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Politik und Debatte - Unglück, Wunder, Mine Tagelang lebendig begraben - das Unglück und Wunder von Lengede

Nach einem schweren Schachtunglück sind dutzende Bergmänner eingeschlossen. Über Tage tun die Retter alles, um Überlebende zu finden. 14 Tage unter der Erde eingeschlossen. Ohne Licht und sauberes Wasser.

Der erste Gerettete nach 14 Tagen unter Tage. (Quelle: Archiv der Gemeinde Lengede)

24. Oktober 1963
Der Tag des Unglücks - Am Donnerstag, den 24. Oktober 1963, befanden sich 129 Bergmänner inklusive eines Elektromonteurs der Firma Siemens zur Mittagsschicht unter Tage auf der Schachtanlage Mathilde in Lengede. Gegen 20 Uhr brach der zur Erzaufbereitung gehörende Klärteich 12 ein und ließ circa 475 000 Kubikmeter Wasser und Schlamm in die Grube Mathilde einströmen. Die schnell organisierte Einsatzleitung versuchte zunächst mit schweren Gerätschaften die Einbruchsstelle zu verfüllen. 79 Bergarbeiter konnten sich - teilweise unter Mithilfe der über Tage herangeeilten Helfer - in den ersten Stunden retten. Das Grubenunglück nahm fortan seinen Lauf

Der Hintergrund der Erzgrube:

Im Jahr 1877 erhält die Ilseder Hütte AG das Bergwerkseigentum in Lengede und bekommt den Namen „Eisenerzbergwerk Mathilde“. Zunächst wurde das Eisenerz im Tagebau, also über der Erde und später im Tiefbau, also unter der Erde abgebaut. Die Rohstoffe förderte der Schacht Mathilde in das zwölf Kilometer entfernte Hochofenwerk nach Groß Ilsede. Das Erz in Lengede war stark mit einem tonartigen Bindemittel versetzt, weshalb es gewaschen werden musste. Das dabei entstehende Schmutzwasser wurde in ehemaligen Tagebauen (große Klärteiche) geleitet, damit der Schlamm sich dort absetzen konnte.

Auf der Suche nach Überlebenden

25. Oktober 1963
Die Suche nach den 50 weiteren vermissten Kumpeln wurde aufgenommen. Die erste Suchbohrung erfolgte am Freitag, den 25. Oktober, um 9 Uhr. Durch genaue Berechnung konnte in Lengede-Broistedt ein Kontakt zu sieben eingeschlossenen Bergleuten in etwa 40 Metern Tiefe hergestellt werden. Das Absinken des Wasserspiegels ermöglichte es ihnen, die geflutete Grube mit einem Floß zu verlassen. Es erfolgten weitere Suchbohrungen für die 43 fehlenden Bergleute, die alle erfolglos blieben.

26. Oktober 1963
Trotzdem ging die Suche weiter. Über eine Druckluftleitung auf der 100m-Sohle Richtung Westen machten die Eingeschlossenen durch kontrollierte Signale auf sich aufmerksam. Diese bekamen die Helfer über Tage mit. Aus diesem Grund hoffte die Einsatzleitung, dass sich noch weitere Personen im Bereich des Streckenendes der 100m-Sohle in Barbecke befinden, also 100 Meter unter der Erdoberfläche, allerdings unter Überdruck. Es bestand die Gefahr, dass beim Anbohren der Strecke die Luft schlagartig entweicht. Das Wasser könnte weiter ansteigen und die Männer ertrinken. Deshalb führte man das Bohrgestänge durch zwei Preventer (Absperrventile), um einen möglichst sicheren luftdichten Verschluss zu erhalten. Die Suchbohrung begann am Samstag, den 26. Oktober, um 7 Uhr. Gegen 17.30 Uhr erfolgte in 79 Metern Tiefe der Durchbruch in die Strecke. 
Klopfgeräusche – weitere Überlebende!  Ein Mikrofon des Norddeutschen Rundfunks konnte eine Sprechverbindung nach unter Tage herstellen.
Trotz der erfolgreichen Suchbohrung an diesem Tag hing die Betriebsleitung parallel eine Liste am Pförtnerhaus aus mit bereits 39 Namen der für tot erklärten Belegschaftsmitglieder. Denn die Trauerfeier für die Opfer des Grubenunglücks für Montag, den 4. November, war schon vorbereitet und die Einladungen ebenfalls verschickt. Die anfangs erhofften vier Überlebenden im Westen reduzierte sich auf drei. Die Betriebsleitung erhöhte die Liste auf 40 für tot erklärte Bergleute.

28. Oktober 1963
Aufgrund mangelnder Erfahrung mit einer derartigen Situation gingen die Bohrungsarbeiten für die Rettung nur langsam voran. Gleichzeitig musste die Bohrung vorsichtig verlaufen, damit die Luft nicht entweichen konnte. Am Montag, den 28. Oktober, konnte mit einer leistungsfähigeren Bohranlage aus Quakenbrück parallel eine zweite Rettungsbohrung starten.

01. November 1963
Sechs Tage nach dem erfolgreichen Finden begann am Freitag, den 1. November, die Rettung. Ein Grubenwehrmann fuhr, aus einer auf die Rettungsbohrung montierten Druckkammer, mithilfe einer Dahlbuschbombe zu den Eingeschlossenen. Anschließend befanden sich alle Beteiligten circa drei Stunden zum Druckausgleich in einer Druckkammer. Danach fuhren Krankenwägen die drei Geretteten ins Krankenhaus.

Es ist ein Wunder!

03. November - 07. November 1963
Die Hoffnung wurde nicht aufgegeben, dass unter Tage immer noch Überlebende waren. Denn die gesamte Belegschaft des Reviers Osten 92 blieb noch vermisst. Die Kumpel der Vermissten forderten darum auf, im Alten Mann nach den Männern zu suchen. Am Sonntag, den 3. November, wurde um 4 Uhr morgens eine erneute Suchbohrung angesetzt. Der Bohrer stieß um 6.45 Uhr in circa 56 Metern Tiefe in einen Hohlraum.
Nach 15 Minuten kam von unten endlich ein Klopfzeichen. Es gab Überlebende! 21 Bergmänner konnten sich anfänglich im Alten Mann retten. 10 von ihnen fielen herabfallenden Gesteinsbrocken zum Opfer.
 

Alter Mann

Im Bergbau nennt man einen ausgebauten und verlassenen Bruchraum, der sich selbstüberlassen wird, einen „Alten Mann“. Dieser Teil darf aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten werden. Im Gegensatz dazu, zur Sicherung übertägigen Gebäude, gibt es auf der anderen Seite einen Versatzbau (z.B. mit Sand).

Auch bei dieser Rettung hatte die Sicherheit der Bergmänner oberste Priorität. Die Rettungsbohrung konnte bis ungefähr 42 Metern mit einer Wasserspülung laufen. Um einen Wassereinbruch zu vermeiden, musste die Bohrung weiter mit Luft stattfinden. Ein leistungsgerechter Kompressor einer solchen Bauart befand sich zufällig im Ruhrgebiet zur Reparatur. Eine Polizeibegleitung sorgte für den Transport dieses Kompressors nach Lengede und sein Einsatz führte zum Erfolg!
Am Donnerstag, den 7. November gegen 13.22 Uhr, erblickte der erste der elf eingeschlossenen Bergleute über die Dahlbuschbombe wieder das Tageslicht. In zahlreichen Interviews erzählen die letzten Überlebenden von den dramatischen Ereignissen unter Tage. Von ihnen lebt heute nur noch der ehemalige Elektromonteur Adolf Herbst.

Aus Ecken aller Welt trafen Briefe ein, die ihre Anteilnahme an dem Grubenunglück von 1963 bekundeten. Christina Gertler ist Mitglied der Arbeitsgruppe Bergbau der Gemeinde Lengede und liest vor:

Willi Kretschmann als ehemaliger Oberführer der Lengeder Grubenwehr sowie Erika Look als Tochter eines unten gebliebenen Bergmanns, haben das Ereignis als Zeitzeugen miterlebt und erzählen ihre Geschichten:

 

Nicht für alle ein Wunder!

Das Grubenunglück ging als „Wunder von Lengede“ in die Geschichte ein. Keiner hatte damit gerechnet, nach dieser langen Zeitspanne noch Überlebende zu finden. Dennoch ist es nicht für alle Lengeder ein Wunder gewesen: 29 Bergleute mussten ihr Leben unter Tage lassen und hinterließen ihre Angehörigen. So auch Erika Look: „Ich sehe das Wunder nicht, weil mein Vater unten geblieben ist. Für andere ist das ein Wunder, aber für mich ist es keins.“

Auch für Johanna Wesa ist es kein Wunder. Ihr Vater ist ebenso unter Tage geblieben. Die Familie musste ihn zweimal beerdigen. Die Grube begleitete nur die erste Beerdigung am Sonntag, den 8. Dezember 1963, mit einer Bergmannskapelle. Mehrere hundert trauernde Menschen kamen zu dieser Beerdigung und zeigten ihre Anteilnahme. Am Mittwoch, den 19. Februar 1964, stand die Kriminalpolizei bei der Familie mit einem Paar Socken vor der Haustür. Damit stand fest, dass in dem Grab ihres Vaters ein fremder Mann liegt. Die zweite Beerdigung ist nicht bekannt gewesen und hat ausschließlich im engsten Familienkreis stattgefunden.

Die Toten finden ihre Ehrungen auf einem Schriftplakat in der Ausstellung der Gemeinde Lengede. Auf einer großen Steintafel stehen ebenfalls alle Namen der verstorbenen Bergmänner. Sie steht auf der Gedenkstätte – neben dem Standort der letzten erfolgreichen Such- und Rettungsbohrung.

Knapp 14 Jahre später, am Freitag, den 30. Dezember 1977, schloss der Betrieb der Eisenerzgrube Lengede-Broistedt. Daraufhin wurde am 20. September 1979 um 14.02 Uhr der 42 Meter hohe Förderturm Mathilde gesprengt. Die damals achtjährige Christina Gertler erzählt, dass sie von ihrer Hausecke aus dem Förderturm beim Fallen zuschauen konnte. 

Dieser Beitrag gewann den Campus38-Preis 2021 in der Kategorie Crossmedia.