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Leben und Gesellschaft - Flucht nach Deutschland Ohne Sprache schafft man gar nichts

Geflüchtet vor dem Terror in eine ungewisse Zukunft, voller Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit: So gesehen ist Ahmed Rakaba nur einer von Hunderttausenden. Doch der Weg, den er eingeschlagen hat, macht ihn zu einer Ausnahme.

Ahmed Rakaba - ehemaliger Wirtschaftsstudent in seiner Heimat Lybien, jetzt Auszubildender in Berlin. (Quelle: Elena Blume)

„In Libyen habe ich Wirtschaft studiert und in der Uni war ich sehr gut: Denn wenn der Professor etwas erklärt, habe ich es sofort verstanden. Es ist sofort in meinem Kopf.“ Jetzt ist Ahmed Rakaba 25 Jahre alt und in seinem Kopf sind Bilder vom Krieg. Seine Heimat liegt in Trümmern, sein altes Leben ist ausgelöscht. „Die Bomben haben meine Uni zerstört. Man wusste nie, ob es morgen noch gibt. Ich konnte nicht länger in Libyen bleiben.“ Der junge Mann senkt den Kopf, das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht.

Im Dezember 2015 ist Ahmed nach Deutschland geflüchtet. Von Libyen nach Italien, dann mit dem Zug nach München und weiter bis nach Berlin, wo er seitdem lebt. Fünf Tage ist er unterwegs gewesen. Alleine. „Meine Familie ist nicht mitgekommen. Sie wohnt jetzt nicht mehr in Bengasi, sondern in einem kleinen Dorf in Libyen. Meine Familie ist jetzt in Sicherheit.“ Auf die Frage, warum ihn seine Familie nicht begleitet habe, folgt ein Schweigen. Sein Blick verrät, wie ungern er darüber spricht. „Bitte, ich möchte über das nicht reden“, sagt der 25-Jährige mit leiser Stimme.

Fußball als Schlüssel in ein neues Leben


„Als ich ein Kind war, habe ich mir in Libyen einen Fußball gekauft“, erzählt Ahmed. „Den habe ich mit nach Deutschland genommen.“ An seinem ersten Tag in Berlin sei der junge Mann mit seinem Fußball auf einigen Bolzplätzen in der Stadt unterwegs gewesen, in der Hoffnung, Kontakte zu knüpfen. Doch als ihn dann eine Gruppe junger Männer angesprochen habe, sei ihm klargeworden, wie schwierig sein Vorhaben war: „Ich habe gar nichts verstanden, die Leute haben so viel gefragt. Da habe ich gemerkt: Wenn man nach Deutschland kommt, ist es am wichtigsten, die Sprache zu lernen. Ich will perfekt Deutsch sprechen, denn ohne Sprache schafft man gar nichts.“

In den ersten Tagen in Berlin kam Ahmed bei einem Bekannten unter. Seine offene Art gegenüber Menschen und die Leidenschaft für das Fußballspielen haben ihm geholfen, die Tür in ein neues Leben zu öffnen und weitere Kontakte zu knüpfen. Zu verdanken war dies vor allem der Adidas Football Base im Berliner Wedding. Die Halle stellt kostenlose Indoorsoccer-Plätze zur Verfügung und ist ein Hotspot für Jugendliche und junge Erwachsene. Tolga Herdem, Community-Manager der Adidas Football Base, kennt den Berliner Stadtteil und seine Gesichter aufgrund seines Jobs nur allzu gut: „Der Wedding ist dreckig, hart und familiär – ein sozialer Brennpunkt eben.“ Ahmed sei dennoch fast täglich zum Fußballspielen in die Halle gekommen und konnte viele neue Freunde finden. Besonders Adidas habe ihn fasziniert: Der Sportartikelhersteller wirbt in der Base mit Fußballschuhen und kommuniziert dafür hauptsächlich über talentierte Hobby-Fußballer aus dem Bezirk. Inzwischen ist auch Ahmed Rakaba aufgrund seines Talentes am Ball zum Influencer in den sozialen Medien geworden – im Auftrag von Adidas.

Trotz der weltoffenen Einstellung Berlins gegenüber Menschen erlebt Ahmed auch Ablehnung. Tolga Herdem kann sich noch gut an die ersten Tage des Libyers in Deutschland erinnern: „Die größte Herausforderung für Ahmed war es, sich nicht von Beleidigungen gegenüber Flüchtlingen blenden zu lassen. So etwas hinterlässt Spuren bei einem Menschen und am Anfang hat er alles sehr persönlich genommen.“

Willkommen im Irrgarten der Bürokratie


Vor allem in Zeiten beruflicher Veränderungen stoßen viele Menschen an ihre Grenzen, was die deutsche Bürokratie angeht. Wie muss sich diese Phase anfühlen, wenn man weder das gesellschaftliche System des Landes noch seine Sprache kennt? „Mein erster Tag in Deutschland war richtig schwierig“, erinnert sich Ahmed. „Ich höre die Leute reden und verstehe die Sprache nicht, ich habe hier keine Freunde, ich habe gar nichts.“

Um diese Situation möglichst schnell zu ändern und ein eigenständiges Leben in Deutschland führen zu können, hat er sich auf die Suche nach einem Job gemacht. „Das war kompliziert. Ich wollte eine Ausbildung bei Adidas machen und musste zu verschiedenen Ämtern. Die haben gesagt, wir brauchen Papiere. Dann hole ich die Papiere. Und dann sagen sie, wir brauchen noch andere Papiere, aber ich verstehe die Papiere nicht“, berichtet der 25-Jährige in einem Atemzug. Er wirkt aufgebracht, weiß noch genau, wie sich diese Zeit angefühlt hat. Noch dazu sei er auf Wohnungssuche gewesen. „Mehr als fünf Wochen hat es gedauert, das zu regeln. „Ich habe einen Termin bekommen, der immer auf nächste Woche verschoben wurde. Dann sagen die Leute, tut mir leid, heute arbeiten wir nicht oder sie geben mir einen falschen Termin. Eine Frau sagt, ich brauche diese Papiere, eine andere Frau sagt, ich brauche andere Papiere. Ich wurde einfach immer hin- und hergeschickt.“ Der junge Mann schüttelt den Kopf, erleichtert, das Ganze hinter sich zu haben. „Man muss einfach kämpfen bis zum Ende. Das habe ich getan. Und jetzt habe ich mein eigenes Leben.“

Doch Ahmed ist in dieser Zeit nicht allein gewesen: Seine Freunde aus der Base haben ihn unterstützt, vor allem auch seine Freundin, die er in Deutschland kennengelernt hat. „Meine Freundin hat mir geholfen, die Bewerbung für Adidas zu schreiben“, sagt der 25-Jährige. „Dann habe ich sechs Wochen ein Praktikum in Herzogenaurach gemacht.“ Zurück in Berlin erhält Ahmed eine Einladung von Adidas: Zu einem sechsmonatigen Qualifikationskurs für die Ausbildung als Verkäufer. „Ich habe den Kurs gemacht und ich habe ihn geschafft. Bei der Ausbildung habe ich viel von meinen Mitarbeitern gelernt, so viele neue Worte. Wir sind wie eine Familie.“ Seit September 2017 arbeitet er nun im Adidas Homecourt Store in Berlin. Die Ausbildung zum Verkäufer dauert im Regelfall zwei Jahre. Im Anschluss würde Ahmed Rakaba gern noch ein drittes Ausbildungsjahr absolvieren – zum Einzelhandelskaufmann.

An dieser Stelle wird deutlich, dass der junge Mann aus Libyen den Start in sein neues Leben vor allem aufgrund der umfangreichen Unterstützung verwirklichen konnte. Damit ist aber auch klar, dass Ahmed damit vermutlich einer von wenigen Ausnahmefällen bleibt: Die Stapel von Asyl- und Jobanträgen auf den Schreibtischen der deutschen Behörden sind schließlich ebenso wenig ein Geheimnis wie der Personalmangel, wenn es um die Bearbeitung der Anträge geht.

Wieder von Null anfangen


Mit den Augen eines Fremden auf die eigene Kultur schauen: Als Ahmed seine Eindrücke von Deutschland schildert, wird klar, wie selbstverständlich und unsichtbar Werte wie Freiheit und Sicherheit erscheinen können, wenn man in einem europäischen Land lebt. „In Deutschland finde ich so viele Sachen gut“, sagt der Libyer. „Die Leute hier leben richtig sicher und jeder kann machen, was er will. Freedom!“ Hin und wieder greift er auf einen englischen Ausdruck zurück. „Wenn man ein gutes Herz hat und gerne lernen will, hilft dir jeder.“ In der Zeit, in der Ahmed Hilfe braucht, sei er überwältigt gewesen von der Unterstützung, die ihm entgegengebracht wurde. Für ihn steht deshalb fest: „Wenn jemand meine Hilfe braucht, helfe ich gerne.“

Oft erkundigt sich der 25-Jährige während des Gesprächs, ob er die Sätze denn auch richtig gesagt habe, ob die Grammatik stimme. Trifft das mal nicht zu, wiederholt er die korrekten Wörter. Mehrmals, bis er sie fast perfekt aussprechen kann. Nichtsdestotrotz hat Ahmed auch in dieser Hinsicht noch einen langen Weg vor sich. „Die deutsche Grammatik und die Artikel der, die, das finde ich sehr schwierig“, sagt er. „In der Ausbildung kommen jeden Tag viele neue Worte dazu.“ Ahmed zieht ein gelbes Heft aus dem Bücherstapel des Wandregals. Mit dem Finger fährt er die Vokabellisten ab und liest laut vor: „Ökologisch. Ist gut für die Umwelt und macht in der Welt nichts kaputt.“ Er schaut vom Heft auf. „So lerne ich.“

Bei der abschließenden Bitte, sich in drei Worten selbst zu beschreiben, überlegt der Libyer ein paar Sekunden. „Geht auch in drei Buchstaben?“, fragt er und lacht. „Tun. Das bin ich einfach. Für das, was ich will, kämpfe ich bis zum Ende.“ Einer seiner besten Freunde, Julian, kann dem auf Nachfrage nur zustimmen und ergänzt aus seiner Sicht: „Respektvoll, temperamentvoll – er kommt ja aus Libyen – und fröhlich.“

Ahmed Rakaba hat über 3.000 Kilometer bis nach Berlin zurückgelegt. Doch um endgültig in Deutschland anzukommen, wird er die Sprache, seine Ausbildung und den Einstieg ins Berufsleben noch bewältigen müssen. Aufzugeben sei für den 25-Jährigen jedoch nie infrage gekommen: „Ich habe mir immer gesagt: Ich wurde in Deutschland neu geboren. Ich bin wie ein Baby und fange von null an. Ganz von vorne. Und ich habe nicht aufgehört, zu kämpfen.“