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Studium und Arbeit Nǐ hǎo Braunschweig – Studieren in der Fremde

Zwei Jahre in einer fremden Kultur und Sprache studieren. Gaststudierende aus China stehen in Deutschland vor vielen Herausforderungen. Zwei Chinesinnen erzählen von ihrem Alltag an der Technischen Universität Braunschweig.

Lingfen Li (links) und Fengyuan Yang im Audimax der TU Braunschweig. (Quelle: Karolin Steinbock)

Es ist zwanzig vor zwei. Fengyuan Yang macht sich auf den Weg zur Vorlesung. Im Hörsaal setzt sich die 24-Jährige zielstrebig auf einen Platz in der zweiten Reihe. Vor und hinter ihr sitzen ihre chinesischen Kommilitonen. In den Vorlesungen macht sie das immer. Sie hat oft Probleme den Professor zu verstehen und so kann sie den anderen Chinesen Fragen stellen. Mit ihren deutschen Kommilitonen spricht sie kaum. Sie hat Angst, ihr Deutsch sei nicht gut genug.

Der Professor beginnt mit seiner Vorlesung. Fengyuan sitzt ruhig da und versucht ihm zu folgen. Die Vorlesungsskripte hat sie vor sich ausgedruckt in einem Ordner. Neben einigen Wörtern heben sich in blau chinesische Schriftzeichen vom weißen Papier ab. Die Skripte geht Fengyuan vorab durch und übersetzt sich Wörter, die sie nicht kennt. So kann sie der Vorlesung etwas besser folgen. Daneben liegt ihr Smartphone. Der Professor spricht schnell. Es ist schwer, ihn zu verstehen. Mit der Zeit wird Fengyuan unruhig. Sie überschlägt die Beine und wippt mit den Füßen. Sie beginnt sich zu langweilen. Das Smartphone dient nun nicht mehr als Wörterbuch, sondern als Ablenkung. Sie gähnt. Nicht alles zu verstehen macht müde.

Fengyuan ist seit knapp acht Monaten in Deutschland. Sie kommt aus der Provinz Jílín im Nordosten Chinas. Im Wintersemester hat sie ihr Master-Studium in Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Universität Braunschweig begonnen. Damit ist sie eine von 767 Chinesen an der TU. Zwölf Prozent aller Studierenden kamen im Wintersemester 2016/2017 aus dem Ausland. Nach Angaben des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung waren 2016 340.305 internationale Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Davon kamen 32.268 aus China. Besonders beliebt sind technische und ingenieurwissenschaftliche Fächer wie Maschinenbau oder Elektrotechnik

Wie auch bei Fengyuans Mitbewohnerin Lingfeng Li. Sie ist 23 Jahre alt und kommt aus der Henan-Provinz im Osten Chinas. Ihren Bachelor hat sie an einer Uni in der Nähe von Shanghai gemacht. In Braunschweig macht sie nun ihren Master in Maschinenbau. Den Studiengang haben ihr Onkel und ihre Eltern für sie ausgesucht. Später werde sie damit leicht einen Job finden. Die junge Chinesin interessiert sich hingegen für Comics und Cartoons. Gerne wäre sie Comiczeichnerin oder Schriftstellerin. Sie würde gerne auch nach dem Abschluss zurück nach China gehen. Dennoch werden sie und Fengyuan wohl noch einige Jahre in Deutschland arbeiten. Das biete ihnen gegenüber Bewerbern, die ihren Abschluss in China gemacht haben, einen großen Vorteil.

Sprachbarrieren überwinden


Lingfeng hat verschlafen. Eigentlich kommt sie nie zu spät. Das ist ihr peinlich. Lieber bleibt sie dann zu Hause, denn in China ist das Zuspätkommen verboten. Im Treppenhaus schaut sie hektisch auf die Infotafel. Sie muss nachsehen, in welchem Stockwerk sie gerade ist. In China werden die Stockwerke anders gezählt. Endlich steht sie vor ihrem Hörsaal. Mit dreißig Minuten Verspätung. „Ist es unhöflich zu spät zu kommen?“, fragt sie sich. Als sie die Tür öffnet, drehen sich einige Kommilitonen zu ihr um und lachen. Lingfeng ist das unangenehm. Der Dozent merkt nichts. Schnell holt sie sich ein Skript und schaut sich nach einem Sitzplatz um. Natürlich ist keiner mehr frei. Sie stellt sich nach ganz hinten in den Raum, um nicht aufzufallen. Der Dozent redet schnell. Auch sie hat Schwierigkeiten den Professor zu verstehen.

Probleme mit der Sprache haben, trotz notwendigem Sprachzertifikat, viele der Gaststudierenden. „Je nach Vorbereitung sprechen die Chinesen unterschiedlich gut Deutsch. Manche trauen sich auch einfach nicht“, betont Dezhen Li, Dozentin an der Fakultät Elektrotechnik und eine der Leiterinnen des Projektes „Studieren ohne Sprachbarrieren“. „In den DHS-Prüfungen spricht man kaum. Es geht fast nur um Grammatik.“ In den Vorlesungen kämen gerade am Anfang zu viele Informationen zu schnell hintereinander, erklärt Li weiter. Viele würden dann nichts verstehen, da Professoren beispielsweise Abkürzungen als bekannt voraussetzen, und seien dementsprechend frustriert.

Klausuren sind für Lingfeng ebenfalls eine Herausforderung. Rechnungen schafft sie ohne Probleme. Kompliziert wird es beim Beantworten von Fragen. „Es ist ein bisschen schwierig für mich in einer kurzen Klausur meine Meinung klar und richtig darzustellen“, sagt die 23-Jährige. Doch auch wenn die Sprache ihnen momentan noch schwerfällt, sehen Fengyuan und Lingfeng es als Vorteil nach ihrem Abschluss Deutsch sprechen zu können.

Aber auch das Leben abseits des Campus ist verschieden. In China haben beide in Studentenwohnheimen gewohnt. „Ich habe mir mit vier Leuten ein Zimmer geteilt“, erzählt Lingfeng. „Es gab ein Hochbett und darunter stand der Schreibtisch.“ Eine Küche gab es in diesen Studentenwohnheimen nicht, gegessen wurde in der Mensa. In Braunschweig wohnen sie zusammen mit einer anderen chinesischen Kommilitonin in einer Dreier-WG.

Wohngemeinschaft statt Studentenwohnheim


Mit dem Bus sind es gerade mal zwei Haltestellen vom Campus zur Wohnung von Fengyuan und Lingfeng. Eine Strecke, die die beiden jeden Tag fahren. Im Windfang zieht Lingfeng als erstes ihre Schuhe aus und schlüpft in rosa Hausschuhe mit kleinen Schäfchen drauf. Um in ihr Zimmer zu gehen muss sie einmal durch die Küche. Der Parkettboden knarrt unter ihren Schritten. Auf dem kleinen Tisch an der Wand steht noch eine Schale mit Nudeln, davor zwei kleine Schälchen mit Essstäbchen. Selber zu kochen ist günstiger als jeden Tag in der Mensa zu essen. Sie setzt Wasser auf und geht einen Raum weiter. Ihr Zimmer ist klein und spärlich eingerichtet. An der Wand gegenüber der Tür steht ein Bett, vor dem Fenster ein Schreibtisch, dem gegenüber ein großes Regal. Mehr nicht. Deko gibt es kaum. Der Wasserkocher beginnt zu brodeln. Sie geht zurück in die Küche und holt ein Teepäckchen aus dem Schrank. Es ist mongolischer Tee. Ein Freund hat ihn ihr mitgebracht. Der Tee schmeckt salzig. Sie geht in Fengyuans Zimmer und setzt sich zu ihrer Mitbewohnerin auf den Boden. Mit ihrer WG ist sie sehr zufrieden. Sie kennt die beiden Mädchen, mit denen sie zusammenwohnt gut. Das gefällt ihr.

Das Leben in Deutschland ist generell teurer als das in China. Für das durchschnittliche Monatsbudget eines internationalen Studierenden kalkuliert der DAAD 725 Euro. „600 bis 700 Euro im Monat bezahlen wir hier für alles“, sagt Lingfeng. Vor allem die Nebenkosten, Miete und Versicherung seien ein bisschen teurer als in China und so schwerer für die beiden einzuschätzen. Obendrauf kommt zum Semesterbeginn der Semesterbeitrag – 341, 39 Euro waren das im Sommersemester 2017 an der TU. Bei den Lebenskosten werden beide von ihren Eltern unterstützt. Ihre Familien sehen beide aber als Normalverdiener. Fengyuans Vater arbeitet als Landwirt und ihre Mutter betreibt einen kleinen Eiergroßhandel. Lingfengs Vater besitzt eine kleine Fabrik. Ihre Mutter ist Buchhalterin. „Sie haben nur zwei Kinder - mich und meinen Bruder“, sagt die 23-Jährige über ihre Familie. „Deshalb können sie die Kosten für mein Studium noch schaffen.“

Deutsche sind pünktlich, gewissenhaft und schweigsam


Es ist Sonntagnachmittag. Dreizehn Leute drängen sich in Fengyuans Zimmer um drei zusammengeschobene Tische. Sie diskutieren heftig. Auf den Tischen stehen mehrere Flaschen Fanta, eine rote Kanne mit Tee, Erdnüsse und verschiedene Chipstüten. Lingfeng steht daneben, hört den anderen zu und lacht über das, was sie sagen. Sie spielen „Werwolf“. Eine neue Runde beginnt. Lingfeng sitzt nun wieder zwischen den anderen und hat wie sie die Augen geschlossen. Nur eine Mitspielerin hat ihre geöffnet. Sie ist shàngdì. Gott. Die Spielleiterin. Lingfeng hört nun nur noch ihre Stimme. Alle sind mucksmäuschenstill. Nach kurzer Zeit darf Lingfeng ihre Augen wieder öffnen. Nun reden alle laut durcheinander. Es gilt herauszufinden, wer ein Wolf ist.

An Wochenenden treffen Fengyuan und Lingfeng sich fast immer mit ihren chinesischen Freunden. Deutsche Freunde haben sie keine - chinesische dafür umso mehr. Bevor Lingfeng nach Deutschland kam, dachte sie, Deutsche seien ernst, groß und hübsch. Jetzt findet sie sie ein bisschen schüchtern. Viel Kontakt zu ihnen hat sie aber nicht. „Ich glaube wir haben nicht viele Gemeinsamkeiten mit den Deutschen und nicht viele Gesprächsthemen“, sagt Fengyuan. Die jungen Chinesinnen interessieren sich für asiatische Comics und Cartoons. Bier mögen sie nicht. Doch gerade Alkohol und Party sehen die beiden als notwendig an, um Kontakt zu den Deutschen zu knüpfen. Anschluss zu finden macht das für sie schwer.

Als hinderlich sieht Lingfeng es dabei auch, dass in China nicht viel über Deutschland und die deutsche Kultur geredet wird. Trotzdem hätten Chinesen ein klares Bild von den Deutschen – sie seien pünktlich, gewissenhaft und schweigsam. Seit Lingfeng nach Deutschland gekommen ist, hat sich dieses Bild bei ihr geändert. „Die Deutschen mögen auch süße Dinge“, sagt sie. „Zum Beispiel erziehen sie gerne Hunde und Katzen.“ Außerdem hat sie bei einem Besuch in Berlin festgestellt, dass auch deutsche Verkehrsmittel nicht immer pünktlich kommen.

Am Abend wird gemeinsam wird Essen bestellt. Natürlich chinesisch. Jeder hat seine eigene Schale mit Reis. Alles andere steht in der Mitte. Pute mit Koriander und Chili, Hähnchen süßsauer, Schweinemagen oder Fisch sind dabei. Jeder kann sich bedienen. Es ist fast wie zu Hause. Fast. Denn das Essen schmeckt hier anders. Der Reis ist nicht so klebrig. Lingfeng schmatzt. Trotzdem schmeckt es ihr. Nach der Essenspause geht der Tag so zu Ende, wie er begonnen hat - mit einer Partie Werwolf.