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Leben und Gesellschaft - Antibabypille Keine Pickel, große Brüste und Depressionen

Die Antibabypille ist eines der einfachsten und sichersten Verhütungsmittel. Doch Nebenwirkungen und Risiken wie Thrombose oder Depression machen die Pille unattraktiv. In den sozialen Medien formiert sich Widerstand gegen das Mittel.

Die Einnahme der Antibabypille ist ein zweischneidiges Schwert. Über alternative Verhütungsmittel sollte sich so oder so informiert werden. (Quelle: iStock)

„Risiko Antibabypille: Warum selbst junge Frauen an Thrombose sterben können“, Der Stern. „SBK-Studie: Jede zehnte Frau leidet wegen der Pille an Depressionen“, Huffpost. „Antibabypille: Depressionen: Die Pille schlägt Frauen aufs Gemüt“, Augsburger Allgemeine. Es sind Schlagzeilen wie diese, die das Bewusstsein für mögliche Komplikationen rund um die Antibabypille wieder gestärkt haben. In unzähligen Artikeln und auf Social-Media-Kanälen und Plattformen wie YouTube berichten Frauen, warum sie die Pille abgesetzt haben, erzählen von Nebenwirkungen sowie positiven Veränderungen nach Absetzen der Pille. Es scheint eine ganze Trendwelle mit Frauen zu entstehen, die so nicht mehr weitermachen will.

Die beiden Frauenärztinnen Ruth Meents und Birgit Buchholz erleben diesen Hype vor allem nach Berichten in den Medien, wie bei Stern TV zum Thema Thromboserisiko durch die Antibabypille. „Zumeist handelt es sich nur um einen kurzfristigen Effekt nach Informationen in den Medien.“ Medien haben hier einen großen Einfluss. Gerade junge Frauen sehen oder lesen einen Beitrag über Risiken und Nebenwirkungen der Antibabypille und betrachten sich nun als ausreichend informiert, um zum Beispiel die Antibabypille abzusetzen. Auch die beiden Frauenärztinnen erhalten eher weniger Nachfragen. „Junge Mädchen bekommen vor der ersten Pille ein Info-Gespräch, das sehr ausführlich ist. Nachfragen gibt es eher selten.“

Angst vor der Chemie


Natürlich gibt es nicht nur negative Schlagzeilen über die Antibabypille: „Antibabypille senkt Risiko für Gebärmutterkrebs“, Gesundheitsstadt Berlin. „Neue Studie: Die Pille soll unser Gehirn positiv beeinflussen“, wunderweib.de. Doch nun ist es nun mal so, dass negative Ergebnisse mehr Aufmerksamkeit erregen als positive. Birgit Buchholz beobachtet häufig bei ihren Patientinnen mit Mitte 30 eine Art Pillenmüdigkeit. „Es entwickelt sich der Eindruck, durch Chemie fremdbestimmt zu sein. Häufig auch durch den Libidoverlust.“

Was ist Thrombose?

Bei einer Thrombose bildet sich ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß und behindert so den Blutfluss. Das Gefährliche: Folgen können zum Beispiel eine Sauerstoffunterversorgung von Organen sein oder eine Lungenembolie. Besonders anfällig für eine Thrombose sind Raucher sowie Personen mit Übergewicht oder Bluthochdruck. Die Antibabypille kann das Thromboserisiko noch bis zu drei Mal verstärken. Ein Grund, weshalb übergewichtige Raucherinnen meistens keine Pille verschrieben bekommen. Allerdings ist während einer Schwangerschaft das Thromboserisiko sogar um bis zu sechs Mal erhöht. Ob jemand zu einer der Risikogruppen gehört, kann zuvor von der Frauenärztin getestet werden.

So kommt es, dass sich Frauen heute mehr als noch vor fünf Jahren über Alternativen zur Pille erkundigen, weiß die Gynäkologin. „Dies geschieht vor allem aus Angst vor Chemie und nicht aus Angst vor Nebenwirkungen wie Thrombose.“ In einer Zeit, in der bewusstes und rücksichtsvolles Leben immer wichtiger wird, ist es nicht überraschend, dass für viele ein gesunder Lebensstil in allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle spielt – Essen ohne Tierprodukte, Deo ohne Aluminium, Shampoo ohne Silikone und eben Verhütung ohne Chemie.

So erlebt es auch der Gynäkologe Andreas Beneke in seiner Praxis. Er hat das Gefühl, dass sich junge Frauen mehr über Alternativen zur Pille erkundigen und das aus „Lifestyle“-Gründen – „hormonfrei und vegan“ sollte die Verhütung am besten sein. Weitere Gründe für das Absetzen der Antibabypille sind laut Meents und Beneke der Kinderwunsch, Gewichtszunahme, Migräne, Stimmungsschwankungen et cetera. Ob es sich allerdings wirklich um einen Trend handelt, dazu gibt es keine Zahlen.

Nebenwirkungen nicht unbedingt nur von Pille


Aber wie kommt es, dass niemand trotz der ganzen Bedenken und Nebenwirkungen ernsthafte Einwände gegen die Antibabypille äußert? Von Seiten der Industrie liegt es klar auf der Hand – hinter der Antibabypille steckt ein enormer Umsatz. Auch Frauenärzte gehen weiter konform mit der Antibabypille und verschreiben diese ohne große Zweifel. Von den Medien kommt nicht mehr, als ab und zu mal eine aufrüttelnde Schlagzeile. Das Problem ist, dass die Nebenwirkungen sich nie zu 100 Prozent nur mit der Antibabypille in Verbindung bringen lassen, sondern meist erst Jahre nach Einnahmebeginn auftreten. Hinzu kommt, dass Studien, die sich mit den Nebenwirkungen auseinandersetzen, häufig nicht aussagekräftig und repräsentativ sind.

Das alles hat mit der Revolution von 1960 nicht mehr viel zu tun. Damals kam die Pille als das Mittel zur Selbstbestimmung der Frau auf den Markt – Sex haben, ohne die Angst ungewollt schwanger zu werden. Mittlerweile gibt es eine große Auswahl an verschiedenen Pillen, die zwar ähnlich wirken, sich aber in Ihrer Zusammensetzung von Hormonen und deren Menge unterscheiden. Und weil es eben so viele verschiedene Pillenkonzentrationen gibt, bedeutet eine Unverträglichkeit nicht direkt, dass eine Frau gar keine Pille verträgt. Welche die optimale Antibabypille für die jeweilige Frau ist, weiß die Frauenärztin.

Die Gynäkologen Birgit Buchholz und Andreas Beneke empfehlen als erstes Verhütungsmittel die Pille. „Sie ist sicher, einfach anzuwenden und kostengünstig.“ Auch Ruth Meents findet „die Pille ist bei geeigneten Patientinnen eine gute und sichere Verhütung.“ Ihre Empfehlung ist „abhängig von den Wünschen und Vordiagnosen der Patientinnen.“ So empfiehlt sie als Alternativen gerne auch die Spirale oder den Verhütungsring. Da sowohl die Pille als auch die anderen Verhütungsmethoden nur vor einer Schwangerschaft, nicht aber vor Geschlechtskrankheiten schützen, empfiehlt Meents immer eine zusätzliche Verhütung mit dem Kondom.

So dient die Antibabypille nicht nur zur Verhütung, sondern bietet auch nette Nebeneffekte wie glatte Haut ohne Pickel, größere Brüste, volles Haar und einen stabilen Zyklus. Ein Grund, weshalb gerade junge Mädchen gerne die Pille nehmen, obwohl sie keinen Geschlechtsverkehr haben. „Der Anteil der Patientinnen, die nur aufgrund von Hautproblemen mit der Pille beginnen, ist unter 5 Prozent“, weiß Birgit Buchholz, „aber als Nebeneffekt bei der Verhütung wird es bei 40 Prozent der Patientinnen unter 20 Jahren gewünscht.“ Hierbei sollte nicht vergessen werden, dass die Pille ein Verhütungsmittel ist und den Körper mit zusätzlichen Hormonen versorgt, die eben auch Nebenwirkungen und Risiken bergen.

Verhütung ist Frauensache


Heute geht es nicht mehr in erster Linie um die Selbstbestimmung der Frau. Heute ist Verhütung Frauensache. Laut einer Online-Umfrage des Männermagazins Men's Health, bevorzugen es knapp über die Hälfte der Befragten, wenn die Frau mit der Pille verhütet. Immerhin ein Drittel der befragten Männer wollen die Verhütung, aufgrund der Angst vor einer Schwangerschaft, nicht allein der Frau überlassen und bevorzugen das Kondom. Nur drei Prozent macht sich, wie viele Frauen, Gedanken darum, dass „dieses ganze Hormonzeug“ ungesund ist.

Also Pille ja oder nein? Letztendlich muss hier immer im Einzelfall entschieden werden. Gibt es Vordiagnosen beziehungsweise Vorerkrankungen? Liegt aufgrund dessen eine erhöhte Thrombosegefahr vor? Wie kommt die Patientin mit der Pille klar? Was erhofft sie sich neben dem Verhütungsschutz? Wichtig und richtig ist, dass die Medien das Bewusstsein für mögliche Komplikationen rund um die Antibabypille wieder gestärkt haben. Die Pille ist zwar das sicherste und einfachste Verhütungsmittel, aber es sollte eben nicht vergessen werden, dass es sich immer noch um ein Medikament handelt.