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Politik und Debatte - Zirkus Manege frei

Für die einen ist Zirkus ein deutsches Kulturgut, für die anderen lässt sich Wildtierhaltung mit modernen Werten nicht mehr vereinbaren. Müssen sich die Manegen neuen Publikumserwartungen stellen? Campus38 hat den größten Zirkus der Welt besucht.


Manege frei

Es ist ein grauer Herbsttag in Lüneburg im November 2018. Einige Tierschutzanhänger warten vor dem Oberverfassungsgericht. Sie demonstrieren gegen das Urteil über den letzten Menschenaffen im Zirkus. Der 43-jährige Schimpanse Robby wurde in einem Zoo geboren und wird seit seinem fünften Lebensjahr im Zirkus gehalten. Dort darf er bleiben. Auf die Forderung der Tierschützer, Robby in einer spezialisierten Haltungseinrichtung zu resozialisieren, folgte ein jahrelanger Rechtsstreit. Dieser löste eine Debatte aus. Vorwürfe seitens Tierschutzorganisationen sind keine Seltenheit mehr. Auch die Gesellschaft scheint sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob die Haltung und das Auftreten von Wildtieren im Zirkus, noch vertretbar ist.

250 Jahre sind seit der Gründung des klassischen Zirkus vergangen. Aus einer offenen Manege mit Pferden, entwickelten sich immer spektakulärere Shows mit einer Vielzahl an Artisten und Tieren. Das Auftreten großer und wilder Tiere ist zur Normalität geworden. Ist das noch zeitgemäß? Bereits 2014 vertraten laut einer forsa-Umfrage 82 Prozent der Deutschen die Auffassung, dass eine artgerechte Haltung von Wildtieren im Zirkus nicht möglich sei.

Seit 2002 ist Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz aufgeführt. Hinzu kam 2008 die Zirkuszentralregisterverordnung ZirkReg V „über die Registrierung von Erlaubnissen zur Zurschaustellung von Tieren an wechselnden Orten“. Sie dient zum Austausch von Informationen für die zuständigen Behörden zur Überwachung. Für den Vollzug des Tierschutzgesetzes sind die Ämter der Länder verantwortlich. Unterstützend hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Leitlinien „für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen“ eingeführt. Sie enthalten allgemeine Anforderungen des Tierschutzgesetzes und dienen als Orientierungshilfe für Zirkusunternehmen und Überwachungsbehörden. Es sind unter anderem Mindestanforderungen sowie Vorschriften für Haltung, Pflege und artgerechte Unterbringung enthalten.

Melitta Töller, Pressesprecherin der Tierschutzorganisation VIER PFOTEN, schließt sich dem Umfrageergebnis an: Die Bedürfnisse der Tiere können aufgrund von langen Transporten, kleinen Außengehegen und den Wetterbedingungen nicht berücksichtigt werden. VIER PFOTEN möchte eine Anpassung an die bestehenden Zooleitlinien, in denen die Bedürfnisse für Tiere viel ausführlicher beschrieben seien. „Das würde aber im Umkehrschluss bedeuten, dass die Wildtiere im Zirkus eigentlich nicht mehr mitgenommen werden können“. Die Organisation setze sich schon länger intensiv für ein bundesweites Wildtierverbot im Zirkus ein. Neben Lobbyarbeit demonstriere man vor Zirkussen, sammle Unterschriften und leiste Aufklärungsarbeit. In der Vergangenheit seien bereits drei Anträge von Bundesländern zur Einführung eines solchen Verbots gescheitert. Während CDU und CSU eine ablehnende Haltung einnehmen würden, sprächen sich SPD, Grüne und Linke für ein Verbot aus.

Auch der Circus Krone ist regelmäßig Anlaufstelle von Demonstranten. Der Höhepunkt jeder Vorstellung ist der Auftritt des national bekannten Stardompteurs Martin Lacey jr. mit seinen Raubtieren. So auch im Oktober letzten Jahres bei einem Gastspiel in Goslar: Nach der Pause füllt sich das Zirkuszelt langsam wieder. In der Manege ist ein hoher Zaun errichtet, abgedeckt von einem Netz. Das Licht wird langsam dunkler, das Publikum verstummt. Während die Musik immer dramatischer ertönt, taucht Lacey aus der Dunkelheit heraus auf, in ein helles Scheinwerferlicht. Umringt von Löwen und Tigern. Von Kunststücken über vorgetäuschte Angriffe, bis hin zu liebevollen Kuscheleinheiten. Es wirkt nicht wie ein Verhältnis zwischen Trainer und Tier. Es wirkt wie eine Familie mit Lacey jr. als liebevoll lenkendem Oberhaupt. Mitgerissen vergisst man beinahe, dass es sich hinter den Gittern in der Manege um wilde Tiere handelt. Aber sind sie das überhaupt noch?

 

„Wildtiere bleiben Wildtiere. Auch über mehrere Generationen hinweg verlieren die nicht ihre Wildheit und ihre Bedürfnisse“, meint Töller. Einen Konsens in dieser Thematik zu finden, scheint für alle Interessengruppen nicht leicht zu sein. Vor allem stellt sich aber die Frage, wie ein Wildtierverbot überhaupt umgesetzt werden könnte. VIER PFOTEN würde, wenngleich ungern, die Tiere, die derzeit noch in Zirkussen leben, bis zu ihrem Lebensabend dort lassen. Es dürften allerdings keine neuen Tiere mehr aufgenommen werden. Aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Erwartungen kommen viele Zirkusse diesem Schritt bereits entgegen. „Also die Zirkusse selber sehen ja, dass da eine Entwicklung ist und, dass man sich jetzt umstellen muss, um die Leute auf andere Art in den Zirkus zu locken.“, so Töller.

Die Erwartungen an einen Zirkus entsprechen nicht mehr denen von vor 250 Jahren. Spannend bleibt, welche Auswirkungen das auf die Tierhaltungssituation und auf die Zirkusse als Unternehmen haben wird. Amtstieratzt Dr. Naumann sagt: „Generell hat es in den letzten Jahren eine Abnahme der Zirkusunternehmen gegeben. Es werden immer weniger. Und das ist ja sogar so, dass relativ renommierte Unternehmen aufgegeben haben.“ Auch habe es in den letzten Jahren bereits Einschränkungen gegeben, denn für bestimmte Tiere bestehe mittlerweile keine Erlaubnis mehr. Ob es in Zukunft ein generelles Wildtierverbot geben wird, ist nicht abzusehen. Töller vermutet, „dass es in dieser Legislaturperiode sicherlich nicht mehr dazu kommt“.