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gute|schlechte Medien - Fake News Journalisten müssen nicht geliebt werden

„Lügenpresse, halt die Fresse!“ – eine der Parolen, mit denen JournalistInnen auf Demonstrationen von rechten Bewegungen konfrontiert werden. Woher kommen dieser Hass und der Vertrauensverlust? Sind Journalisten selbst schuld daran?

Pegida Demonstranten 2015 in Frankfurt (Quelle: Flickr, freie-presse.net)

Griffe in die Kameras von JournalistInnen. Das Brechen von Objektiven ist zu hören. Es fallen Sätze wie „Schrei nicht rum, sonst hau ich dir gleich ein paar auf die Fresse!“. Ein Mann fährt mit den Fingern an der Kehle entlang und sagt „Ihr Drecksschweine, wir kriegen euch“. Diese Szenen spielten sich ab, als JournalistInnen über das „Kyffhäusertreffen“ des rechten Parteiflügels der AfD berichten. Erschreckende Szenen, die wiederspiegeln wie das Ansehen von JournalistInnen gesunken ist.

Dass sich extremistische Personen nicht ausreichend in klassischen Medien vertreten fühlen, ist nicht verwunderlich. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung gaben 2005, etwa 89 Prozent der hauptberuflichen JournalistInnen an, möglichst neutral berichten zu wollen. Auch wenn es Zeitungen wie etwa die taz oder die WELT gibt, die eher links beziehungsweise eher konservativ in ihrer Auswahl und Einordnung sind, verwundert es nicht, dass Extremismus bei diesem Rollenselbstbild wenig Platz hat. Der Hass auf Journalisten, der sich spätestens seit der Flüchtlingskrise entlädt, hat eine Dimension angenommen, die es so vorher nicht gegeben hat.

Dass der Vertrauensverlust in Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise steht, zu diesem Schluss kommt auch Michael Haller. Der Forscher untersuchte in einer Studie für die Otto-Brenner-Stiftung (OBS), ob JournalistInnen ihrer Aufgabe zu dieser Zeit gerecht wurden. Er kam zu dem Ergebnis, dass sie in ihrer aufklärerischen Funktion versagt haben. Vielmehr sei es so, dass sie die Positionen der Politik übernommen haben, anstatt kritisch über diese zu berichten.

Die starke Wut auf PressevertreterInnen, scheint sich aus der Gesellschaft zu nähren. Zu dieser Einschätzung kann man kommen, wenn man sieht, dass auch in der Gesellschaft viele Menschen den Medien nicht vertrauen.

So kam eine repräsentative Studie der Universität Mainz, zu dem Ergebnis, dass 2016 37 Prozent in Teilen und 22 Prozent der Befragten gar kein Vertrauen in die deutschen Medien haben. „Systematisches Belügen“ warfen laut der Studie 19 Prozent der Befragten den Medien vor. Den Erkenntnissen der Langzeitstudie Medienvertrauen in Deutschland 2017 der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz zufolge, nimmt das Medienvertrauen in Deutschland allerdings wieder zu.

Was sind die Gründe dafür? Damit haben sich Christian Schemer, Professor für Allgemeine Kommunikationswissenschaft an der Universität Mainz und seine KollegInnen beschäftigt.

Ein weiterer Grund für das geringe in die Medien, ist die Medienentfremdung. So gaben 36 Prozent in der Studie der Universität Mainz an, dass Medien gesellschaftliche Zustände anders darstellen als sie im eigenen persönlichen Umfeld wahrgenommen werden. 24 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu: „Die Themen, die mir wichtig sind, werden von den Medien gar nicht ernst genommen.“. Ein Grund für die Entfremdung sei, so Schemer, dass viele Menschen nur noch überregionale Nachrichten, wie etwa die Tagesschau konsumieren würden und dadurch keine Meldungen aus der eigenen Region mehr erhalten. Durch dieses Konsumverhalten erhalten die Menschen den Eindruck, dass ihre eigene Lebensrealität in der Berichterstattung gar keine Rolle mehr spiele.

Eine Möglichkeit, um das Vertrauen in Medien weiter zu stärken sei laut Schemer der Konstruktive Journalismus. Hierbei gehe es nicht nur darum, kritisch zu hinterfragen oder Kritik zu üben, sondern darum den Menschen Lösungsansätze zu präsentieren ohne, dass sich JournalistInnen dabei von Interessengruppen instrumentalisieren lasse.

 

 

Das Vertrauen in Medien hat wieder zugenommen. Trotzdem müssen JournalistInnen sich selbst hinterfragen. Wie konnte es zu diesem Vertrauensverlust kommen und hat der Vorwurf der Lügenpresse einen wahren Kern? Stephan Lebert, Leiter des Investigativ Ressorts der Zeit, schrieb dazu: „Es wurde in den Medien viel zu oft ein Dialog zwischen Gleichgesinnten präsentiert, und das Problem war: Das große Bild, das Journalisten mit ihrer Arbeit zeichnen sollen, wurde immer kleiner und immer enger, und es wurde immer ähnlicher dem Bild, das schon die verantwortlichen Politiker und Wirtschaftsführer den Menschen präsentierten, tagein, tagaus. Es musste also fast so kommen: Die Leser und Zuschauer registrierten, dass die Journalisten ihre Rolle als Kontrolleure und unbestechliche Beobachter mehr und mehr verloren. Man wollte zu den Eliten gehören, also wurde man auch so wahrgenommen.“.

 

Auch Jakob Augstein, Miteigentümer des Spiegel und Herausgeber von Freitag, sieht die Qualität der Arbeit und das Selbstbild der JournalistInnen kritisch. In einem Gastvortrag an der Universität Hamburg erläuterte er: „Journalisten fangen erst dann an sich selbst zu hinterfragen, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Wir befassen uns nur kritisch mit uns selbst, wenn es uns schlecht geht und es geht uns schon ziemlich schlecht“. Zu einem Beitrag des heutigen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier in der FAZ sagte Augstein: „Das ist doch irre, dass ein Politiker die Journalisten daran erinnert: ‚seid vielfältig und nehmt die Leser ernst‘“. Steinmeier schrieb in seinem Beitrag: „Vielfalt ist einer der Schlüssel für die Akzeptanz von Medien. Die Leser müssen das Gefühl haben, dass sie nicht einer einzelnen Meinung ausgesetzt sind. Reicht die Vielfalt in Deutschland aus? Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl, der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen.

 

Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch. Das Meinungsspektrum draußen im Lande ist oft erheblich breiter. Wie viele Redakteure wollen Steuersenkungen, Auslandseinsätze, Sanktionen? Und wie viele Leser? Journalisten müssen nicht dem Leser nach dem Munde schreiben, genauso wenig, wie wir Politiker nur auf Umfragen starren sollten. Aber PolitikerInnen und JournalistInnen gleichermaßen sollten die Bedürfnisse ihrer Leser und Wähler nicht dauerhaft außer Acht lassen.“.

 

Doch wie sehen lokale Journalisten den Begriff der „Lügenpresse“ und wie gehen sie mit Kritik um? Einen Einblick in den Umgang von JournalistInnen mit diesem polemischen Begriff gibt David Mache von der Braunschweiger Zeitung.

 

„Das höchste Gut, das der Journalismus verspielen kann ist Glaubwürdigkeit“

Auch David Mache sieht in dem Konstruktiven Journalismus eine zukunftsträchtige Form des Journalismus. Gerade der lokale Journalismus sei prädestiniert für diese Art der Berichterstattung, da er nicht nur wiederspiegele, was in der Region passiere, sondern selbst Akteur sei. Als Akteur sei es auch der Braunschweiger Zeitung wichtig, dass es der Region wirtschaftlich gut gehe. Ein Beispiel für einen konstruktiven Ansatz auf lokaler Ebene sei die App Alarm38. Bei dieser können Bürger Aufreger-Themen melden. Die Braunschweiger Zeitung nehme anschließend Kontakt auf, etwa mit der Stadtverwaltung, und bemühe sich bei den Verantwortlichen um ein schnelles Lösen des Problems. „Das höchste Gut, das der Journalismus verspielen kann ist Glaubwürdigkeit“ so Mache.

Der Ruf des Journalismus hat in den letzten Jahren gelitten. Dies liegt unter anderem daran, dass die Meinungsvielfalt zu gering ist. Doch auch die JournalistInnen selbst haben durch ihr eigenes Ego und Erfolgsdenken dazu beigetragen. Die aktuellen Entwicklungen und Zukunftsaussichten sehen jedoch positiv aus. Durch Selbstreflexion, Transparenz und neue Ansätze kann es den heutigen und zukünftigen JournalistInnen gelingen, Vertrauen zurückzugewinnen und einen Journalismus zu betreiben, der näher an den Menschen ist.