatinnen und Kandidaten bereits händeringend gesucht.“ Dabei biete die Kommunalpolitik attraktive Gestaltungsmöglichkeiten, in der Jüngere sich entfalten und davon profitieren könnten.

Die möglichen Vorschläge der Experten für einen Verjüngungskurs sind vielfältig. Hurrelmann und Byl plädieren für eine Senkung des Wahlalters, damit mehr junge Menschen mitentscheiden können. Zudem bringen beide auch Quoten ins Spiel, nach denen sich die Parteien verpflichten, eine festgelegte Anzahl jüngerer Politiker als Kandidaten aufzustellen. Jähnig Domingues wünscht sich, dass noch mehr junge Leute von sich aus politisch aktiv werden: „Ich habe das Gefühl, junge Menschen sind wieder stärker politisiert. Aus diesem Gefühl, politisch etwas ändern zu wollen, muss man aber auch durch aktives Engagement etwas machen.“ Um die Kommunikation mit der jüngeren Generation zu verstärken, rückt Oesterhelweg die sozialen Medien in den Fokus. „Die Parteien sollten sich mit den Trends mitbewegen und die Themen aufgreifen, die von den Jüngeren in diesen Medien viel diskutiert werden.“

Viele Ansätze, viele Ideen – ob sie realisierbar sind und die Lage verbessern, bleibt abzuwarten. Zurzeit scheint es so, dass die Problematik zumindest auf Bundesebene kaum eine Rolle spielt. Byl dagegen sieht akuten Handlungsdruck auf allen Ebenen, da die aktuelle Politik – auf Kosten der jüngeren Generation – sehr kurzfristig und kurzsichtig ausgelegt sei. Sie appelliert: „Wir brauchen dringend mehr junge Menschen in der Politik, damit politische Entscheidungen zusammen mit VertreterInnen möglichst vieler Altersstufen getroffen werden und dementsprechend auch deren unterschiedliche Interessen berücksichtigen.“

Kernaspekte eines möglichen Verjüngungskurses

 

  • Generationenverträglichkeitsprüfung: Wähler entscheiden nicht nur zum Wohle ihrer eigenen Generation, sondern beziehen mögliche Konsequenzen für Jüngere/Ältere mit ein

  • höhere Bereitschaft junger Leute, in die Kommunalpolitik zu gehen

  • höhere Bereitschaft erfahrener Politiker, die Jüngeren zu fördern

  • stärkeres Engagement politischer Institutionen in sozialen Netzwerken

  • Parteien stellen vermehrt jüngere Kandidaten für wichtige Ämter auf