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Politik und Debatte - Lebensmittelverschwendung Stufe um Stufe zur Verschwendung

Die Zahl ist erschütternd: 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel landen in Deutschland jährlich auf dem Müll. Doch wer sind die Übeltäter dieser Verschwendung? Eine Analyse der Wertschöpfungskette.

Neben Produzenten und dem Handel sind es vor allem die Verbraucher, die mit bewusstem Konsum unnötige Lebensmittelverschwendung vermeiden können. (Quelle: iStock/MachineHeadz)

Es ist eine perverse Vorstellung - alle Nahrungsmittel, die bis Ende April jedes Jahres produziert werden, werden ausschließlich für den Müll hergestellt. Erst ab Mai werden die für Deutschland produzierten Nahrungsmittel verwertet und nicht mehr weggeschmissen. Deutlicher kann man nicht aufzeigen, wie hoch die Lebensmittelverschwendung in Deutschland ist – ein Drittel der Nahrung wird nicht genutzt.

Um das Thema Lebensmittelverschwendung besser zu begreifen, muss der Blick auf die Wertschöpfungskette fallen. Hierunter fallen alle Stufen, die ein Produkt vom Feld bis zum Teller des Verbrauchers durchläuft. Zur ersten Stufe zählen die Ernteverluste: Darunter fallen Verluste, die durch mechanische Zerstörung und Verschüttung zustande kommen, oder Nahrungsmittel, die aufgrund von Schädlingen oder schlechtem Wetter gar nicht erst geerntet werden. Herbert Funk von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen rechnet jedes Jahr damit, dass witterungsbedingt ein Teil des Getreides nicht mehr Nahrungsmittelqualität hat und daher nur noch als Futtergetreide verwendet werden kann. Dabei handelt es sich aber nicht wirklich um Verluste, da ein großer Teil des gesamten Getreideaufkommens ohnehin als Futtergetreide eingesetzt wird. Bei den Kartoffeln hingegen bleiben etwa fünf Prozent auf dem Feld, da sie wegen nasser Böden nicht mehr geerntet werden können.

Laut der WWF-Studie „Das große Wegschmeißen“ betragen die Verluste auf dieser ersten Stufe zirka eine Million Tonnen, wobei das Vermeidungspotenzial als sehr gering angesehen wird. „Da Verluste immer zu Lasten der Wirtschaftlichkeit gehen, hat jeder Landwirt ein ureigenes Interesse daran, diese so weit wie möglich zu minimieren“, sagt Gabi von der Brelie, Pressesprecherin des Landesbauernverbands.

90 Prozent Vermeidungspotenzial im Groß- und Einzelhandel


Auch bei den Nachernteverlusten, die mit 1,5 Millionen Tonnen die zweite Stufe der Wertschöpfungskette bilden, ist das Vermeidungspotenzial gering. Hierzu zählen beispielsweise Schädlings- und Krankheitsbefall während des Transports oder der Lagerung. Bei Obst und Gemüse gibt es die höchsten Verluste. Bei der Weiterverarbeitung von Nahrungsmitteln auf Stufe drei entstehen Verluste, die Prozessverluste genannt werden und 2,6 Millionen Tonnen betragen. Diese entstehen während der industriellen oder häuslichen Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten zu Essen. Beispielsweise wenn Säfte und Konserven hergestellt, Tiere geschlachtet oder Mehle gemahlen werden.

Auf dieser Stufe lässt sich das größte Vermeidungspotenzial finden, sagt die WWF-Studie. Fast die gesamte Verschwendung, die im Groß- und Einzelhandel anfällt, ist vermeidbar, weil nahezu alle Produkte konsumfertig sind. Die Gründe für den Verlust sind schnell gefunden. Auf der einen Seite stehen die Erwartungen der Konsumenten an die ständige Verfügbarkeit der Produkte, die noch bis kurz vor der Schließung des Supermarktes beispielsweise frisches Brot kaufen möchten. Doch ist es wirklich notwendig, gegen späten Abend die Brotkörbe nochmal aufzufüllen, obwohl man weiß, dass davon ziemlich viel weggeworfen werden muss? Auf der anderen Seite stehen die Erwartungen an die Optik und Textur der Lebensmittel. Hier wird beispielsweise nur eine gerade Gurke gekauft. Und hat eine Kartoffel eine komische Form, wird die Kartoffel mit der runden Form bevorzugt.

Muss es die gerade Gurke sein?


Nelly Drews, Filialleiterin eines Edeka-Marktes in Hamburg-Bergedorf, hat mit der Einführung einer Salatbar eine Lösung für die Verschwendung von Gemüse gefunden: „Wir bekommen jeden Morgen neue Ware und sortieren dann rechtzeitig aus. Was sich zur Weiterverarbeitung eignet, wie Paprika oder Gurken vom Vortag, wird für unsere Salatbar verwendet. Das machen wir nun schon seit zwölf Jahren und es wird gut angenommen.“

Auf der vorletzten der insgesamt sechs Stufen stehen die Großverbraucher. Hierzu zählen institutionelle Einrichtungen wie Großkantinen, Restaurants und auch die Außer-Haus-Verpflegung. Zwanzig Prozent der verbrauchsfertigen Ware geht hier verloren, was sich hochgerechnet auf Deutschland auf 3,4 Millionen Tonnen summiert.

Bis zu diesen Stationen, also vom Produzenten bis hin zum Großverbraucher, lassen sich sechzig Prozent der 18 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle zurückführen. „Durch die von uns weggeworfene Nahrung werden pro Jahr mehr als 26.000 Quadratkilometer, also die Fläche von Mecklenburg-Vorpommern, völlig nutzlos bewirtschaftet und mehr als 45 Millionen Tonnen Treibhausgase umsonst ausgestoßen“, sagt der WWF in einer Petition an die Bundesregierung.

In einer Publikation, die sich mit den Schätzungen von Lebensmittelverschwendungen auseinandersetzt, sehen deren Autoren Jaspreet Aulakh und Anita Regmi drei Hauptprobleme in Bezug auf die Umwelt: Die Kosten der Abfallbeseitigung und des Müllmanagements, zusätzliche Emissionen an Treibhausgasen und der Verlust knapper natürlicher Ressourcen. Des Weiteren kommen sie zu dem Schluss, dass sechs bis zehn Prozent aller vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen ihren Ursprung in der Produktion von Nahrungsmitteln haben, die verloren gehen beziehungsweise verschwendet werden.

Der Endverbraucher ist der Knackpunkt


Auf der letzten Stufe der Wertschöpfungskette steht der Endverbraucher. Ganze 7,2 Millionen Tonnen landen bei den Endverbrauchern in der Tonne. Vermeidbar wären davon siebzig Prozent. Gründe hierfür, erläutert Nelly Drews, sind zum einen die Masse an Überflüssigem im Markt. Wer braucht schon 36 Sorten Brot? „Nur damit man sich irgendwie vom Wettbewerb differenzieren kann, sucht man immer wieder nach Neuem. Vieles wird dann ausprobiert, gefällt dann aber doch nicht und wird deshalb weggeschmissen.“ Zum anderen sind zu viele Lebensmittel einfach zu billig oder werden zu billig produziert, wie zum Beispiel Fleisch- und Wurstwaren. „Den Menschen ist die Ware überhaupt nichts mehr wert und dann wird ohne Probleme eine geschlossene Packung weggeworfen, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist.“

Das Problem der Lebensmittelverschwendung gibt es nicht erst seit gestern. Doch wieso ändert sich nichts? Ein Blick in die Politik zeigt:. Der Endverbraucher ist der Sündenbock, der für die Lebensmittelverschwendung verantwortlich gemacht wird. Ein Beispiel ist die Aufklärungskampagne des Bundesernährungsministeriums „Zu gut für die Tonne“. In einem bunten und fröhlichen Layout gibt es hier Reste-Rezepte und praktische Tipps zur Abfallvermeidung im Alltag. Was auf den ersten Blick wie eine gute Maßnahme aussieht, bezeichnet Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch Deutschland, als „falsche und perfide Kampagne“. Denn die Kampagne richtet sich fast ausschließlich an die Verbraucher und macht so aus diesen die Hauptschuldigen für die Lebensmittelverschwendung. Es stimmt, dass die Verschwendung in Tonnen beim Endverbraucher am höchsten ist, doch auch Landwirtschaft, Industrie und Handel müssen die Verschwendung vermeiden. Martin Rücker fordert neue Regeln für Handel und Industrie und dass diese auch endlich einen Teil der Verantwortung tragen.

Und wie stehen die einzelnen Parteien zu dem Thema Lebensmittelverschwendung? Keine Partei bekannte sich in ihren Wahlprogrammen zur Bundestagswahl 2017 explizit zu dem politischen Ziel, zu welchem sich Deutschland mit der Anerkennung der UN-Nachhaltigkeitsziele verpflichtet hat: die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. So setzt die CDU/CSU einzig und allein auf die Verbraucherbildung. „Damit entlässt die Union zum Beispiel Erzeuger, Hersteller, Großküchen oder den Lebensmitteleinzelhandel aus ihren Pflichten“, kritisiert Tanja Dräger de Teran vom WWF. Die Linke geht nur auf die rechtlichen Folgen des „Containerns“ ein und die FDP erwähnt mit keinem Wort in ihrem Wahlprogramm das Thema Lebensmittelverschwendung. Nur die SPD und Bündnis 90/Die Grünen fordern in ihren Programmen eine Strategie für die gesamte Wertschöpfungskette vom Feld bis zum Teller.