Direkt zu den Inhalten springen

Politik und Debatte - Feminismus Feminismus? Feminismus!

Das Recht zu wählen, Eigentum zu besitzen, studieren zu können, Hosen zu tragen, Auto zu fahren – heutzutage ist das für Frauen in Deutschland selbstverständlich. Doch das war nicht immer so. Starke Frauen mussten sich diese Rechte erkämpfen. FeministIn zu sein, bedeutete mutig zu sein und sich gegen den Widerstand der patriarchalen Gesellschaft zu behaupten.

Jetzt ist unsere Generation dran, denn der Kampf gegen Diskriminierung und Sexismus ist noch nicht ausgefochten. Quelle: iStock/LightFieldStudios

FeministIn zu sein ist heute nicht schwer. Wir kaufen uns für 14,90 Euro ein T-Shirt mit dem Aufdruck „feminist“ bei Zalando und jeder weiß, ich stehe für Gleichberechtigung und gegen Sexismus ein – ich bin FeministIn. Feminismus ist mittlerweile allgegenwärtig. Neben den großen Themen wie Frauenquoten und die Forderungen nach gleichberechtigter Bezahlung werden Themen wie Stillen in der Öffentlichkeit, das Zeigen von weiblichen Brustwarzen auf Instagram oder die Luxussteuer auf Tampons diskutiert. Feministische Themen sind also präsenter als je zuvor und werden vermehrt diskutiert.

Keine Selbstverständlichkeit, wenn man einen Blick auf die Geschichte der Frauenbewegung wirft. Die ersten Forderungen nach Gleichberechtigung wurden im 18. Jahrhundert, während der französischen Revolution laut. Olympe de Gouges, die man auch als erste Feministin bezeichnen kann, bezahlte während der französischen Revolution ihre Courage und ihr politisches Engagement mit ihrem Leben. Von den ersten Forderungen nach Gleichberechtigung im 18. Jahrhundert bis zu den ersten Frauenbewegungen verging ein Jahrhundert. Obwohl es Frauen verboten war sich politisch zu engagieren, wurde 1865 in Leipzig der erste Frauenbildungsverein gegründete. Dies war der Anfang einer wachsenden Frauenbewegung. Forderungen nach Wahlbeteiligung, Bildungschancen, weiblicher Berufstätigkeit wurden laut. Der Verein erreichte, dass Frauen ab 1899/1900 studieren durften und sie setzten sich 1908 bei der Mädchenschulreform durch, dass die Bildung von Mädchen Teil der staatlichen Aufgaben sei. Für uns ist es heutzutage selbstverständlich als Mädchen zur Schule zu gehen, später studieren zu können und den Beruf ausüben zu können, den wir wollen. Doch das ist nicht überall eine Selbstverständlichkeit: Noch heute wird weltweit vielen Mädchen der Zugang zu Bildung verwehrt. Daher sollte man die vielen Möglichkeiten, die Frauen in Deutschland haben, zu schätzen wissen. Rechte und Möglichkeiten zu schätzen und dennoch kritisieren, dass auch noch 2019 Diskriminierung und Sexismus gegenwärtig sind – das ist für mich Feminismus. 

„Wir glauben unsere Töchter haben etwas Besseres zu wählen als einen Abgeordneten, nämlich einen Ehemann“. Dieses Zitat eines preußischen Abgeordneten spiegelt das damalige Frauenbild wider. Frauen seien weniger intelligent und zu emotional um wählen zu gehen und erst recht um gewählt zu werden. Frauen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts politisch engagierten taten dies trotz drohender Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Verhören. Lange hat es gedauert bis die Stimmen der Frauen gehört wurden. In ganz Europa wurden die Frauen lauter und unbequemer. So auch in Deutschland, bis 1918 das Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde. Ein Jahr später stand die Frau mit durchgedrückten Schultern und gehobenen Kinn an der Wahlurne und gab ihre Stimme, mit dem Wissen, dass das erst der Anfang war, ab. 37 Frauen wurden in die Nationalversammlung gewählt und standen damit 423 alten weißen Männern gegenüber. 

Mit alten weißen Männern müssen sich Frauen auch heute noch herumschlagen. Man möchte meinen, Frauen nutzen ihre Stimme, um Chauvinisten wie Donald Trump oder dem Parteiprogramm der AfD, das die Frau gerne wieder zurück an den Kochtopf fesseln würde, den Mittelfinger zu zeigen. Aber nein, ein drittel der AfD-WählerInnen sind Frauen. Über AfD-Wähler im Allgemeinen mag man meinen was man will, aber dass ausgerechnet Frauen sich dieser Partei politisch nahe fühlen ist nicht nachvollziehbar. Es sei denn, man findet Aussagen wie die von Björn Höcke sympathisch: „Ich bin überzeugt, daß es wesensmäßige Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, die wir nicht überwinden, sondern kultivieren sollten. [...] Wehrhaftigkeit, Weisheit und Führung beim Mann - Intuition, Sanftmut und Hingabe bei der Frau, um nur ein paar wenige zu nennen." Dabei fühlt man sich direkt in das 19. Jahrhundert zurückversetzt. Der perfekte Stereotype eines Chauvinisten ist Donald Trump. „I just start kissing them. It’s like a magnet. Just kiss. I don’t even wait. And when you're a star, they let you do it. You can do anything. […] Grab them by the pussy - can do anything.“ Dass dieser Mann nach derartig sexistischen Aussagen US-Präsident wurde, macht als Frau, als Mensch, wütend und frustriert zugleich. 

Feministinnen der zweiten großen Frauenbewegung in den 60er Jahren wollten gerade dieses Frauenbild durchbrechen und kämpften für mehr Gleichberechtigung und die Selbstbestimmung der Frau. Nach dem zweiten Weltkrieg verbesserten sich die Bildungschancen für die Frauen, sodass immer mehr die Chance ergriffen und studierten. Dennoch waren Frauen durch die patriarchale Gesellschaftsstruktur stark benachteiligt. Frauen waren sowohl in Schulen, Universitäten und der Politik stark unterrepräsentiert. Die Abhängigkeit vom Ehemann war groß, der als „Haushaltsvorstand“ verbindliche Entscheidungen allein treffen konnte, seine Zustimmung für die Eröffnung eines Kontos geben musste und die Erwerbstätigkeit seiner Frau verbieten durfte. Frauen waren überwiegend an den Kochtopf gefesselt, Vergewaltigung in der Ehe wurde als „eheliche Pflicht“ abgetan und im Falle einer Scheidung standen Frauen vor dem finanziellen Ruin. Studentische Bewegungen lehnten sich gegen diese beherrschende Gesellschaftsordnung auf. Frauen wurden laut, Proteste lauter, die Stimmung war gereizt. Die Feministinnen setzten sich nicht nur für Lohngerechtigkeit, finanzielle Unabhängigkeit, die Aufhebung von geschlechterspezifischen Rollenzuschreibungen und gegen Gewalt ein, sondern kämpften auch für die Perspektive ein selbstbestimmtes Leben zu führen. §218 ist heute immer noch hochaktuell und erhitzt die Gemüter – heute wie damals. 1971 veröffentlichte der Stern 374 Geständnisse von Frauen, darunter auch Prominente wie Romy Schneider, abgetrieben zu haben. Die Kampagne löste eine hitzige Debatte über die sexuelle Selbstbestimmung der Frau aus und fünf Jahre später konnte die Frauenbewegung in Teilen ihre Ziele erreichen. Die „Fristenregelung“ erlaubt einen Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Monate der Schwangerschaft, nachdem die Frau durch ein medizinisches Beratungsgespräch aufgeklärt wurde. Die Gesetzeslage um Schwangerschaftsabbrüche wird auch aktuell wieder diskutiert. §219a verbietet es ÄrztInnen Informationen oder Werbung für Abbrüche bereitzustellen. Die Sorge, dass Frauen einen Schwangerschaftsabbruch wegen eines „guten Angebots“ machen, ist beleidigend. Auf die Idee, dass Frauen mit einem Abbruch wie mit einem lästigen Schnupfen umgehen, können auch nur Männer kommen – die wiederum die Gesetze machen. 

In den 1980er Jahren trieben Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft unterschiedliche feministische Themen um, was dazu führte, dass die Themen immer vielfältiger wurden und die Bewegung sich immer mehr ausdifferenzierte. Lesben, Juristinnen, Mütter, Migrantinnen oder Friedensaktivistinnen organisierten sich in eigenen Gruppen. Bis heute gibt es unterschiedliche Strömungen und Ansätze der Bewegung. 

Doch wie sieht Feminismus heute aus? Frauen haben immer noch mit Diskriminierungen im Berufsleben und im Alltag zu kämpfen. Frauen verdienen weniger als Männer, sie kümmern sich um Kind und Haushalt und Gewalt in jeglicher Form gegen Frauen ist keine Seltenheit. Die Probleme ähneln thematisch denen Jahrzehnte zuvor, nur gibt es neue Forderungen. Aber es gibt auch neue Themen, wie Toleranz gegenüber sexueller Orientierungen und die Internationalisierung der Gleichberechtigung oder eben auch Themen wie das Zeigen von weiblichen Brustwarzen auf Instagram. Was sich stark verändert hat, ist die Art des Protestes. Heute organisieren FeministInnen sich seltener in festen Strukturen. Sie solidarisieren sich vielmehr bei konkreten Anlässen. Durch #metoo, den Weltfrauentag oder den Woman’s March kommen Frauen zusammen, die etwas verändern, auf Probleme aufmerksam machen oder einfach Teil eines Gefühls sein wollen. Wer sich heutzutage als FeministIn bezeichnet muss nicht mit Bestrafungen oder Verfolgung rechnen – zum Glück. FeministInnen werden nicht mehr schief angeschaut und als männerhassende Radikale wahrgenommen. Vielmehr schließt man sich einer Art Popkultur an, die durch Stars wie Beyoncé, Emma Watson oder Angelina Jolie populär geworden ist. Die Frauenbewegung ist massentauglich geworden. Es reicht allerdings nicht sich das Lemonade-Album von Beyoncé anzuhören und ein T-Shirt mit dem Aufdruck „the future is female“ zu tragen. Wer sich als FeministIn bezeichnet, sollte auch für Gleichberechtigung einstehen und sich nicht wegducken, wenn es unbequem wird – egal ob Mann oder Frau.   

Ikonen der Frauenbewegung haben alle Widerstände in Kauf genommen und sich gegen Generationen von verbohrten machtgeilen Männer behauptet. Ihnen haben wir Rechte zu verdanken, die heute für Frauen eine Selbstverständlichkeit sind. Nun ist die Zeit unserer Generation gekommen sich dem schlechtfrisierten Sexisten mit der roten Krawatte in den Weg zu stellen. Denn der Kampf gegen Diskriminierung und Sexismus ist noch nicht ausgefochten. Wir sind es den Frauen, die für unsere heutigen Rechte gekämpft haben, schuldig.