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Politik und Debatte - Flucht, Menschenhandel, Zwangsprostitution Endstation Prostitution – Die Gewaltspirale geflüchteter Frauen

Junge Frauen aus Afrika fliehen vor Gewalt und Unterdrückung aus ihren Heimatländern und hoffen auf ein besseres Leben in Europa. Doch schon auf der Flucht geraten sie in eine Gewaltspirale, aus der nur die Wenigsten entkommen.

Ein Großteil afrikanischer geflüchteter Frauen erfährt während und nach der Flucht traumatisierende körperliche und sexuelle Gewalt. (Quelle: shutterstock/Tinnakorn jorruang)

„Ich sage auch nicht Flüchtlinge, sondern Geflüchtete, weil das den Menschen nicht auf seine Flucht reduziert“, erklärt TV-Moderator und Podcaster Klaas Heufer-Umlauf in einem FAZ-Interview. Im Zusammenhang mit Fluchtthematiken verwenden Berichtende zumeist die pauschalisierte Personenbezeichnung „Flüchtlinge“. Fatal. Schließlich ist jeder Geflüchtete individuell, hat einen ganz persönlichen Lebensweg und ein eigenes Schicksal. Auseinandersetzungen mit Geflüchtetengruppen sind wichtig, um Einzelschicksale und Fluchtgründe nachzuvollziehen. Frauen aus Afrika etwa fliehen nicht ausschließlich vor Bürgerkriegen, sondern sind geschlechtsspezifischen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt.

Gefahrensituationen im Heimatland

Unabhängigkeit, Sicherheit, Berufstätigkeit – für unzählige Frauen in Afrika sind diese Grundsätze ein weit entfernter Traum. Sie wachsen häufig in Armut auf, mit mangelndem Zugang zum Bildungssystem und fehlenden Entwicklungsperspektiven. Der Index geschlechtsspezifischer Ungleichheit aus dem Jahr 2019 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, ist in afrikanischen Ländern im weltweiten Vergleich besonders hoch.

Dort aufwachsende Frauen sind gegenüber Männern nicht nur benachteiligt, ein großes Problem ist geschlechtsspezifische Gewalt. Das Ausmaß sexueller und körperlicher Gewalt hat in Corona-Zeiten weiter zugenommen. UN Women betitelt das Phänomen als „Schattenpandemie der Gewalt“. Im Juni 2020 verhängten Gouverneure der 36 Bundesstaaten Nigerias einen Ausnahmezustand und distanzierten sich von jeglichen Gewaltakten.

Gewalterfahrungen wie Schläge und Vergewaltigungen gehören für viele afrikanische Frauen von klein auf zum Alltag. Zwangsheirat und schmerzhafte Genitalverstümmelungen sind weiterhin verbreitet. In vielen afrikanischen Ländern werden Frauen in der Regel bei Ungehorsamkeiten gewaltsam bestraft. Viele sehen daher die Flucht als einzigen Ausweg. Häufig sind sie noch minderjährig, wenn sie alles zurücklassen, was für sie Heimat ausmacht.

Prostitution als Gegenleistung zur Fluchthilfe

MitarbeiterInnen der Hilfsorganisation SOLWODI erfahren viel über die Fluchthintergründe der afrikanischen Geflüchtetengruppe. Laut Barbara Wellner, Leiterin der Hilfsorganisation SOLWODI und Katrin Lehmann, Sozialarbeiterin bei SOLWODI, sind sich die Fallschilderungen der Klientinnen dabei häufig sehr ähnlich.

Im Glauben daran, sich aus Gefahrensituationen befreien und in Europa leicht Geld verdienen zu können, geraten betroffene Frauen häufig an AnwerberInnen im Heimatland. Sie sind für die Fluchtvorbereitungen auf Hilfe angewiesen und vertrauen auf die Unterstützung von Kontaktpersonen, die aus der unmittelbaren Nachbarschaft oder dem Bekanntenkreis kommen. Die Kontakte würden jedoch nicht uneigennützig helfen. Sie sind ein Teil eines internationalen kriminellen Netzwerks und würden die Frauen aus finanziellem Interesse anwerben. Von dem fortan beginnenden Menschenhandel ahnen die neu angeworbenen Frauen zu diesem Zeitpunkt üblicherweise nichts.

Afrikanische Frauen fliegen entweder mit gefälschten Papieren nach Europa oder gelangen über die Landroute über Niger, Libyen und über die Mittelmeeroute nach Italien. Alleinstehenden Frauen drohe auf der Flucht vergewaltigt, zur Prostitution gezwungen oder Opfer andere Formen körperlicher Gewalt zu werden.

Voller Hoffnung auf eine Besserung der Situation, erfahren afrikanische Geflüchtete in Europa schließlich die völlig andere Realität. Berichten der SOLWODI-Mitarbeiterinnen zufolge, hören betroffene Frauen oftmals erst nach Ankunft, dass viel Geld für sie ausgegeben wurde, das sie zurückzahlen und abarbeiten müssen. Sogenannte „Madames“ würden die Frauen übernehmen, kontrollieren und zur Prostitution verpflichten. Schlägen, Drohungen und Misshandlungen seien die Folge von Widersetzungen. Für nigerianische Frauen komme verschärfend der Glaube an den abgelegten „Juju-Schwur“ hinzu: Eine kultische Handlung, die sie an die Pflicht der Gehorsamkeit und des Zurückzahlens binde.

SOLWODI - "Solidarity with Women in Distress" (Solidarität mit Frauen in Not) – ist eine gemeinnützige Menschen- und Frauenrechtsorganisation. SOLWODI arbeitet unabhängig und überkonfessionell für die Rechte von geflüchteten Frauen, die Opfer von sexueller und physischer Gewalt sowie Ausbeutung geworden sind. Zu den Heimatgebieten der Migrantinnen zählen vor allem Westafrika und Osteuropa. SOLWODI bietet ihnen eine professionelle Beratung und eine sichere Unterbringung in Schutzhäusern.

Hilfsorganisationen können nur eingeschränkt helfen

Laut Barbara Wellner reiche das, was afrikanische Frauen in ihren Heimatländern erleben, um lebenslang traumatisiert zu sein. Nichtsdestotrotz setzt sich die Gewaltspirale mit dem fluchtbegleitenden Menschenhandel fort. Es gibt Frauen, die Hilfseinrichtungen erreichen und es schaffen, sich mit dortiger Hilfe aus der Gewaltspirale zu befreien. „Betroffen macht mich, dass dies nur die, wenn auch hoffnungsvolle, Spitze eines Eisberges ist“, bedauert Barbara Wellner. Viele würden in den würdelosen und gewaltsamen Strukturen des Menschenhandels verbleiben, anschließend ins Heimatland zurückgeschickt und dort erneut zum Opfer von Gewalt und Unterdrückung werden. SOLWODI-Mitarbeiterin Katrin Lehman erzählt, dass Frauen, die zu den Hilfseinrichtungen gelangen, häufig in einem unbeobachteten Moment weggelaufen seien und sich Hilfe bei Passanten gesucht hätten.

Sozialarbeiterin Katrin Lehmann und eine bei SOLWODI untergebrachte Klientin aus Kamerun erzählen von den Herausforderungen der afrikanischen Frauen in Deutschland, die im professionellen Beratungsprozess offensichtlich werden. Hierunter zählen Angstzustände, Alltagsrassismus, Kulturverlust, Abschiebungsandrohungen und das Zurücklassen enger familiärer Bindungen.

Zwangsprostitution in Deutschland

Menschenhandel ist noch lange nicht überwunden. Es handelt sich noch heute um eine globale Tragödie, die Millionen von Menschen betrifft. Neben Zwangsarbeit sind sexuelle Ausbeutungsverhältnisse besonders verbreitet. Auch Deutschland sei ein Empfänger-, ein Transit- und ein Sendungsland für Opfer von Zwangsprostitution, erklärt Frank Heinrich, Bundestagsabgeordneter und Leiter des Vereins „Gemeinsam gegen Menschenhandel“. Das beziehe sich neben der Opfergruppe afrikanischer Frauen auch auf Frauen aus Ländern wie Ungarn, Bulgarien, Rumänien und Moldawien. Es bedürfe Auseinandersetzungen und Reformen, damit diese Unmenschlichkeiten schrittweise ein Ende finden. Im Interview spricht Frank Heinrich über politische und gesellschaftliche Lücken zur erfolgreichen Bekämpfung von Menschenhandel, vor allem der Zwangsprostitution.

Die Gewalterfahrungen geflüchteter Frauen sind vielschichtig. Dieser Beitrag versucht jene von jungen geflüchteten Frauen aus Afrika abzubilden Es ist wichtig, sich für verschiedene Opfergruppen von Gewalt zu sensibilisieren und sich vor Augen zu führen, was diesen widerfahren ist. Denn die Gewaltspirale endet nicht mit der Ankunft in den Empfängerländern. Menschenrechtsorganisationen wie SOLWODI erreichen in Europa oft nur einem kleinen Teil der Frauen. Viele verbleiben in den Strukturen des Menschenhandels und der Zwangsprostitution. Auch ein Sexkaufverbot in Deutschland würde nur eine geringe Verbesserung schaffen. Zwar könnte es helfen, bei einem großen Prozentsatz Zwangsprostitution einzudämmen und die Arbeit der Polizei zu erleichtern, ganz beenden könne so ein Verbot die Zwangsprostitution jedoch nicht. Wichtig ist es, die sexuelle Gewalt an geflüchteten Frauen schon in den Herkunftsländern zu bekämpfen. Dafür müssen aber weitere Auseinandersetzungen und Reformen folgen, mit dem Ziel Menschenhandel und Zwangsprostitution schrittweise zu beenden. Hier liegt die Verantwortung sowohl bei den Herkunfts- als auch bei den Zielländern.