Direkt zu den Inhalten springen

Politik und Debatte - Loveparade, Demonstration, Unglück Loveparade – Über die Demo, die das Leben feierte und das Unglück, das Leben beendete

Die Loveparade war ein Spektakel, das Zehntausende zum Feiern animierte und das 2010 ein tragisches Ende nahm. Gut zehn Jahre nach dem Unglück ist eine Neuauflage für 2021 im Gespräch.

Die Loveparade im Jahr 2007. (Quelle: Nisiii/Flickr)

2020. Zehn Jahre sind vergangen, seitdem das Spektakel endete. Wie kam es aber überhaupt zur Loveparade, wer steckt dahinter und was sollte damit erreicht werden? Die anfänglichen Intentionen, aber auch das spätere Unglück geben einen Einblick und vielleicht auch einen klaren Standpunkt, den jeder Einzelne zum Comeback 2021 beziehen möchte. Der Gründer Matthias Roeingh arbeitete in der Turbine Rosenheim, einem Lokal in Schöneberg. Er stand am Mischpult und brachte das Publikum als DJ zum Tanzen. Die Elektromusik, die sich in den 90ern so langsam integrierte, löste in Matthias ein Gefühl von purer Begeisterung aus. Er machte es sich also zur Aufgabe, andere Menschen in den Bann der Elektromusik zu ziehen. Menschen, die in seiner Vorstellung in großen Gruppen und unter freiem Himmel gemeinsam zur Musik feiern. Ihm selbst kam dann nach einer Partynacht die Idee einer Demonstration, die nach vielem bürokratischem Hin und Her zur Wirklichkeit wurde: Die Loveparade war geboren. Ganz getreu dem Motto: Friede, Freude, Eierkuchen. Um richtige, ernst zu nehmende Politik ging es bei dieser Demo nie. Viel mehr war das Ziel: „Politik machen durch Nicht-Politik machen.“ Der Einzelne sollte als Teil einer großen Masse in den Mittelpunkt rücken. Es wurde ein Ort geschaffen, an dem all die Teilnehmer zu Verbündeten wurden.

Eckdaten: Technoparade / Gründung 1989 in Berlin / Initiator Matthias Roeingh aka "Dr. Motte" / 1,5 Millionen Besucher

Nun also zum Ort des Geschehens und dem Tag, der die Elektromusik und seine Wirkung ganz groß rauskommen lassen sollte: Berliner Ku’damm, erster Juli 1989. Ein Bulli, aus dem laute Technomusik ertönte und ein paar Menschen in der Hoffnung, noch andere würden sich ihnen anschließen. Am Ende waren es 150, die an der Loveparade teilnahmen, gemeinsam in Trance fielen und pure Euphorie versprühten. An diesem Samstag in Berlin geschah etwas, was die Gesellschaft sicher nicht verstehen konnte und was sich fortan jährlich wiederholen würde. Aus 150 Menschen wurden 1,5 Millionen. Und das alles für den Frieden, also die Abrüstung, die Freude, für die Musik als Mittel der Verständigung und den Eierkuchen - die gerechte Nahrungsmittelverteilung auf der Welt. Tolle Intentionen, jedoch reichte das den Richtern nicht aus: 2001 wurde der Loveparade der Demonstrationsstatus entzogen. Die Kritiker waren der Meinung, es sei kein politisches Spektakel, sondern vielmehr eine kommerzielle Veranstaltung zur Unterhaltung. Ein vorgeschobener Grund, mal so richtig einen „drauf zu machen.“

Das tragische Ende der Kultveranstaltung

Es liegt auf der Hand, dass der ursprüngliche Gedanke der Loveparade irgendwo auf dem Ku’damm zwischen 1989 und 2001 verloren gegangen ist. 2002 ging alles dem Bach runter, als Unbekannte das jährliche Loveparade-Datum für eine andere Demo blockten. In der Kurzfassung folgten dann Verluste von Sponsoren und Dr. Motte plus Mitbegründer finanzierten die letzte richtige Loveparade aus den eigenen Rücklagen: Die Weltmarke mit dem großen Namen wurde für kleines Geld verkauft. Von nun an war die Veranstaltung zum Scheitern verurteilt und diente lediglich Marketingzwecken. Es wurde eine Art Abschreibungsprojekt, die ihren Reiz in den kommenden Jahren verlor.

2010 war es wieder soweit: Die Loveparade fand erneut statt, dieses Mal auf dem Gelände des Güterbahnhofes in Duisburg. Es sollte das letzte Mal sein, was vorab natürlich niemand ahnte. 1,4 Millionen waren aus den verschiedensten Ländern angereist, um auch in dem Jahr wieder ausgelassen zum Sound zu tanzen – gemeinsam mit alldenjenigen, die ebenfalls an der lebensfrohen Veranstaltung teilnahmen. Vermutlich verkalkulierten sich die Veranstalter mit den Besucherzahlen, Planung und Organisation waren einfach nicht ausgereift. So kam es nachmittags zu einer Massenpanik. Die Folge: 21 Tote und über 500 Verletzte. Verantwortlich? Keiner! Und auch das Gerichtsverfahren lässt die Betroffenen an unserem System zweifeln.

Die Katastrophe

14 Uhr: Beginn der Loveparade     16.30 Uhr: Besucherstau und Bahnhofssperrung      17 Uhr: Beginn Abschlussveranstaltung      17:34 Uhr: Gelände geschlossen – Überfüllung      17:57 Uhr: Meldung von Toten – Massenpanik      18:56 Uhr: Loveparade wird fortgesetzt     23 Uhr: Ende der Veranstaltung    Schwerverletzte: 541     Tote: 21

Für den Niederländer, der an diesem Tag einen Freund verlor, ist das unverständlich. Im Prozess sagte er aus, dass viele Menschen auf dem Boden lagen mit zu wenig Kraft, sich vor den Drängelnden in Sicherheit zu bringen. Polizisten sollen laut seiner Aussage tatenlos zugeschaut haben. Vermutlich waren diese überfordert. Herausfinden wird man es nicht. Tausende gutgelaunte Menschen, perfektes Wetter und laute Techno-Musik: Die Welt war noch in Ordnung. Momente später nicht mehr. Offensichtlich war das Aus der Loveparade unausweichlich, denn der Ruf war zerstört. Anfang Mai wurde dann auch schlussendlich das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingestellt. Es konnten keine Verantwortlichen ermittelt werden. Es ist durchaus glaubwürdig, dass keiner der Veranstalter diese Katastrophe gewollt hat – in Kauf genommen wurde sie aber dennoch. Trotz dessen ein herber Rückschlag für die Angehörigen der Opfer und alldiejenigen, die dabei verletzt wurden.

Comeback der Loveparade 2021 - Top oder Flop?

Nun steht die Überlegung im Raum, mit der so wahrscheinlich nur wenige gerechnet hätten. Dr. Motte möchte die Loveparade erneut nach Berlin holen, und das dieses Jahr. Richtig gelesen. Der Gründer, der 60 Jahre alt ist, denkt über ein Comeback nach. Einzigartig, dass er in diesem Alter noch immer für die Jugendkultur steht, für ein Spektakel, bei dem Massen von überwiegend jungen Menschen zu Techno-Musik feiern. Etwas geschmacklos, könnte man meinen. Vor allem im Hinblick auf das, was 2010 in Duisburg passiert ist. Das Unglück ist nun gut zehn Jahre her. Ist es nach so vielen Jahren also hinzunehmen, dass die Veranstaltung erneut stattfindet?

Ob es so weit kommt, liegt in unseren Händen. Bis Ende des Jahres sollen 1,5 Millionen Euro durch Fundraising gesammelt werden, damit das Spektakel stattfinden könnte. Das Überleben der Clubkultur wäre gesichert. Die Veranstalter wollen somit sicherstellen, dass überhaupt genügend Menschen an einem Wideraufleben der Loveparade interessiert sind. Zurückkommen soll sie jedoch unter dem Namen „Rave the Planet“. Zusätzlich soll die Elektromusik bei der UNESCO als Weltkulturerbe geschützt werden. Ist es der richtige Weg, die Kultveranstaltung wieder aufleben zu lassen? Besonders im Hinblick auf die ethische Vertretbarkeit und ein gutes Gewissen im Hinterkopf kommen Zweifel auf. Diese lassen sich aber schnell wieder zur Seite schieben, wenn man an die ursprünglichen Intentionen der Veranstaltung zurückdenkt und an das Lebensgefühl der Teilnehmer, welches gefüllt war durch Euphorie und pure Freude.

Es ist viel Zeit vergangen. Die Menschen haben sich verändert, die Jugend hat sich weiterentwickelt. Glaubt man aber den Aussagen von Dr. Motte, häufen sich die Fragen nach einem Comeback. Diese Aussagen sind glaubwürdig. Die Fans sind der Meinung, die Zeit wäre nun reif für eine Neuauflage und den Ursprung der Veranstaltung erneut in den Mittelpunkt zu stellen: Eine Demonstration der Liebe anstelle von Kommerz. Die Befürworter sind sich ebenfalls einig, dass es an der Zeit ist, ein Zeichen für Liebe, Toleranz und Freiheit zu setzen. Die Loveparade gilt unter den Anhängern als Urparade unter den Paraden. Dass Dr. Motte himself dieses Revival samt Planung und Organisation in Angriff genommen hat, unterstützt die Befürworter nochmals in ihrer Überzeugung, Vertrauen in die Veranstalter zu setzen – bei ihm ist in all den Jahren nie etwas schief gegangen.

Wie in allen Lebensbereichen finden sich jedoch zwei Seiten: die der Befürworter und die der Gegner. Bei diesen kommen große Zweifel auf, dass man solch große Menschenmengen sicher leiten könne und dass die Sicherheit hier eine reine Glückssache wäre. Die Forderung, die Parade auf verschiedene Veranstaltungsorte auszuweiten, trifft bei den Veranstaltern auf Unverständnis. Immerhin steht die Loveparade für Gleichberechtigung und Akzeptanz, sodass man den Zugang unmöglich limitieren kann. Andere sind fest davon überzeugt, die Neuauflage dient lediglich zu Werbezwecken und ist rein profitgesteuert. Die Musik steht hierbei im Hintergrund und es wäre beschämend, diese Veranstaltung zu nutzen, um für eine ganze Musikszene zu sprechen.

Ganz klar ist nun jedem selbst überlassen, welche Stellung er zu dem Thema beziehen möchte. Die eine Seite kann eine potentielle neue Loveparade kaum abwarten, die andere jedoch findet es lediglich geschmacklos. Trotzdem muss man realistisch bleiben. Tatsache ist: Die 90er sind längst vergangen und wir befinden uns mittlerweile im Jahr 2021. Nicht zu Unrecht sprechen viele von der magischen Ära um die 90er und 00er: Damals hatte solch eine Veranstaltung Kult. Mir – und ich befürchte dabei spreche ich im Namen vieler Jugendlicher – kommen Zweifel, ob ein Comeback noch ganz zeitgemäß wäre. In Zeiten von tagelangen Festivals samt Zelt und Dosenbier und ganz gegensätzlichen Vorstellungen von Party, könnte die Loveparade-Neuauflage mittlerweile fehl am Platz sein. Da in diesem Fall das Prinzip des Fundraisings angewandt wird, lässt sich gut aufzeigen, wie die heutige Jugendkultur dem Ganzen gegenübersteht – jede Stimme zählt.