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Politik und Debatte - Genderklischees, Emanzipation, Sport Frauen tanzen, Männer spielen Football

Tänzer sind „schwul“, Fußballerinnen „Kampflesben“ – Geschlechterklischees und Vorurteile gegenüber bestimmten Sportarten existieren in unser Gesellschaft noch immer. Warum diese aber längst überholt sind, erklärt unsere Autorin Marie.

Football – ein typischer Männersport? Die LadyLions aus Braunschweig beweisen das Gegenteil. (Quelle: privat)

Die Emanzipation zieht sich durch viele Teilbereiche unserer Gesellschaft. Frauen kämpfen seit Mitte des 19. Jahrhunderts für mehr Gleichberechtigung im Job und Alltag. Doch nicht nur das weibliche Geschlecht wünscht sich steigende Akzeptanz. Auch die Männerdomäne muss in verschiedensten Situationen mit Ungleichberechtigung und Vorurteilen kämpfen – So auch im Sport, wenn sie nicht die typischen maskulinen Hobbys ausüben.

Was ist typisch Frau, was ist typisch Mann?

Die biologische Grundausrichtung des menschlichen Skeletts zeigt, dass Männer natürlicherweise mit mehr Muskelmasse und weniger Körperfett behaftet sind als Frauen. Zudem ist der weibliche Körper rumpfverstärkt, bei dem männlichen werden die Extremitäten betont.  Dazu kommt, dass der durchschnittliche Mann zwölf Zentimeter größer und zehn bis zwölf Kilogramm schwerer ist als die Durchschnittsfrau. Dies macht ihn deutlich unbeweglicher. Ein Blick nach links und rechts im Fitnessstudio beweist dieses Phänomen. Während die Männer es beim Dehnen gerade so schaffen, ihre Hände bis zu den Knien zu führen, berühren die meisten Frauen mit ihren Handflächen den Boden, ohne ihre Beine abknicken zu müssen.

Frauen haben kleinere Atemwege, Herzen und Lungen, ihre Herzfrequenz ist höher und sowohl die Blutmenge als auch der Wert des Sauerstofftransports, der Hämoglobin-Wert, sind niedriger als bei Männern. Deshalb fällt es ihnen schwer zum Beispiel beim Laufen dauerhaft mit dem anderem Geschlecht mitzuhalten. Wegen dieser vielen Faktoren ist es nicht möglich, ein einheitliches Leistungsbildes des Menschen zu erstellen. Um trotzdem Fairness gewährleisten zu können, wurden die meisten Sportarten in Frauen- und Männerkategorien unterteilt. An den Olympischen Spielen dürfen Frauen erst seit den Sommerspielen 1900 in Paris teilnehmen. 21 Frauen erhielten in dem Jahr erstmalig die Chance sich in vier Kategorien zu beweisen. Damals gewann die schweizerische Gräfin Hélène de Pourtalès den Segelwettbewerb und wurde somit die erste Olympiasiegerin.

Von Mal zu Mal wurden immer mehr Frauen in unterschiedlichsten Kategorien zugelassen. Doch wer denkt, dass nur das weibliche Geschlecht, um mehr Akzeptanz zu kämpfen hat, irrt sich. Es gibt immer noch Sportarten, bei denen ausschließlich Frauen zugelassen werden. Aus diesem Grund werden bei den kommenden Olympischen Spielen 2021 in Tokio keine Männer bei der Rhythmischen Sportgymnastik oder dem Synchronschwimmen zu finden sein. Es gibt jedoch auch Wettkämpfe, an denen Unisex- Mannschaften oder gemischte Paare teilnehmen können.

 

Die meisten Jugendgruppen werden in gemischten Mannschaften trainiert. Beim Football spielen Mädchen und Jungen miteinander bis sie 15 Jahre alt sind. „Man wird zwar meistens als einziges Mädchen in einer gemischten Mannschaft anders aufgenommen, kommt aber gut klar, weil man bei den Junior Lions dann als Quarterback spielt“, erzählt Footballspielerin Melina Bergt, die bei den LadyLions in Braunschweig trainiert. „Dieser hat einen anderen Stellenwert im Team, weil viele Spieler für dich auf und außerhalb des Spielfeldes einen Beschützerinstinkt entwickeln. Aber natürlich gibt es auch viele Unterschiede, zum Beispiel, wenn du dich allein in der Umkleide fertig machst, während sich die Jungen zusammen auf das Spiel vorbereiten.“

„Alle Tänzer sind schwul!“

Aus diesen bestehenden gesellschaftlichen Bildern von SportlerInnen haben sich Klischees und Vorurteile gebildet. Doch warum verbindet man einen Ausbruch aus diesem Rollenbild gleich mit negativen Assoziationen? Springreiter Lennard Brunnert ist für gewöhnlich der einzige Mann unter rund 30 Frauen auf einem Pferdehof. Dadurch besteht sein soziales Netzwerk natürlich aus mehr Frauen als beispielsweise das eines Fußballspielers.

Bei Reitturnieren dagegen ist das weibliche Geschlecht eine Seltenheit geworden. Je höher die Anforderungen und somit auch der Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen wird, desto mehr steigt der Männeranteil. In den höchsten Disziplinen findet man so mehr Männer als Frauen. „Für Männer ist das Pferd meistens ein Sportpartner, während Frauen diese oft als Accessoire oder Kinderersatz sehen“, versucht sich Brunnert dieses Phänomen zu erklären. „Reiten zählte früher zum reinen Männersport. Seine Anfänge sind auf das Mittelalter zurückzuführen, da es ausschließliche männliche Ritter gab.“

Sobald etwas an dem gesellschaftlichen Idealbild eines Geschlechts als störend empfunden wird, verpönt man diese Person als schwul oder lesbisch. Homosexualität hat sich mittlerweile als Schimpfwort in unserem Sprachgebrauch integriert. So werden auch immer wieder AthletInnen, die diese Stereotypen nicht erfüllen, mit Beleidigungen konfrontiert. Als Reiter trägt man enge Hosen, damit es durch die Reibung am Sattelblatt nicht zu Scheuerstellen kommt.  Das kann auf Unwohlsein in dem idealistischen Bild eines männlichen Sportlers stoßen und zu homophoben Beleidigungen führen. Außerdem werden als Reiter viele Eigenschaften benötigt, die in unserer Kultur als schwach und dadurch unmännlich angesehen werden. Doch wünscht sich nicht fast jede Frau mehr Einfühlungsvermögen, Verantwortungsbewusstsein oder Selbstbeherrschung von ihrem Partner? Auch Athletinnen kämpfen mit homophoben Kommentaren, wenn sie beispielsweise Kraft- oder Ausdauersport ausüben. Bei einer Befragung von zehn Fußballerinnen wurden acht von ihnen schon mindestens einmal als „Kampflesbe“ betitelt.

Es ist leicht zu erklären, woraus die Klischees und Vorurteile im Sport resultieren. Sie basieren auf einer veralteten, idealistischen Vorstellung der unterschiedlichsten Sportarten. Footballspielerin Melina und Tänzer Thomas sind der Beweis dafür, dass es ist nicht naturgegeben ist, dass nur Männer vollen Körpereinsatz zeigen und Frauen ihre Hüfte kreisen lassen können. Anstelle des Geschlechts sollte die Leistung beurteilt werden, da es im Sport um Ehrgeiz, Talent und vor allem Begeisterung geht. Das sollte gefördert und unterstützt werden, ganz gleich ob Frau oder Mann. Für die Zukunft wäre es wünschenswert nicht mehr in geschlechtertypischen Sportarten zu unterscheiden und so die Wege für alle AthletInnen ohne Diskriminierung freizuräumen.