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- Zweitberuf Nachtschwärmer "Geld kommt nicht von allein"

Ein Zweitjob in der Gastronomie bringt zusätzliches Geld, aber hohe Belastungen mit sich. Auf der Braunschweiger Clubmeile sind die nachtschwärmenden Mitarbeiter nur am Wochenende Securities, Barkeeper und Tänzerinnen.

Damit alle bei einer Nacht im Club Spaß haben, gehören zahlreiche helfende Hände im Hintergrund dazu - die meisten nebenberuflich. (Quelle: iStock/Jacob Lund)

Tequila ins Glas, Salz und Zitrone dazu. Cocktails mixen, Sekt einschenken, Gin und Tonic. An der Theke in einem Braunschweiger Nachtclub stehen Freitag- und Samstagnacht keine Profis – alle machen in der Woche etwas ganz anderes. Jeden Freitag gegen 21.45 Uhr gehen auf der Party-Meile die Lichter an. Vor der Öffnung wird alles für das kommende Wochenende vorbereitet. Das Wichtigste zuerst: Die Kaffeemaschine muss laufen – anders lassen sich die kommenden acht Stunden kaum mit zwei offenen Augen aushalten. An der großen Bar des Clubs versammeln sich nach und nach alle, die die Nacht durchmachen wollen. Und das nicht als Feierwütige, sondern zum Geldverdienen. Barkeeper, Kistenschlepper, Securities und Tänzerinnen – für jeden gibt es eine Umarmung, dann schlürfen alle einen Kaffee und rauchen eine der unzähligen Zigaretten dieses Abends. Das scheint dazuzugehören.

Sie berichten wie die Woche lief, denn eigentlich arbeiten alle in anderen Branchen. Neben drei Studenten sind die restlichen Mitarbeiter Minijobber, die unter der Woche Vollzeit beschäftigt sind. 36 bis 40 Stunden, fünf Tage die Woche. Die meisten, um sich das ein oder andere Extra leisten zu können. Einen Urlaub, einen neuen Fernseher, Spielzeug für die Kinder. „Zum Glück ist die Arbeit hier so entspannt, da fühlt man sich zum Feierabend fast, als wäre man selber auf der Piste gewesen“, sagt einer der Securities. Er ist breitschultrig, mit kurzgeschorenem Haar und einem großen Tattoo auf dem Arm. Er klopft seinem genauso bulligen Kollegen neben sich kumpelhaft auf die Schulter. Von Montag bis Freitag ist der 36-Jährige Dachdecker, wohnt und arbeitet in Wolfenbüttel. Das Fahren nach Braunschweig sei für ihn kein Problem, sofern man bei den immer neuen Baustellen auf der Strecke gut durchkommt. Als ungelernter Dachdecker verdient er trotz zwölf Jahren Berufserfahrung nicht gut. Die erschufteten 2.500 Euro brutto im Monat reichen nicht für eine fünfköpfige Familie.

Türsteher – das passte dann irgendwie. Zum einen die Arbeitszeiten, die sich nie mit denen seines „normalen Jobs“ überschneiden, zum anderen seine Erscheinung. Ganz klischeehaft 1,90 Meter, böser Blick, tiefe Stimme, und ein Kreuz, das kaum durch die Tür passt. Seine Statur kommt dem Dachdecker vor allem bei Schlägereien zugute. Zwar versucht er meistens „nur Angst zu machen“, aber mindestens einmal am Abend muss er kräftig dazwischen gehen. Mancher hat einfach zu viel getrunken, andere sind Frauen gegenüber zu aufdringlich oder akzeptieren ein „Nein“ an der Tür nicht, wenn der Dresscode nicht passt. Perfekt also, um Rüpel und Volltrunkene aus dem Club zu halten. „Und dabei ist er der einzige, der sich ladylike immer zwei Scheiben Zitrone in seine Cola light wünscht“, kommentiert ein junger Barkeeper und grinst. Also vielleicht doch ein Biest mit großem Herzen.

Jobs Nummer 1 und 2 reichen nicht
 

Auch der Barmann, der seinen Namen nicht auf Campus38 lesen möchte, mixt nur am Wochenende Drinks. „Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker gemacht. Autos fand ich schon immer gut, das war eine einfache Entscheidung“, sagt der 22-Jährige. Sowohl das Ausbildungsgehalt, das abhängig vom Ausbildungsjahr zwischen 500 und 750 Euro brutto liegt, als auch der nun bei Volkswagen verdiente Lohn reichen gerade so für den Alltag. „Und das auch nur, weil ich noch bei meinen Eltern wohne. Wenn man mal Essen gehen möchte, in den Urlaub fahren oder etwas für später zur Seite packen will, ist das niemals genug.“ Deswegen hat der Autofan schon während der Ausbildung an seinen freien Sonnabenden und Sonntagen in der Gastronomie gejobbt. Für Familie und Freunde sei das okay. Sie würden verstehen, wenn man mal keine Zeit, oder nach sieben Tagen ohne Pause keine Lust hat, etwas zu unternehmen. Und die Belastung? „Das passt schon. Geld kommt nun mal nicht von allein. Da muss man dann gut planen, und auch mal auf etwas verzichten.“ Aber nicht auf die Zigaretten. Während der acht Arbeitsstunden verschwindet er immer wieder nach hinten – erstmal eine Kippe anzünden.

„Ich arbeite schon seit fünf Jahren hier. Und mit vielen der Leute hier bin ich mittlerweile gut befreundet. Man sieht sich ständig und uns treibt das gleiche her“, beschreibt die dienstälteste unter den nebenjobbenden Nachtschwärmern. Sie selbst wechselt immer zwischen der Kasse, der Bar und dem Tischservice – je nachdem, wo jemand ausfällt. Normalerweise arbeitet die 30-jährige Filialleiterin bei Lidl. Angefangen hat sie im Club, als sie noch an der Kasse beim Discounter saß, jetzt wird die durchschnittliche 52-Stunden-Woche aber zu viel. Dem Freund sei sie nicht oft genug zu Hause, Zeit für die Familie und das Handballspielen fehlt auch. „Oder die Energie. Wenn du von der Nachtschicht kommst, direkt weiter in den Club fährst, bist du nach drei Stunden Schlaf nicht fit für das Training.“

Genau deswegen passt die Zeitaufteilung gut. „Den Sonntag verbringe ich, wenn es geht, auf der Couch. Fernsehen, ein bisschen Haushalt und Pizza bestellen, zu mehr bin ich nicht zu gebrauchen“, sagt sie. Und am Montag startet dann wieder eine arbeitsreiche Woche – in Job Nummer eins und zwei.
 

2017 gingen in Deutschland etwa 2,2 Millionen Menschen einem Zweitjob nach. Viele, weil das Geld nicht reicht, einige auch, um sich weiterzubilden oder als Abwechslung vom regulären Arbeitsalltag. Attraktiv macht die geringfügige Beschäftigung das Verdienen ohne Abzüge. Steuern muss der Arbeitnehmer nicht zahlen, genauso wenig eine zusätzliche Versicherung. Auch von den Rentenbeiträgen kann man sich befreien lassen. Das Zusatzgehalt darf einen Betrag von 450 Euro monatlich nicht übersteigen und sollte mit dem Erstarbeitgeber abgesprochen werden. Der Minijob darf sich nicht auf den Vollzeitjob auswirken – bis um sechs Uhr in der Disco jobben und am nächsten Morgen wieder am Schreibtisch sitzen, ist also eher schwierig.