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Meinung und Haltung - Slut-shaming Ich bin eine Schlampe!

Niemand sollte für das verurteilt werden, was man macht und wie man handelt. Das gilt auch für Frauen, ihren Körper und ihre Sexualität. Zeit, die Doppelmoral der Gesellschaft zu beenden, findet Jasmine Baumgart.

Eine junge Frau entblößt sich vor der Schnellstraße. Weil sie es kann. (Quelle: Jannis Große)

Ja, ich bin eine Schlampe. Das bin ich, denn ich trage gerne mal figurbetonte Kleidung. Mal einen kurzen Rock, mal Ausschnitt und mal bauchfrei. Die Anzahl meiner Sexpartner bewegt sich im zweistelligen Bereich. Sex mit Männern, die ich nur flüchtig kannte? Ja, den hatte ich. Dass einen all das zu einer Schlampe macht, habe ich in der Gesellschaft, in der ich lebe, gelernt. Denn Frauen werden für ihr sexuelles Verhalten oder ihre Art, sich zu kleiden, verurteilt.

Das nennt man Slut-shaming. Slut-shaming bedeutet, dass Frauen Schamgefühle eingeredet werden, wenn sie mehrere Geschlechtspartner hatten oder nach ihren sexuellen Gefühlen handeln. Der Grat, zwischen dem eine Frau entweder als Schlampe oder als prüde abstempelt wird, ist schmal. Zwischen heiliger Maria Mutter Gottes und sündiger Eva, die den armen Adam das Paradies kostete, liegen oft nur ein paar Zentimeter Rocklänge oder eine Rotnuance des Lippenstifts.

Jungfrau oder Schlampe


Die Ansprüche und Erwartungen, die an Frauen gestellt werden, wollen sie nicht als Schlampe bezeichnet werden, sind hoch. Männer haben es da um einiges einfacher. Ein Mann mit vielen Kerben im Bettpfosten ist ein cooler Typ. Ein Frauenheld. Männer brüsten sich untereinander mit ihrer neusten Eroberung, die sie letzte Nacht mit aus dem Club nach Hause genommen haben. Machen Späße. Sind stolz. Für die Frau bleibt nur zu hoffen, dass es ihr erstes Mal war. Am besten behält sie dieses Erlebnis für sich. Andernfalls ist sie halt eine Schlampe. So funktioniert das eben mit der Doppelmoral.

Den eigenen propagierten Wertvorstellungen zu widersprechen, ist eine Sache. Eine andere Sache ist aber noch viel gravierender: Durch Slut-shaming werden primitive Anmachsprüche, Belästigungen oder im schlimmsten Fall Vergewaltigungen entschuldigt. Frauen werden zu Opfern. Und hier kommen auch die Männer nicht gut bei weg. Sie sind demnach wie wilde Tiere ihren Trieben ausgeliefert. Sie können sich nicht zügeln, wenn sie nackte Beine oder ein tiefes Dekolleté sehen.

Schlampe“ in aller Munde


Das Stigma Schlampe ist dabei eines unter vielen. Neben Bitch, Nutte, Hure – die Liste ist lang. Sie sind fester Bestandteil unsere Sprache. Sie begegnen uns ständig im Alltag. Viel zu leicht kommen sie uns über die Lippen – und längst nicht nur Männern. Sie fallen in Gesprächen junger Mädchen neben uns im Bus. Sie finden sich unter Instagrambildern von Frauen, die sich für mancherlei Augen zu offenherzig und sexy zeigen. Sie sind in den Texten der Lieder zu hören, zu denen wir nachts im Club tanzen.

Und dabei liegen die Wurzeln dieser Worte gar nicht in dem üblichen Kontext, in dem wir sie benutzen. Als Schlampe gilt etymologisch zum Beispiel eine unordentliche, nachlässige und ungepflegte Frau. Im Ursprung ist also nicht wortwörtlich eine Frau gemeint, die sich sexuell verwerflich verhält oder mit ihrer Promiskuität provoziert. Und erst recht bezeichnet dieses Wort keine Frau, die ein selbstbestimmtes Sexleben führt und sich anzieht, wie sie will. Die in der Gesellschaft verstandene Wortbedeutung von Schlampe und Co. weicht drastisch vom ursprünglichen Wortsinn „unordentliche Person“ ab. Es sind also reine soziale Konstrukte unserer Gesellschaft. Damit ist eines klar: Ob Schlampe, Bitch oder Nutte – es gibt sie eigentlich gar nicht. Es gibt nur Frauen, die sich anziehen, wie sie wollen, und Sex haben, mit wem sie wollen – und das auch dürfen.