Direkt zu den Inhalten springen

Politik und Debatte - Sport, Chancengleichheit, Trampolinturnen Wenn der Geldbeutel über den Erfolg entscheidet

Die elfjährige Nikola Volska hat sich für die Jugend-WM im Trampolinturnen qualifiziert. Neben der großen Freude über die Qualifikation gibt es ein Problem: Die WM findet in Tokio statt und die Hälfte der Kosten in Höhe von 3.050 Euro muss selbst aufgebracht werden. Dürfen also nur diejenigen teilnehmen, die es sich auch finanziell leisten können?

An Talent mangelt es Nikola nicht. Doch trotzdem muss sie auf ihrem Weg nach oben Hindernisse überwinden. (Quelle: Nele Kanzer)

Nikola verbringt ihre Freizeit hauptsächlich in der Sporthalle und trainiert dort von morgens bis abends. Das Ziel: so weit nach vorne kommen wie möglich. Ganz nach oben, an die Spitze. Olympia. Doch, um es dort hin zu schaffen, muss man hart trainieren, viele Wettkämpfe bestreiten, gewinnen und viele weitere Hindernisse überwinden.

Besonders für die jungen Leistungssportler gibt es viele Herausforderungen, denen sie sich schon vor der Teilnahme an den großen und wichtigen Wettkämpfen stellen müssen. Beispielsweise die World Age Group Competitions (WAGC), die dieses Jahr in Tokio, Japan stattfinden. Um sich bei diesem Wettkampf, der auch als Junioren-Weltmeisterschaft beim Trampolinturnen gilt, zu qualifizieren, muss man in einem vorausgehenden Wettkampf eine bestimmte Punktzahl und Platzierung erreichen. Das heißt, dass sich theoretisch jeder, der an diesem vorherigen Wettkampf teilnimmt und die angeforderten Kriterien erfüllt, qualifizieren kann. Doch qualifizieren bedeutet in diesem Fall noch nicht die hundertprozentig gesicherte Teilnahme, denn um teilnehmen zu können, muss ein hoher Eigenanteil aufgebracht werden. In Deutschland müssen die Sportler jeweils einen Eigenanteil in Höhe von 3.050 Euro im Vorfeld leisten. Diese Summe muss jeder einzelne Teilnehmer selbst organisieren, was beispielsweise über individuelle Sponsoren, Drittmittelgeber oder Angehörige erfolgt. Natürlich ist die Höhe des Eigenanteils immer abhängig von dem jeweiligen Wettkampf und dem Austragungsort, da sich die Summe aus dem Flug, der Unterkunft, der Trainerbetreuung, den Fahrtkosten und der Verpflegung zusammensetzt.

Insgesamt belaufen sich die Kosten für die Teilnahme in Tokio auf bis zu 6.000 Euro. Der Deutsche Turner Bund (DTB) übernimmt die Hälfte der Kosten. Da diese bei 18 deutschen Teilnehmern und Teilnehmerinnen aber 54.900 Euro betragen, kann der DTB die Kosten nicht ausschließlich aus Eigenmitteln finanzieren. Daher beteiligen der Förderverein und die Firma Eurotramp sich an den Teilnahmekosten der Athleten und Athletinnen, die sich in Deutschland qualifiziert haben. In der Regel erfolgt bei Maßnahmen des Spitzenverbandes (DTB) die komplette Kostenübernahme, da 2019 allerdings mehr Sportler und Sportlerinnen als üblich nominiert wurden, können ausschließlich die Kosten der Teilnehmer in der Altersgruppe 17 bis 21 komplett übernommen werden. Das liegt daran, dass diese Altersgruppe der Hauptwettkampfklasse zugeordnet werden kann und deswegen über Mittel, die das Bundesinnenministerium zur Leistungssportförderung zur Verfügung stellt, finanziert werden. Nach Chancengleichheit für die einzelnen Sportler klingt das zunächst nicht.

Um die jungen AthletInnen zu unterstützen werden häufig Spendenaufrufe gestartet oder die Fördervereine bieten ihre Hilfe an. Aber was passiert mit denen, die das Geld nicht aufbringen können? Bedeutet fehlendes Geld automatisch, dass sie nicht an dem Wettkampf teilnehmen können, trotz Talent, jahrelanger Leistungsbereitschaft und strikter Disziplin? Im Zweifelsfall: ja.

Welche Signalwirkung mag dies zum Beispiel auf nachfolgende Sporttalente oder Vereinskameraden haben? Ist nicht jeder bestrebt, am Ende der Strapazen auch eine Belohnung zu erhalten, also die Ehrung der Leistung vor großem Publikum, die Ehre seinen Verein und sein Land in diesem Wettkampf zu repräsentieren? In seiner Stellungnahme zur Verteilung finanzieller Mittel, erklärt Carsten Röhrbein, Vorsitzender beim Leistungssport und Vizepräsident des NTB: „In diesem besonderen Fall mit mehr als 3.000 Euro empfinde ich den Betrag auch als sehr hoch, aber nicht als ungerecht. Denn die Kosten fallen ja tatsächlich an und müssen beglichen werden. Als Verbandsfunktionär weiß ich auch um das Gezerre um die Finanzmittel. Letztlich ist der DTB nicht nur diesen 18 Sportlern verpflichtet, sondern allen seinen rund 5 Millionen Mitgliedern in 18.000 Vereinen bundesweit.“

In Frankreich haben sich dieses Jahr beispielsweise 33 Turner bei den WAGC qualifiziert. Der Verband übernimmt hier die vollen Kosten für die Trainer. Die Kosten für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind jedoch abhängig von dem jeweiligen Verein und meist selbst zu zahlen. Der Eigenanteil variiert zwischen einer Finanzierung von null bis 100 Prozent. Das heißt, dass in manchen Fällen sogar die vollständigen Kosten von 6.000 Euro übernommen werden.  Ähnlich verhält es sich auch in den USA. Abhängig vom jeweiligen Staat, beziehungsweise der jeweiligen Region, werden die Athleten und Athletinnen bei der Deckung der Kosten unterstützt, doch auch hier müssen einige die gesamten Kosten oder zumindest einen Teil selbst aufbringen.

Letztendlich gab es auch für Nikola ein Happy End. Die Kosten für ihre Teilnahme an den WAGC wurde durch Spenden im vollem Umfang gedeckt. Nach aufregenden und anstrengenden Tagen in Tokio und monatelanger Vorbereitung erreichte sie in der Altersklasse der jüngsten Teilnehmer (11/12 Jahre) mit einer souveränen Übung am Ende den 13. Platz. Insgesamt ist sie gegen 34 Teilnehmer angetreten und mit ihrer Gesamtleistung mehr als zufrieden. Sie ist gespannt, wie es für sie weiter gehen wird und freut sich auf die Zukunft.