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Leben und Gesellschaft - Transgender Gefangen im falschen Körper

Trans*Menschen führen ein Leben am Rande der Gesellschaft, erleben Missbilligung oder Verachtung. Selbst im 21. Jahrhundert scheint die Gesellschaft weit entfernt von Akzeptanz zu leben.

Tally beim Teetrinken in ihrer Wohnung. (Quelle: Meret Gildehaus).

Heute kennt sie jeder als Tally, geboren wurde sie allerdings in Mississippi als Tanju. Sie beschreibt sich als eine intelligente, starke und zugleich außergewöhnliche Frau. Eine Frau, die endlich weiß, wer sie ist. 28 Jahre hat sie hinter einem Mann mit Bart ihre eigentliche Identität vor der Gesellschaft verheimlicht. Durch den beruflichen Erfolg hat sie völlig vergessen, wer sie eigentlich sein will. Mit 29 wird ihr klar, was sie schon immer gefühlt hat. „Es machte sich von Geburt an bemerkbar. Ich habe es Jahre lang verdrängt, beziehungsweise nicht wahrhaben wollen“, erzählt Tally. „Irgendwann kam aber der Zeitpunkt, an dem ich gesagt habe: Irgendwas stimmt nicht, ich bin nicht glücklich. Ich bin kein Mann, sondern eine Frau! Jeden Tag war ich es innerlich, aber nie äußerlich.“

Allein in Deutschland leben schätzungsweise 20.000 bis 80.000 Trans*Menschen. Doch durch das schwarz-weiße Denken der Politik, Religion oder des sozialen Umfelds, wird immer wieder versucht, den Weg zur eigentlichen Identität zu erschweren oder sogar zu versperren. Weltweit haben Trans*Menschen mit rechtlicher, medizinischer und gesellschaftlicher Diskriminierung zu kämpfen. Unverständnis und die Einschätzung als krank sind keine Seltenheit. Sie werden nicht als normal angesehen. Für Außenstehende scheint eine Umwandlung zum anderen Geschlecht immer noch keine Normalität zu sein.

Gesellschaftliche Ablehnung

Laut dem Psychologen Ulrich Klocke von der Berliner Humboldt-Universität lässt sich das auf die Angst vor dem Fremden zurückführen. „Bei vielen trans*geschlechtlichen Personen gelingt eine schnelle und stabile Geschlechtskategorisierung nicht. Das löst Unwohlsein und daher Ablehnung von Trans* aus“, so Klocke. Dabei ist der medizinische Fortschritt heutzutage so weit, dass man nach einer Geschlechtsanpassung ohne Probleme seine Identität ausleben kann. Auch wenn Tally erst in knapp zwei Jahren ihre geschlechtsanpassende Operation bekommt und offiziell noch nicht umgeschrieben wurde, geht sie mittlerweile sehr offen mit sich und ihrer Geschichte um. Momentan durchlebt sie eine aufregende Zeit unter psychologischer Betreuung. Im Januar hat sie mit der Hormonbehandlung angefangen. Es ist der erste körperliche Schritt, endlich Frau sein zu dürfen. Das Brustwachstum wird eingeleitet und die Fettverteilung angeregt, so dass sich der Körper dem weiblichen Vorbild immer mehr annähert. Die Gesichtszüge werden insgesamt weiblicher und die Haut weicher. Sie erlebt in kürzester Zeit das, was eine biologisch geborene Frau auf das Leben verteilt erlebt. Ein Auf und Ab von Hitzewallungen und Fressattacken.

 

Allen voran geht Caitlyn Jenner. Sie ist nicht nur die Transgender-Aktivistin der USA, sondern zugleich weltweit die bekannteste Trans*Frau seit sie ihren Wandel vom sechsfachen Vater und Ex-Olympia-Zehnkämpfer öffentlich machte. Da Tally in den USA geboren wurde, weiß sie, dass es sowohl dort als auch hier in Deutschland verhältnismäßig einfach ist, sich zu seiner Identität zu bekennen und diese auszuleben. Denn in vielen Ländern der Welt ist die juristische und medizinische Anpassung an das Identitätsgeschlecht nicht erlaubt. Die Hormone werden auf dem Schwarzmarkt gekauft und ohne die notwendige ärztliche Betreuung eingenommen. Ebenso ohne medizinische Aufsicht spritzen sich viele Trans*Frauen industrielles Silikon zum Brustaufbau oder lassen Penisamputationen durchführen. Nicht selten mit gravierenden gesundheitlichen Schäden oder sogar Todesfolge. Selbst ohne dieser selbsthelfenden Eingriffe, ist ein Leben als Trans*Mensch gerade in afrikanischen, muslimischen und religiös-konservativen Ländern, wie Saudi-Arabien, schwierig. Öffentliche Gewalt, Diskriminierung und Stigmatisierung bestimmen den Alltag. Frauen bekommen nicht die Möglichkeit auf eine gute Ausbildung oder einen Job. Oftmals werden sie von der Regierung und Gesellschaft zur Prostitution gezwungen.

Europa ohne Diskriminierung?

In Deutschland gibt es seit 1980 das Transsexuellengesetz über die Änderung der Vornamen und Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit. In 29 weiteren Ländern sind diese Änderungen ebenfalls möglich. Allerdings unter Berücksichtigung unterschiedlicher Bedingungen. In den meisten Fällen umfassen diese psychiatrische Gutachten, geschlechtsangleichende Maßnahmen und mitunter auch die Unfruchtbarmachung, wobei der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte seit Anfang April die Sterilisierung zur offiziellen Anerkennung als Trans*Mensch als Verletzung der Menschenrechte vorsieht. In der heutigen Zeit scheint bei vielen noch nicht angekommen zu sein, dass die Medizin die Möglichkeit hat, vieles zu verändern. Wieso sollte also einem Menschen das Recht auf ein Kind verweigert werden? Besonders der Verein Transgender Europe (TGEU) „[...] sieht ein Europa vor, das frei von Diskriminierung ist, in dem jede Person gemäß ihrer Geschlechtsidentität und ihres Geschlechtsausdrucks ohne Einmischung leben kann und Trans*Menschen und ihre Familien respektiert und geschätzt werden.“

Laut der Weltgesundheitsbehörde WHO wird Transsexualität immer noch in die Gruppe psychischer Störungen und Verhaltensstörungen eingestuft. Den Gesundheitsbehörden der USA solle unter anderem die Verwendung des Begriffs Transgender verboten und somit den Menschen die Möglichkeit zur Unterstützung durch die Gesundheitsbehörden entzogen werden. Psychologe Klocke sieht darin einen Versuch, Trans*Menschen ihre Stimme in der Gesellschaft zu nehmen. Dabei sei es gerade wichtig für diejenigen, die sich bereits in jungen Jahren dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, mehr zu tun. Insbesondere Schulen sowie Kinder- und Jugendeinrichtungen sieht er in dieser Verantwortung. Ob Menschen die Vorurteile der Gesellschafft übernehmen oder lernen, dass Vielfalt etwas Selbstverständliches ist, entscheide sich frühzeitig. „Man selbst sein zu können, stärkt ein Kind enorm“, sagt Tally.

Den eigenen Weg gehen

Auch Tally erlebte diese Zeit. Gerade dann sind die Anerkennung und vielleicht sogar Ermutigung der Eltern entscheidend. Die Unterstützung ihrer Familie hatte sie von Anfang an. Ihre Mutter war es, die sich für ihren heutigen Namen entschied. „Mir war es wichtig, sie mit einzubeziehen. Sie hat mir damals einen Namen gegeben, somit habe ich gedacht, möchte ich auch, dass sie meinen neuen Namen auswählt, was sehr besonders für mich war.“ Auch ihre Freunde stehen hinter ihr. Viele von ihnen wussten schon immer, dass sich hinter Tanju eine Frau versteckt. Heute sind sie stolz auf sie, dass sie ihren Weg geht.

Dennoch wird Tanju immer ein Teil ihres Lebens bleiben. „Ich werde die Zeit vor Tally nie hassen, eher vermissen. Denn erst dadurch habe ich gemerkt, wer ich bin.“ Umso glücklicher ist sie jetzt Tally zu sein. „Ich möchte Menschen motivieren, an sich zu glauben und immer man selbst zu sein. Nach der geschlechtsangleichenden Operation werde ich ein glückliches Leben als vollständige normale Frau leben und ich werde immer positiv bleiben.“ Es sind die 28 Jahre, die dazu beigetragen haben, wer Tally heute ist. Eine zierliche, von Natur aus sehr feminine Person mit einem strahlenden Lächeln. Es gibt keinen Grund, sich weiterhin hinter etwas zu verstecken, was man nicht sein will. Aber trotzdem haben Trans*Menschen kein leichtes Leben. Es ist das gesellschaftliche einseitige Denken, dass uns immer wieder einholt und versucht, die Realität vor Augen zu führen. Die Realität ist, dass dein Wesen bestimmt, wer du bist. Ganz gleich mit welchem Geschlecht du geboren wurdest. Es wird Zeit zu akzeptieren, dass Trans*Menschen, Menschen wie alle anderen sind.