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Leben und Gesellschaft Vom Mobbingopfer zur Auswanderin

Mit 14 Jahren die ersten Nacktbilder verschickt, mit 15 Jahren das Mobbingopfer der gesamten Schule – dank eines Sexvideos. Campus38 erzählt die Geschichte von Janina, fast acht Jahre später.

Plötzlich gehen an der Schule persönliche Nacktbilder und Sexvideos herum. Wie soll man als TeenagerIn und auch im Berufsleben danach damit umgehen? (Quelle: iStock/SolStock)

Schrilles Klingeln. Die letzten SchülerInnen verschwinden in den Klassenräumen. Nur Janina steht noch auf dem leeren Flur. Es ist acht Uhr – Schulbeginn. Blockstunde Deutsch. Ein Fach, das Janina mag. Sie war schon immer gut darin. Nervös ist sie deswegen nicht. 8:05 Uhr. Der Lehrer verspätet sich. Nach ein paar langen, beruhigenden Atemzügen betritt sie schließlich das Klassenzimmer. Sie schaut auf lange Tischreihen und fremde Gesichter. Kennen tut sie fast niemanden ihrer neuen MitschülerInnen. Diese kennen sie dafür umso besser. Handys werden gezückt und für den Bruchteil einer Sekunde scheint die Welt still zu stehen. Es ist ruhig. So ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Dann bricht die gesamte Klasse in Gelächter aus. Die Blicke nach wie vor auf den Bildschirm gerichtet. Was darauf zu sehen ist, weiß Janina genau: „Die meisten Jugendlichen haben sich mit 15 Jahren darüber Gedanken gemacht, wie sie nach einer Hausparty die Kotze aus dem Teppich ihrer Eltern kriegen. Als ich 15 war, habe ich überlegt, wie lange es wohl dauert, bis mein nackter Hintern von den Handys meiner Mitschüler verschwunden ist.“

Fast acht Jahre sind seitdem vergangen. An ihren ersten Tag in der neuen Schule erinnert sich Janina jedoch nur zu gut. „Ein einschlagendes Erlebnis“, wie sie es nennt. Geweint hat sie damals allerdings nicht. „Das Video machte schon die Runde, bevor ich auf die neue Schule ging. Die ein oder andere dumme Bemerkung gab es also schon im Vorfeld. Insofern war ich gewappnet für das, was noch kommen würde. Wirklich schlimm wurde es erst später“, beschreibt die heute 23-Jährige.

Sex, Alkohol und Partys mit 13 Jahren


Als das zweite von drei Kindern wächst Janina in einem kleinen Dorf in Niedersachsen auf. Es ist ein gutes Leben. „Eben typisch Dorf“, wie sie es selbst beschreibt. Doch dann verändert sich alles. Die Firma ihres Vaters wird insolvent, die Familie steht kurz vor dem Bankrott und ihre Eltern kurz vor der Scheidung. Streitereien werden zum Alltag, Alkohol, Sex und Partys zum Zufluchtsort. Das behütete Leben, wie Janina es einst kannte, existiert nicht mehr. Stattdessen wirkt der Alltag zunehmend belastend, die Traditionen lächerlich und die Ansichten kurzsichtig. Janina ist in dem Alter, in dem die Welt zu groß und die eigene Familie zu klein wird. Sie ist erst dreizehn, doch der Wunsch nach Freiheit ist groß. Und Freiheit wird gleichgesetzt mit Erwachsensein und Erwachsensein bedeutet keine Grenzen.

Eine Grenzlosigkeit, die das Familienleben weiter zerrüttet: „Man könnte sagen, ich war sehr frühreif. Ich habe schon früh angefangen, Alkohol zu trinken und war mit ungefähr dreizehn, vierzehn Jahren auf jeder Dorfparty. Zu dem Zeitpunkt hatte ich dann auch meinen ersten Freund. Ich glaube, der war damals 18 und dadurch hat sich das Verhältnis mit meinem Vater sehr verändert, weil er damit nicht einverstanden war. Aber ich wollte es so. Er hat das nie verstanden, aber ich habe mich dadurch einfach gut gefühlt.“

Ich wollte Bestätigung für meinen Körper“


Zwischen Lady Gaga- und Katy Perry-Postern übernimmt schließlich das Internet die Führung in Janinas Leben. Anfangs handelt es sich noch um harmloses Sexting. Ein Foto hier, ein Foto da. Stolz posiert sie dabei in ihrer ersten Reizwäsche: einer Korsage mit Strapsen, einem dazu passenden String und halterlosen Nylon-Strümpfen. Die verspielten Blümchen auf dem Netz-Stoff und die bonbonrosa-weiße Farbkombination sind aus heutiger Sicht vermutlich ein Indiz dafür, dass sie für diese Art der Sexualität noch zu jung war, reflektiert sie rückblickend. „Mein Selbstbewusstsein war mit 14 ziemlich gering.Ich wollte Bestätigung für meinen Körper und hoffte, dass man mich besonders sexy und vor allem erwachsen finden würde.“

Kein kleines Mädchen, sondern eine junge erwachsene Frau. Das ist das Bild, dass Janina verkörpern möchte. Auf manchen Fotos präsentiert sie ihre Brüste ohne Gesicht. Auf anderen liegt sie nackt auf dem Bauch und blickte in die Kamera. Angst, dass die Bilder in falsche Hände geraten können, hatte sie nie: „Die Bilder verschafften mir viel Aufmerksamkeit und ich wurde überschüttet mit Komplimenten. Das war ein tolles Gefühl. Klar, man wird von allen Seiten davor gewarnt, Nacktbilder zu verschicken. Aber ich habe es trotzdem getan und mir nie großartig dabei was gedacht. Ich kannte ja die Typen.“

Nacktbilder


In einer repräsentativen Umfrage anlässlich des Safer Internet Day gaben 16 Prozent der befragten 14- bis 18-Jährigen an, schon einmal Nacktfotos von sich gemacht zu haben. Gleichzeitig berichtete rund die Hälfte der Jugendlichen, dass sie zumindest jemanden kennen, dessen Bilder verbreitet wurden oder der deswegen erpresst oder gemobbt wurde.

Doch bei den Fotos sollte es nicht bleiben. Nach einer wilden Partynacht mit viel Alkohol und wenig Schlaf, landet Janina mit zwei Typen im Bett und wenige Wochen später in einem Video auf unzähligen Bildschirmen. Eine Situation, die die damals 15-Jährige laut eigenen Worten fast paranoid machte: „Wenn ich herumlief, hatte ich das Gefühl, jeder erkennt mich und jeder kennt das Video.“ Janina versucht sich zu wehren und stellt die Jungs schließlich zur Rede. Die behaupten jedoch, von all dem nichts zu wissen. Die Jungs bezeichnen sie als Schlampe, die es nicht anders verdient hätte.

Als sich schließlich auch ihre Freunde von ihr abwenden, versucht sie Halt in ihrer zerrütten Familie zu finden: „Das schlimmste an alldem waren gar nicht die dummen Typen und Sprüche, die ich mir anhören musste, sondern die Tatsache, dass ich niemanden hatte, an den ich mich wirklich wenden konnte. Das Verhältnis zu meinen Eltern war vorher schon schlecht und meine angeblichen Freunde haben kein Wort mit mir geredet. Irgendwann habe ich dann den Mut gefunden, es meiner Mutter zu erzählen. Mein Vater fand es ein paar Tage später durch die Nachbarn selbst heraus.“ Trotz der belastenden Situation, unterstützt ihre Familie Janina und begleitet sie auf dem Weg zur Polizei und schließlich auch vor das Gericht. Ihre Taten zeigten Wirkung. Nach einigen Monaten verschwinden die ersten Videos von den Bildschirmen. „Früher oder später hatte jeder Schiss davor, mit dem Video erwischt zu werden“, beschreibt eine ehemalige Mitschülerin. „Man wusste, dass Janina bei der Polizei war und es ging das Gerücht um, dass sie das Video aufspüren könnten und man sich strafbar machen würde. Keiner von uns wusste so recht, was genau davon stimmte. Aber die Angst erwischt zu werden, war letztendlich glaube ich doch zu groß.“

Mein Vater konnte mir nicht mehr in die Augen schauen“


Wer letztendlich welche Bilder gesehen hat, weiß Janina bis heute nicht. Auch ob ihre Eltern das Video jemals wirklich gesehen haben, ist unklar. „Sie haben mich im ganzen Prozess wirklich unterstützt und dafür bin ich ihnen dankbar. Aber man hat schon gemerkt, dass sich etwas verändert hat. Mein Vater konnte mir während dieser ganzen Zeit nicht wirklich in die Augen schauen. Ich war eben nicht mehr das kleine Mädchen“, beschreibt sie ihre Erinnerungen. Als der Prozess endlich endet, steht Janina kurz vor den Abitur-Prüfungen. Seit der Veröffentlichung des Videos sind zu dem Zeitpunkt fast drei Jahre vergangen – drei lange und sehr harte Jahre. Verurteilt wurde jedoch nur einer der vermeintlichen Täter wegen Verbreitung von pornographischen Darstellungen Minderjähriger.

Doch auch nach dem Prozess kann Janina nicht mit den Ereignissen der Vergangenheit abschließen. „Auch, wenn sich alles irgendwie spätestens nach dem Prozess wieder beruhigt hatte, waren das immer noch einige Jahre, die bis dahin vergingen und das war nicht einfach. Vor allem weil es zu dem Zeitpunkt auch eine ziemlich große Sache war. Mittlerweile gehören durch Snapchat und Co. Nacktfotos ja schon zum Alltag, aber damals war das eben noch alles irgendwie neu und interessanter.“

Dass das Video nicht nur in Janinas näheren Umkreis große Beachtung findet, zeigt sich einige Jahre später bei ihrem Teilzeitjob. Während ihrer Arbeitszeit in einem Fitness-Center, nahe ihrer Heimat, wird sie von einem Kunden erkannt und auf das Video angesprochen. Das Gespräch droht zu eskalieren. Wenig später landet Janina im Büro ihres Chefs. Gefeuert wird sie jedoch nicht. „Als Janina bei uns angefangen hat, wusste ich nichts von dem Video“, erklärt ihr ehemaliger Chef, „Aber selbst wenn, hätte ich meine Meinung nicht geändert. Ich habe sie als fleißiges und zuverlässiges, nettes Mädchen kennengelernt. Und nur darauf kommt es an. Genau das habe ich ihr auch gesagt.“

An dieser Stelle bildet sich ein Knackpunkt in Janinas Leben. Sie muss feststellen, dass ihre ArbeitskollegInnen, die sie erst seit wenigen Monaten kennt, mehr hinter ihr stehen, als Freunde und Bekannte, die sie von Kindesbeinen an kennen. Mit einer Frage fasst sie ihre Gefühle über diese Erkenntnisse zusammen: „Wer will in einem Umkreis sein, wo jeder dir ins Gesicht lächelt und gleichzeitig hinter deinem Rücken tuschelt?“

Ein neues Leben Down Under


Mittlerweile sind einige Jahre vergangen. Doch über das Mädchen, dass ihre Jungfräulichkeit verloren und sich mit jungen Erwachsenen betrunken hat, während ihre Altersgenossen zum größten Teil noch mit Barbies gespielt haben, wird immer noch getuschelt. So scheint das Video von Janina nach all den Jahren alles zu sein, was in den Köpfen ihrer ehemaligen MitschülerInnen hängengeblieben ist. „Wie das Mädchen aus ‚The Girl Next Door‛, nur eben nicht so professionell“, beschreibt ein ehemaliger Klassenkamerad die heute 23-Jährige beim diesjährigen Klassentreffen.

Janina selbst bekommt von alldem jedoch nichts mehr mit. Seit 2014 lebt sie in Australien. Was als Work-and-Travel-Jahr begann, endete in einer Liebe Down Under. Die Liebe zum unbekannten, großen Kontinent und zum Australier Kandula verändern sie. Aus blond wird rot und wo einst nur Sommersprossen ihren Körper bedeckten, zieren nun große Tattoos ihre Haut. Nichts weist länger auf das junge Mädchen aus einem kleinen Dorf in Deutschland hin.

Im September 2016 heiraten Janina und Kandula am Strand der australischen Ostküste. Der Beginn einer Zukunft weit weg von Deutschland. Trotz aller Veränderungen bleibt das Video ein Teil von ihr. Ein Teil, den sie auch vor ihrem damals zukünftigen Ehemann nicht verbergen wollte. „I remember the first time, we talked about it. First, I thought she was joking because of the way she talked about it“, beschreibt Kandula seine Erinnerungen an das Geständnis seiner Frau. „She seemed so chill even though it’s kind of a scary story. But then I started to understand what she has been going through and how she became the person she is today. And I love that person.“

Was anfangs für Janina nur eine kleine Auszeit sein sollte, entwickelte sich so zu einer neuen Chance. Ein Neuanfang. Sie selbst bereut die Ereignisse der Vergangenheit deshalb nicht: „Ich glaube, dass das Video und alles drum herum mich zu dem gemacht hat, wer ich bin. Ich glaube deswegen nicht, dass ich ein schlechter Mensch bin. Es könnte sein, dass ich ohne diese ganze Situation noch in Deutschland wäre, aber ich bin sehr glücklich, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist. Denn ich bin auf jeden Fall jetzt glücklicher, als ich es mir je vorgestellt hätte.“