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Politik und Debatte Eine zweite Chance fürs Leben

Etwa 10.000 Menschen in Deutschland warten in diesem Moment auf ein passendes Organ, das ihnen vielleicht das Leben rettet. Trotzdem sinkt seit Jahren die Zahl an Transplantationen. Warum Ängste vor einer Organspende unbegründet sind.

Viele Menschen haben Angst vor der Organspende. Begründet? (Quelle: iStock)

„Es wäre unfair, kein Organspender zu sein und einfach nur die Annehmlichkeit in Anspruch zu nehmen, ohne etwas dafür zurückzugeben“, sagt Vanessa Traub. „Wenn ich verstorben bin, benötige ich meine Organe nicht mehr. Andere Menschen jedoch kriegen dadurch vielleicht eine Chance weiterzuleben, die sie ohne mich nicht hätten“, argumentiert Ariane Bunke. „Es ist keine große Sache, ein Stück Papier auszufüllen. Wieso sollte man nicht helfen, wenn man helfen kann?“, äußert sich Jasmin Freitag zum Thema. Diese und weitere Aussagen stammen von Personen in einem Alterskreis von 20 bis 25 Jahren auf die Frage, wieso sie sich für das Ausfüllen eines Organspendeausweises entschieden haben.

Doch so selbstverständlich, wie es hier klingt, scheint es für viele Menschen nicht zu sein, anderen nach ihrem Tod die eigenen Organe zu spenden. Der Tag der Diagnose bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein passendes Organ vorhanden ist, ist oft ein langer Prozess. Viele Patienten warten vergeblich auf die rettende Spende. Andere wiederum haben Glück und bekommen durch die Bereitwilligkeit eines Fremden eine zweite Chance für ihr Leben geschenkt.

So wie Hubert Knicker. Der heute 55-Jährige blickt auf einen jahrelangen harten Weg zurück, als das wichtigste Organ des Menschen nicht mehr richtig arbeitete – Hubert Knicker bekam die Diagnose einer schweren Herzmuskelentzündung. Der damals 37-jährige Krankenpfleger war geschockt, als nun er derjenige war, dem geholfen werden musste. „Das kann nicht sein, dass bin nicht ich. Ich war immer fit, habe nie gesundheitliche Probleme gehabt. Man hat gute Arbeitskollegen gehabt und dann wird man so einfach aus dem Leben gerissen“, sagt er. Bei ihm war die Transplantation der letzte Ausweg. Dieser jedoch war anfangs noch gar nicht in Sicht. „Ich habe das eigentlich nie richtig geglaubt, irgendwann mal eine Herztransplantation bekommen zu müssen“, äußert sich Knicker zu seiner Situation kurz nach der Diagnose.

Von der Diagnose zur Transplantation


Der erste Schritt nach einer solchen Diagnose ist die Vorstellung bei einem Transplantationszentrum. Dort wird festgestellt, ob der Patient überhaupt für eine Transplantation infrage kommt. Gemeinsam mit dem jeweiligen Arzt werden bestehende Chancen und Risiken abgewägt, die eine Transplantation mit sich bringen würde. Wird sich dafür entschieden, wird der Patient auf die Warteliste gesetzt. Sobald ein Organ für den wartenden Patienten infrage kommt, wird die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) von den Krankenhäusern informiert. In seiner Wartezeit bekam Hubert Knicker mit 15 Prozent Herzleistung zunächst ein Kunstherzsystem. Während drei andere Patienten, die ebenfalls auf ein Herz warten mussten, bereits verstarben, kämpfte er weiter. Seiner Frau sagten die Ärzte, sie solle froh sein, wenn sie ihn noch lebend aus dem Krankenhaus kriege. Allein ihretwegen hätte er niemals aufgegeben.

Am 24. Juli 2010 wurde er mit der Nachricht, ein passendes Spenderherz für ihn zu haben, erlöst. Ab diesem Zeitpunkt musste alles ganz schnell gehen. Zwischen der positiven Nachricht, dass ein Organ verfügbar ist und der Transplantation liegen oft nur wenige Stunden. Die letzten Schritte vor der Operation sind Blutproben, ein EKG und Röntgenbilder des jeweiligen Organs. Durch die Nächstenliebe eines Fremden, der sich zu Lebzeiten dazu entschieden hatte, nach seinem Tod Organe spenden zu wollen, wurde Hubert Knicker neu geboren. „Jeden Moment, der seit meiner Transplantation vergangen ist, empfinde ich als Geschenk“, erzählt er.

Etwa 10.000 warten auf ein Spenderorgan


Doch wieso müssen Menschen wie Hubert Knicker überhaupt so lange warten oder gar der Hilfslosigkeit bis zum bitteren Ende ausgeliefert sein? Etwa 10.000 Personen in Deutschland warten derzeit auf ein passendes Organ. Täglich sterben ca. drei Menschen, die zuvor vergeblich auf ein Organ gewartet haben. Laut Statistiken wurden im Jahr 2015 nur 877 Organtransplantationen in Deutschland durchgeführt.

Viele Menschen wissen gar nicht, wieso sie selber noch keinen Organspendeausweis ausgefüllt haben. Oft ist es die Angst, die sie davon abhält, dies zu tun und damit Menschen nach dem eigenen Tod eine zweite Chance zu geben. Die Tatsache, dass sich kaum jemand gerne mit dem Tod beschäftigt, lässt es zu einem Tabuthema werden. Viele Ängste jedoch sind reinen Mythen verschuldet, die sich fernab jeglicher Realität befinden. In der Gesellschaft geht der Mythos herum, dass Motorradfahrer und junge Leute mit Sportwagen die essenziellen Organspender sind. Dies kann man jedoch nicht verallgemeinern. Viele Menschen wissen nicht, dass das Sterben direkt an einer Unfallstelle, die eigenen Organe nicht mehr brauchbar macht. Sie werden ohne entsprechende Geräte nicht mehr genügend durchblutet. „Sobald das Herz nicht mehr schlägt, werden sämtliche Organe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und die Zersetzung beginnt. Die Organe könnte man also gar nicht mehr transplantieren. Das heißt, nur wenn der Hirntod auf einer Intensivstation im Krankenhaus mit entsprechenden Geräten passiert und vor dem Herzstillstand eintritt, sind die Or- gane brauchbar“, erklärt die DSO. Somit ist man durch das Besitzen eines Organspendeausweises nach seinem Tod an einer Unfallstelle noch keinesfalls ein Organspender.

Besitzt man einen Organspendeausweis, wird man im Falle eines Unfalls nicht mehr genesungsfördernd behandelt, lautet oft die Argumentation. „Das ist absoluter Nonsens. Wenn das so wäre, würde man gegen die Organspende überhaupt arbeiten, denn die Voraussetzung ist der irreversible Hirnfunktionsausfall“, erklärt die DSO. Dieser irreversible Hirnfunktionsausfall, auch Hirntod genannt, muss laut dem Transplantationsgesetz von zwei neutralen Ärzten festgestellt werden. „Diese zwei Ärzte müssen – seit 2015 vorgeschrieben – Neurologen oder Neurochirurgen sein, also sehr mit der Hirntoddiagnostik vertraut. Die Hirntoddiagnostik besteht darin, dass man den Nachweis erbringt, dass dieser Hirntod irreversibel ist. Da stellen die Ärzte dann klinische Untersuchungen, also Reflexprüfungen an: Beispielsweise werden Hirnstammreflexe, Atemreflex, Pupillenreflex und Würgereflex geprüft. Diese Reflexe werden geprüft innerhalb eines bestimmten Zeitschemas, also einmal geprüft und nach 12 Stunden erneut.“

Der Hirntod wird mehrfach geprüft


Die DSO erklärt außerdem, dass der Hirntod nicht erzwungen werden kann. „Den Hirntod kann man nicht provozieren. Entweder man verstirbt daran oder nicht. Er kann beispielsweise eintreten durch eine schwere Schädel-Hirn-Verletzung, Treppensturz, Fahrradunfall, Motorradunfall, durch einen schweren Schlaganfall, durch eine Massenblutung – sprich Aneurysma im Gehirn – oder durch Sauerstoffmangel aufgrund von einer Reanimation, die nicht geglückt ist, oder Tod durch Ertrinken. Eben all solche Ursachen, wo das Hirn eine lange Zeit nicht durchblutet ist. Kein Arzt würde an der Unfallstelle als erstes nach einem Organspendeausweis suchen.“

Wie bereits erwähnt, wird der Hirntod von zwei neutralen Ärzten anhand diverser Tests bewiesen. Organe werden lediglich entnommen, wenn dieser Hirntod irreversibel ist. Das heißt, dass der Patient unter keinen Umständen wieder ins Leben zurückkehren kann. Zwar wird für die Durchblutung der Organe der Körper weiterhin mithilfe von Geräten am Leben gehalten, jedoch wird der Körper, sobald die Geräte aus sind, ebenfalls nicht mehr arbeiten. Auch die Frage, ob der festgestellte Hirntod endgültig ist, beantwortet die DSO: „Es muss ja auch die Irreversibilität festgestellt werden. Es wird kein Hirntoter jemals wieder aufwachen.“ Die Angst, dass man nicht richtig tot ist, wenn die Organe entnommen werden, ist also ebenfalls unbegründet.

Nicht das Alter entscheidet, sondern die Verfassung


Auch die Aussage, man sei zu alt, Organe zu spenden, kann so laut der DSO nicht unterstützt werden. „Es kommt lediglich auf die körperliche Verfassung an. Wir hatten beispielsweise auch einen Organspender, der war schon 98 Jahre alt. Im fortgeschrittenen Alter nimmt man Leber, Nieren und auch die Augenhornhaut. Nur das Herz kommt so ab 65 bis 70 Jahren nicht mehr in die engere Wahl.“ Des Weiteren denken viele, sie würden willkürlich ausgenommen werden, wenn sie versterben und ein Organspendeausweis gefunden wird. Auch das entspricht laut dem DSO nicht der Wahrheit: „Jeder hat die Möglichkeit, Organe auszuschließen. Und das wird auch hundertprozentig eingehalten.“ Die Angehörigen können zudem jederzeit nachvollziehen, was mit den Organen passiert ist. „Das muss allerdings vollkommen anonym passieren. Also die Angehörigen enthalten in der Regel, sofern sie es wünschen, nach sechs Wochen einen Brief. Da steht dann eine Auskunft, welche Organe gespendet wurden und ob die Spende erfolgreich war. Die Angehörigen haben die Möglichkeit auch nach Jahren noch in Erfahrung zu bringen, wie es dem Patienten geht.“

In Anbetracht der vielen Ängste, die sich als unbegründet herausgestellt haben, gibt es keine sichtlichen Nachteile, die der Besitz eines Organspendeausweises mit sich bringt. Zudem nimmt ein Organspendeausweis den Angehörigen des Verstorbenen die Belastung, nach dessen Tod die Entscheidung für ihn treffen zu müssen. Es sollte nun klar sein: Wenn wir hirntot sind, sind wir tot. Die genannten Vorschriften aus dem Transplantationsgesetz besagen, dass dass dies ausreichend getestet wird. Ist das einmal bewiesen, benötigen wir unsere Organe nicht mehr. Ein Fremder jedoch wird mit ihnen die Chance haben, ein neues Leben zu führen. Wir sollten bedenken, dass es uns alle treffen kann. „Man kann sehr schnell zum Empfänger werden. Das kann ja ruckzuck gehen. Bei mir ist das ja auch eingetreten. Mit 37 Jahren denkt man ja nicht, dass man krank wird, man denkt ja nie, was später mal ist. Man denkt ja, man würde ewig leben“, erläutert Knicker. „Das wäre so mein Appell an alle. Das man sich mit dem Thema erst einmal auseinandersetzen sollte, bevor man Dinge glaubt, die nicht der Wahrheit entsprechen.“