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Politik und Debatte - Türkei-Krise Wie weit reicht der Arm von Erdoğan?

Die Türkei – ein Land, in dem Kritik an der Regierung nicht geduldet und hart bestraft wird. Wie gehen Türken in Deutschland damit um? Türkischstämmige Studierende berichten. Und wollen unerkannt bleiben.

Recep Tayyip Erdogan ist seit 2014 Präsident der Türkei. (Quelle: Pixabay)

Der Raum ist dunkel und nur eine Ecke ist mit einer einfachen Schreibtischlampe ausgeleuchtet, als die Tür aufgeht. Die zwei Studierenden Ali C. und Mehmed R. (Namen von der Redaktion geändert) aus der Region betreten den Raum, beide sind etwas angespannt und nervös – es ist ihr erstes Interview.

Die Angst, etwas Falsches zu sagen

So wie diesen jungen Studierenden, geht es vielen Türken in Deutschland. Besonders seit dem Putschversuch am 15. und 16. Juli 2016 möchte man nicht zu denen gehören, die verhaftet werden, weil sie kritisch über Präsident Erdogan sprechen. Daher fühlen sie sich wohler, wenn sie unerkannt bleiben können.

„Ich habe keine Angst in der Türkei verhaftet zu werden, ich stelle ja keine Gefahr dar. Das sind eher Journalisten, Politiker oder Menschen, die der Terrororganisation Fetö angehören. Mehr Respekt habe ich davor, Schwierigkeiten zu bekommen, wenn ich später mal einen Job haben sollte, der in der Öffentlichkeit stattfindet, zum Beispiel in einem Fußballverein“, sagt Mehmed gegenüber Campus38. „Da ist meine Vergangenheit sehr wichtig für die Chefs und wenn sie dann herausfinden, dass ich mich im Ausland kritisch über unseren Präsidenten geäußert habe, werden sie mich sofort feuern. Das hat nicht unbedingt nur was mit Erdogan zu tun, das ist im Allgemeinen so. Wenn man einen Club in der Öffentlichkeit darstellt, darf man die Politiker und vor allem den Präsidenten nicht kritisieren.“

Ein Putschversuch und seine Folgen

Seit dem 15. und 16. Juli wird der ganzen Welt deutlich vor Augen geführt, wie hart Präsident Erdogan mit Menschen umgeht, die einer anderen Meinung sind und diese öffentlich äußern. Laut einem Artikel des Focus Online wurden mehr als 150.000 Staatsbedienstete per Dekret entlassen oder suspendiert und mehr als 50.000 Menschen, überwiegend Journalisten, sitzen bis heute in Untersuchungshaft. Ihnen allen wird eine Verbindung zu dem Prediger Fethullah Gülen unterstellt, dem Erzfeind des türkischen Präsidenten, der in Amerika im Exil lebt. Ihm wird zudem die Drahtziehung für den Putschversuch zur Last gelegt.

Auch in Deutschland haben direkt nach dem Putschversuch rund 600 hohe Staatsbeamte Asyl beantragt – diese Zahl steigt an. Oftmals handelt es sich bei ihnen um Beamte, Staatsanwälte, Professoren, Ärzte und Ähnliches. Sie leben in Deutschland sehr zurückgezogen und meiden den Kontakt zu ihren hierlebenden Landsleuten, aus Angst fotografiert und in die Türkei verraten zu werden.

Viele in Deutschland lebende Türken stehen hinter dem türkischen Präsidenten und unterstützen ihn. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu haben etwa 60 Prozent der wahlberechtigten Türken in Deutschland für das Präsidialsystem gestimmt, das im Jahr 2019 vollends in Kraft treten soll. Dies würde noch mehr Macht für Präsident Erdogan bedeuten. Ihm stünde keine Kontrollinstanz mehr im Wege und er könnte über Ministerposten, Haushaltsentwürfe und den „Rat der Richter und Staatsanwälte“ selbst entscheiden.

Im Campus38-Interview antwortet Ali auf die Frage, ob sich in Deutschland lebende Türken von Präsident Erdogan beeindrucken oder vielleicht sogar einschüchtern lassen, so: „Einschüchtern lassen würde ich eher nicht sagen, aber beeindrucken lassen auf jeden Fall. Daran haben meiner Meinung nach die deutschen Medien auch eine Teilschuld, weil sie auf das Spiel von Erdogan eingegangen sind und immer wieder zurückgeschossen haben. Da war so ein Krieg zwischen der Türkei und Deutschland und das war halt zugunsten von Erdogan, dass er Deutschland als Feind dargestellt hat, mit Aussagen wie ‚Die behandeln euch nicht gut. Wählt mich, ihr könnt alle in die Türkei.‘ Das war sein Ziel, dass er ein Feindbild erstellen wollte und das hat aus Erdogans Sicht dann ja auch ganz gut funktioniert.“ Ein passendes Beispiel dafür wäre auch das Auftrittsverbot am Rande des G20-Gipfels in Hamburg.

Falsches Bild durch deutsche Medien?

Ali überlegt und ist letztendlich der Meinung, dass wir vom Land Türkei ein falsches Bild vermittelt bekommen. Es wird oftmals so dargestellt, als würde man als Deutscher direkt festgenommen, wenn man in die Türkei einreist. Bei dem Bild über Präsident Erdogan und sein Verhalten ist er jedoch der Meinung, dass die Medien ihn ziemlich gut beschreiben.

Mehmed ist dagegen der Meinung, dass die Deutschen die falschen Seiten von Erdogan erkennen, ohne dass sie selbst in der Türkei leben und ist etwas enttäuscht, dass viele hier lebende Türken dies nicht wahrnehmen oder vielleicht auch nicht wahrnehmen wollen. Er ist der Meinung, dass die meisten Menschen Präsident Erdogan so sehr mögen und verehren, weil er so religiös ist und die Menschen gut beeindrucken kann.

Wovor haben hier lebende Türken am meisten Angst?

Einige Tage später trifft Campus38 Bahar E. (Name von der Redaktion geändert), eine junge Studierende, in einem menschenleeren Flur in der Hochschule. Wir machen es uns auf dem Fußboden bequem. In weiter Ferne ist das Gemurmel Studierender zu hören und ab und an klappt eine Tür. Auch Bahar möchte unerkannt bleiben, zu groß ist dann doch die Angst durch ihre Aussagen aufzufallen.

„Aufgrund Erdogans Machtwahn und seiner aggressiven Art gegen Kritiker vorzugehen, hat man schon Ängste, etwas von sich zu geben, was die türkische Regierung auf irgendeiner Art und Weise mitbekommen könnte. Natürlich ist die Chance – im Vergleich zu den Fällen der angeklagten und inhaftierten Journalisten aus Deutschland – zum Staatsfeind erklärt zu werden, etwas geringer“, erklärt Bahar. „In unserer heutigen Zeit läuft sehr viel auch über das Internet, insbesondere über Social Media wie Facebook, aber seitdem durch kritische Posts gegen Erdogans Regierung die Maßnahme der Hausdurchsuchungen und Anhörungen in der Türkei eingeleitet wurden, ist man als kleiner Bürger etwas vorsichtiger, was, wo und zu wem man etwas sagt.“

Diese Angst werde auch über die Grenzen der Türkei hinaus verspürt, sagt Bahar, denn sowohl die deutsche als auch die in Deutschland lebendende türkische Gesellschaft würden ihrer Ansicht nach nicht zu hundert Prozent verschont. „Wenn ich mit meiner Familie in die Türkei einreise, habe ich bereits am Flughafen Angst, dass den Polizisten irgendetwas nicht passen könnte. Ich finde es einfach nur traurig und erschreckend, dass man in seiner Heimat aufgrund dieser Tatsachen quasi mundtot gemacht wird und in seinen menschlichen Freiheiten eingegrenzt ist.“

Erdogan hebt Atatürks Strukturen auf

Sie ist der Meinung, dass der türkische Präsident mit seiner aktuellen Politik einen großen Schritt in die Vergangenheit macht, denn er versucht die Türkei völlig neu zu schaffen. Die alten Strukturen, die Atatürk als Begründer des Landes geschaffen hatte, wie zum Beispiel die Bildung der Gesellschaft und Trennung zwischen Staat und Religion, sollen komplett umstrukturiert werden.

Wie das Beispiel des inhaftierten deutschen Journalisten türkischer Abstammung Deniz Yücel zeigt, hat man in der Türkei nicht das Recht zu sagen, was man möchte und muss ständig aufpassen. Er hat seine Meinung geäußert und wurde daraufhin in der Türkei verhaftet. Ein ähnliches Schicksal wie Deniz Yücel erlitten auch zehn Menschenrechtler, die am 5. Juli 2017 während eines Workshops in der Türkei festgenommen wurden. Unter ihnen waren auch die Direktorin der türkischen Amnesty-Sektion Idil Eser und der deutsche Menschenrechtskämpfer Peter Steudtner. Ebenso sitzt, laut Amnesty Deutschland, der Vorstandsvorsitzende der türkischen Amnesty-Sektion Taner Kılıç seit dem 9. Juni 2017 in Untersuchungshaft. Ihnen allen wird die „Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation“ vorgeworfen. Viele der Menschenrechtskämpfer sind wieder auf freiem Fuß und müssen jetzt auf ihren Prozess warten.

Die Entwicklung der Türkei ist erschreckend und die Auswirkungen weitreichend. Einfluss hat Erdogans Politik nicht nur auf die Türkei, auch Deutschland und die hier lebenden Türken sind betroffen. In einem Land, in dem Meinungsfreiheit eines der wichtigsten Güter ist, haben Menschen Angst ihre freie Meinung zu äußern. Wie lange wird Deutschland und die Welt noch dabei zusehen? Wie lange wird jeder einzelne Mensch noch zusehen? Wichtige Fragen auf die Antworten dringend nötig sind und noch immer weit entfernt scheinen.