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Politik und Debatte - Inklusion Eine Schule für alle

Inklusion ermöglicht das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf. Hinter Inklusion steckt die Idee Menschen mit Behinderung Zugang zum allgemeinen Schulsystem zu ermöglichen. Campus38 hat sich das Konzept genauer angeschaut.

Der blinde Rasmus Narjes zusammen mit seinem Bruder (Quelle: Naomi Nowak)

Seit einigen Jahren ermöglicht inklusive Bildung an deutschen Schulen behinderten Kindern mehr gesellschaftliche Teilhabe – trotzdem bleibt das Konzept umstritten. 

Rasmus verfolgt gespannt den Unterricht, denn Mathematik ist sein absolutes Lieblingsfach. Wie die ganzen Formeln und Gleichungen aussehen, weiß in seiner Klasse jeder. Jeder außer ihm. Rasmus ist von Geburt an blind. Trotz seiner Behinderung ist es dem achtzehnjährigen möglich, die 13. Klasse eines Wirtschaftsgymnasiums zu besuchen. In seinem Abiturjahrgang ist er der einzige Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf, der inklusiv beschult wird. Doch Rasmus ist kein Einzelfall. Laut der Aktion Mensch lag die Förderquote in Deutschland, sprich der Anteil der Schülerinnen und Schüler bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wurde, im Jahr 2015/16 bei 7,1%. Das entspricht etwa 500.000 Kindern.

Das Institut für Bildungscoaching gibt an, dass von dem Förderschwerpunkt „Lernen“ die meisten betroffen seien. Hoch sei auch der Anteil an Kindern mit dem Unterstützungsbedarf geistiger Entwicklung. Diese würden jedoch, im Gegensatz zu Kindern mit anderen Förderschwerpunkten, am wenigsten inklusiv beschult und daher meist an einer Förderschule unterrichtet werden. Der Förderschwerpunkt „Sehen“ werde am seltensten diagnostiziert, hier seien am wenigsten Kinder betroffen.  

Das Rasmus und vielen weiteren Schülerinnen und Schülern der Zugang zu einer allgemeinen Schule möglich ist, regelt die im März 2009 in Kraft getretenen Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf haben seitdem die

Wahl zwischen einer Regelschule und einer Förderschule. Das Recht auf inklusive Bildung garantiert Artikel 24 der Konvention. Kinder mit Behinderungen dürfen demnach nicht vom allgemeinen Schulsystem ausgeschlossen werden. Vielmehr soll im Rahmen der Inklusion ein gemeinsames Lernen ermöglicht werden. 

Neue Herausforderungen für alle Beteiligten

Eine Reform in den Schulen bedeutet auch eine Eingliederung der LehrerInnen in das inklusive Schulsystem. Eine Studie des Instituts für Menschenrechte zeigt jedoch, dass eine einheitliche Ausbildung von Lehrkräften in Deutschland aktuell nicht vorgesehen ist. Stattdessen erfolgt diese systematisch getrennt für Lehrende der allgemeinen Schulen einerseits und für SonderpädagogInnen andererseits.  Um den Anforderungen eines inklusiven Bildungssystems gerecht zu werden, müssten laut des Instituts für Menschenrechte jedoch alle Lehrkräfte inklusionspädagogische Kompetenzen aufweisen. Diese Elemente gelte es zukünftig in die allgemeine Lehrerausbildung zu integrieren. Daher unterstützen vorerst weiterhin Sonderpädagogen und Sonderpädagoginnen die Regelschullehrkräfte im Unterricht, die sich gezielt den Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf annehmen. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung sei jedoch der Personalmangel ein großes Problem vieler Schulen. Dieser führe häufig dazu, dass die sonderpädagogischen Fachkräfte eingesetzt werden, um kranke KollegInnen im regulären Unterricht zu vertreten. Dadurch würden die SonderpädagogInnen ihrer eigentlichen Aufgabe kaum gerecht werden können. Hinzu kämen neue Herausforderungen wie größere Klassen und Kinder mit vielfältigeren Problemen, die es ebenfalls zu meistern gilt. 

An einer inklusiven Schule gibt es allerdings nicht nur LehrerInnen und PädagogenInnen, die die Kinder betreuen. So ist Rasmus jeden Tag zusätzlich von der Inklusionshelferin Dorothee Wille umgeben. Sie begleitet seinen Schulalltag bereits seit der Grundschule. Das heißt: Seit 13 Jahren fahren Rasmus und Dorothee Wille morgens mit dem Bus zur Schule und verbringen den Tag dort gemeinsam. 

 

Ein Inklusionshelfer, auch Schulbegleitung genannt, ist eine Person, die während eines Teils oder auch der gesamten Schulzeit bei einem Schüler ist, um dessen behinderungsbedingte Defizite zu kompensieren und Hilfestellungen zu geben. Sie hilft bei lebenspraktischen Verrichtungen, erledigt die anfallenden Pflegetätigkeiten während der Schulzeit und unterstützt ganz allgemein bei der Orientierung im Schulalltag.  

Die konkreten Aufgaben des Inklusionshelfers ergeben sich aus den persönlichen Bedürfnissen des Schülers. Dorothee Witte übersetzt beispielsweise alle Unterrichtsmaterialien in Brailleschrift, damit Rasmus sie lesen und ebenfalls von diesen profitieren kann. 

Gute Gründe für Inklusion, trotz vorhandener Hürden

Aus pädagogischer Sicht sei sicherlich zu erwähnen, dass alle Kinder davon profitieren würden, wenn LehrerInnen Mittel und Wege finden würden, um auf individuelle Unterschiede einzugehen. BefürworterInnen des inklusiven Bildungssystems argumentieren außerdem, dass das Konzept einen

Beitrag zu einer weniger diskriminierenden Gesellschaft leiste, da Kinder Vielfalt als etwas schlicht Normales erleben würden. Darüber hinaus sei es weniger kostenintensiv, wenn man allen Kindern von Beginn an den Zugang zu guter Bildung gewährleiste, als diese im Nachhinein zu qualifizieren.

Auch für Rasmus sei eine inklusive Schule genau das Richtige. Seine Eltern haben sich damals bewusst gegen eine Blindenschule entschieden und auch Rasmus ist froh, dass er dadurch in seiner Region bleiben konnte. „Für mich ist es nicht realistisch nur mit Sehbehinderten zur Schule zu gehen“, sagt er. Das sei nicht das wirkliche Leben. Den Umgang mit seinen Mitschülern am Gymnasium beschreibt er als „herzlich“. Sie nähmen ihn in jeden Bereich auf. „Wenn es mal eine kleine Rauferei gibt, bin ich natürlich dabei, das ist schließlich normal bei Jungs“. Ausgrenzung und Ablehnung aufgrund seiner Behinderung habe Rasmus in seiner Schulzeit bisher kaum erfahren.  

Ist eine radikale Abschaffung der Förderschulen wirklich sinnvoll?

Doch Rasmus weiß auch, er ist nicht repräsentativ für alle Blinden. Er kenne viele Sehbehinderte, die auf einer Regelschule nicht so gut klargekommen seien wie er. Beispielsweise wechselte ihre Schulbegleitung ständig. Für diese Kinder schien das System nicht das richtige zu sein. Die strikten BefürworterInnen der Inklusion, wie Expertinnen und Experten für Völkerrecht, fordern die vollständige Abschaffung der Sonderschulen. BefürworterInnen des gegliederten Schulsystems argumentieren dagegen, dass die Sonderschulen Teil des allgemeinen Schulsystems seien – und damit zur Inklusion im Sinn der Konvention beitragen. Die Betreuung an den Sonderschulen sei intensiv und gelte als fachlich hoch spezialisiert, argumentieren UnterstützerInnen. Eine Lehrkraft unterrichte meist nur wenige Kinder. BefürworterInnen sprechen zudem oft von einem „Schutzraum“, in dem die Kinder am besten gefördert werden könnten.  Laut kritischer Stimmen seien die Kinder allerdings häufig unter sich und würden nur selten einen Schulabschluss erreichen, was ihnen den Weg in das Berufsleben erheblich erschwere. SonderschülerInnen seien oftmals gesellschaftlich stigmatisiert und blieben es auch nach ihrer Schulzeit. 

Derzeitige Lage des inklusiven Bildungssystems 

Bundesweit gesehen lag die Exklusionsquote, sprich der Anteil der Schülerinnen und Schüler die an einer Förderschule unterrichtet werden, im Jahr 2015/16 bei 4,4%. Die Inklusionsquote erreichte hingegen nur einen Wert von 2,7%. Demnach besuchten laut Aktion Mensch die meisten Kinder, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wurde, eine Förderschule. Nach wie vor ist zudem festzustellen, dass es zwischen den einzelnen Bundesländern auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem im Sinne der Bildungsagenda 2030 große Unterschiede gibt.

Der Anteil der inklusiv und exklusiv beschulten Kinder variiert erheblich zwischen den einzelnen Bundesländern. Während in Hamburg und Bremen die Inklusionsquote deutlich höher liegt als die Exklusionsquote, zeigt sich in Niedersachsen ein gegenteiliges Bild. Die Förderquote liegt hier bei insgesamt 5,3% mit einer Inklusionsquote von gerade mal 1,2%. Dies geht aus einer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor.

In Deutschland werden zudem an Grundschulen derzeit noch deutlich mehr Schülerinnen und Schüler inklusiv beschult als an den weiterführenden Schulen. Das deutsche Bildungssystem stehe also auch künftig vor großen Herausforderungen, so die UNESCO. 

Der Fall Rasmus zeigt jedoch, dass Inklusion bereits gelingt. Sie ermöglicht Menschen mit Behinderung mehr Teilhalbe und zwar nicht nur in den Schulen, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen. Wenn Rasmus nicht gerade für eine Klausur büffelt, spielt der Abiturient Blindenfußball beim FC St. Pauli oder Orgel in der Kirche seiner Gemeinde. Weil Inklusion auch außerhalb des Klassenzimmers ein wichtiges Thema für ihn ist, engagiert er sich seit Oktober 2018 als Inklusionsbeauftragter. Seine Geschichte macht deutlich, dass Inklusion alle voranbringen kann, nicht nur die Betroffenen selbst.