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Politik und Debatte - Pflegeberuf Wertlose PflegerInnen

Die Umstände für das Pflegepersonal werden immer schlechter: Sie arbeiten hart, werden mangelhaft entlohnt und erhalten kaum Wertschätzung. Der Fachkräfte-mangel in Deutschland verschärft sich. Was sagen PflegerInnen und Ärzte?

Eine Pflegerin misst den Blutdruck einer Patientin. (Quelle: Chris Goldhorn)

Es ist fünf vor sechs, gleich beginnt der tägliche Wahnsinn – Schwester Gabis Frühschicht. Die Nachtwache übergibt an den Frühdienst. Dann teilt sich der Frühdienst in die Bereiche auf. 32 Patienten sind zu betreuen. Schwester Gabi hofft auf eine Dreiteilung, dann müsste sich jede/r nur um zehn bis elf Patienten kümmern. Von zwanzig nach sechs bis halb acht Uhr inspiziert sie die Zimmer, versorgt die Patienten, wäscht sie, holt sie aus den Betten, mobilisiert sie. Direkt im Anschluss überprüft die Pflegerin die Medikamente und teilt neue aus.

Alles bis acht Uhr, dann bringt sie ihren Patienten das Frühstück. Sie muss Dokumente ausfüllen, die Visite begleiten und anschließend ausarbeiten. Zwischendurch dreht sie ihre Patienten, sofern diese sich nicht selbstständig im Bett bewegen können, nimmt OPs an und bereitet sie vor. Zu den 32 Patienten kommen noch bis zu zehn vorstationäre Patienten hinzu, die neu aufgenommen werden müssen. So sieht ein typischer Morgen bei Schwester Gabi und ihren Kolleginnen in dem Diakovere-Friederikenstift-Krankenhaus in Hannover aus. „Stress ist es immer“, sagt Schwester Gabi. 27 Jahre arbeitet sie schon im Haus.

Laut der Bundesregierung sind in der Alten- und Krankenpflege mindestens 36.000 Stellen nicht besetzt. In den nächsten fünfzehn Jahren wird die Zahl der Pflegebedürftigen voraussichtlich um fünfzig Prozent auf mehr als drei Millionen steigen. Dann werden rund eine halbe Million Fachkräfte fehlen. Der Personalmangel in der Krankenpflege verschärft sich immer weiter. Zu viele PatientInnen, zu wenig Zeit. Stand 2012: Im Schnitt muss sich eine Krankenschwester in Deutschland um 13 Patienten kümmern. In Schweden sind es nur 7,7, in der Schweiz 7,9 und in den USA nur 5,3 Patienten. Kann bei solchen Umständen die Qualität der Pflege überhaupt gewährleistet werden?

Hauptproblem: Mangelnde Wertschätzung


Neben langen Schichten, belastenden Arbeitsbedingungen und niedrigem Gehalt, fehlt Schwester Gabi aber vor allem eines: die Wertschätzung und Anerkennung der geleisteten Arbeit in der Gesellschaft. Wie die Caritas schon vor einigen Jahren schrieb, werden „über die Ausrichtung sozialer Dienste an betriebswirtschaftlichen Kriterien der Effizienzsteigerung und Kostensenkung“ unbeabsichtigte Signale an die Gesellschaft gesendet.

Die Leistungen der PflegerInnen werden nicht hoch vergütet. Das durchschnittliche Bruttogehalt einer Krankenschwester in Niedersachsen beträgt zirka 2.330 Euro. Das ist der Wert, den die Gesellschaft der erbrachten Leistung beimisst. Dazu kommt, dass die empfundenen Arbeitsbedingungen, aufgrund des Personal- und Zeitmangels, als schlechter bewertet werden. Der Pflegeberuf wurde somit abgewertet. Laut Lexikon ist Wertschätzung die „positive Bewertung einer anderen Person“. Genau diese Wertschätzung und auch die Anerkennung wünschen sich viele Pflegekräfte. „Es geht uns nicht so sehr ums Geld, sondern um die Anerkennung der Leistung, die dahinter steckt“, erklärt Schwester Gabi.

„Pflegen kann jeder“ – diesen Spruch kann sie nicht verstehen, denn keiner weiß, was Pflege eigentlich ist, es sei denn, man wird selber PatientIn. Die PatientInnen auf den Stationen wissen, was die KrankenpflegerInnen leisten und erkennen das auch an. „In der Gesellschaft selber wird es einfach hingenommen.“ Auch Olaf Krause, Oberarzt im Krankenhaus Diakovere Henriettenstift Hannover, berichtet, dass „von Seiten der Patienten Wertschätzung entgegengebracht wird, aus der Bevölkerung eher weniger“. Krause fühlt sich seinerseits von der Gesellschaft als Arzt wertgeschätzt, sieht aber keinen Grund dafür, dass diese beiden Berufe so unterschiedlich wertgeschätzt werden. Pflegekräfte seien viel näher an den PatientInnen dran. „Wie viel und schnell die arbeiten müssen, das ist eine unheimliche Belastung, das sollte von der Gesellschaft höher anerkannt werden“, findet er.

Dass ein Arzt nach zwölf Jahren Ausbildung mehr Geld verdient als PflegerInnen, findet Schwester Gabi selbstverständlich. „Aber von der Anerkennung selber, finde ich, könnte es gleich sein. Da sehe ich keinen Unterschied“, sagt sie. Das extreme Ungleichgewicht in der Anerkennung, welches offensichtlich existiert, kann von beiden Seiten nicht nachvollzogen werden.

Wird der Nachwuchs abgeschreckt?


Die schlechten Arbeitsbedingungen, der soziale Status sowie die geringe Entlohnung sind weit bekannt. Auch für den Nachwuchs spielen diese Kriterien eine entscheidende Rolle bei der Berufswahl. Sowohl Schwester Gabi als auch Arzt Krause sorgen sich um die Zahl der NachfolgerInnen. Sie glauben, dass die schlechten Umstände und der finanzielle Faktor, trotz eines vorhandenen Interesses, Jugendliche davon abhalten könnte, diesen Berufsweg einzuschlagen. Sascha Georgiadis, Koordinator für Betriebspraktika und für die Studien- und Berufswahl am Goethegymnasium Hildesheim, glaubt, dass der Berufssektor Pflege an Bedeutung gewinnen wird. Viele neugeschaffene Arbeitsplätze könnten seiner Meinung nach sehr wohl attraktiv sein. Gerade im Unterrichtsfach Politik und Wirtschaft, in dem es um Sozialstaatlichkeit und demographischen Wandel geht, würden diese Berufe häufig thematisiert. In solchen Kontexten sagen SchülerInnen zwar, dass Ihnen die Bezahlung nicht immer angemessen erscheint. Gleichzeitig sehen sie die Berufe als wichtig an, so Georgiadis. Häufig haben die jungen Leute „sehr hohe und unrealistische Ziele, die der Beruf der Pflege nicht bietet“.

Vorbild für das deutsche Pflegesystem könnte ein Nachbarland sein. In der Schweiz herrscht ein anderes Klima in Krankenhäusern. Zwar ist auch dort nicht immer genügend Zeit für die PatientInnen, jedoch sind sie vom Personal deutlich besser aufgestellt. „Pausen habe ich erst hier kennengelernt“, schildert Ekrem Krivaqa, Pflegefachmann in der Klinik im Park Zürich.. „Es ist hier machbar, die Arbeitszeiten besser einzuteilen und so ist es gut möglich, Empathie für die Patienten zu entwickeln und Krankheitsverläufe zu erkennen.“ Neben dem Zeitmangel für die PatientInnen, sei der Job auch aufgrund der höheren Bezahlung und Wertschätzung sowie Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten attraktiver, verdeutlicht Krivaqa, der über 30 Jahre lang in Deutschland gearbeitet hat.

Die Anerkennung sozialer Dienste muss in einem reichen Land wie Deutschland gesteigert werden. Nach Forschungsergebnissen der internationalen Pflegestudie RN4Cast fühlen sich nur 35 Prozent der deutschen Pflegekräfte in ihrer Arbeit anerkannt. In der Schweiz liegt der Anteil bei 61 Prozent. Dass es in anderen Ländern besser läuft, führt Oberarzt Krause auf eine andere Grundhaltung zurück: „Das Gesundheitswesen braucht viele Ressourcen und viele Köpfe.“ In Deutschland versuche man dagegen „zu testen, mit wie wenig Pflegekräften wir das schaffen können, ohne dass alle kündigen oder krank werden“. Diese Reduzierung auf die geringstmögliche Personaldecke erzeugt enorme Arbeitsverdichtungen und führt zum Zeitmangel bei jedem/r einzelnen PatientIn. „Die geringe Anzahl und die teils schlechte Ausbildung der Pflegekräfte führt zu einer inakzeptablen Betreuung der Pflegebedürftigen“, ergänzt Steven Müller-Rautenberg, Kundenberater der HKK Krankenkasse. „Oftmals sind die unterbesetzten Pflegekräfte mit der Pflegesituation überfordert.“

Ein Blick in die Zukunft


Man muss wieder lernen, anzuerkennen, dass es solche Berufe gibt und, dass hier viel Arbeit geleistet wird, wünscht sich Schwester Gabi. Damit sich in Zukunft wieder mehr junge Menschen für den Pflegeberuf interessieren, muss die Attraktivität des Berufes erhöht werden. „Ich hätte gerne, dass man von oben sagt: Wir brauchen Krankenschwestern und sie sind uns so wichtig, dass wir auch den Mut haben, unser Gesundheitssystem mal ganz umzubauen“, formuliert Schwester Gabi ihre Wünsche für die Zukunft. Es soll endlich deutlich werden, dass die Aufgaben von Krankenschwestern und Krankenpflegernnicht nur PatientInnen füttern und putzen umfassen, sondern auch viel mit Verantwortung zu tun haben. Verantwortung dafür, dass die von den Ärzten festgelegte Therapie auch funktioniert. Verantwortung dafür, die Patienten in schweren Zeiten zu begleiten und für sie da zu sein – das sind Aufgaben, die sehr viel Spaß machen können.

Auch Krankenkassen-Vertreter Müller-Rautenberg fordert attraktivere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte: „Es müssten höhere Löhne bezahlt werden, da es sich hierbei um eine schwere körperliche, sowie psychisch belastende Tätigkeit handelt.“ Wer diese jedoch zahlen soll, ist ein heikles Thema, welches Union und SPD noch unbeantwortet lassen.

Klar ist: Ob die Pflegebedürftigen selber, die Arbeitgeber und/oder die Steuerzahler – irgendwer muss dafür aufkommen. Steigende Krankenkassen- und Pflegebeiträge sind jedoch so beliebt wie sechs Wochen norddeutscher Dauerregen. Einige Hürden sind zu nehmen. Elementare Faktoren, wie zum Beispiel die Anzahl an Personal, müssten sich ändern, um das Wohl der PflegerInnen, aber auch der Patienten zu garantieren. Immerhin hat die Bundesregierung als Reaktion auf den starken Personalmangel ein Sofortprogramm mit 8.000 Stellen angekündigt. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Frank Weidner vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung sieht das Problem als zu groß an, als dass man es in so kurzer Zeit lösen kann. „Man kann sicher schnell versuchen, die Tarife zu verbessern und auch einzelne Stellen neu besetzen“, so Weidner. Jedoch wird das Problem dann nur gemildert, aber nicht gelöst. Personal aus dem Ausland zu holen scheint eine kurzfristige Lösung zu sein. Sollte die Sprachbarriere überwunden sein, so kennen viele KrankenpflegerInnen aus dem Ausland immer noch nicht die Pflege, wie wir sie in Deutschland kennen. In ihren Herkunftsländern hatten sie oft andere Aufgaben. Noch ist keine langfristige Lösung in Sicht.