Direkt zu den Inhalten springen

Politik und Debatte gute|schlechte Medien - Flüchtlinge Eine Frage des Blickwinkels: Die Migrantenbewegung in den Medien

Seit der Flüchtlingskrise 2015 häufen sich in den Medien Meldungen über Gewaltverbrechen. Nicht selten sorgte das für hitzige Diskussionen oder Angst in der Gesellschaft. Aber wie sieht die Realität aus? Ist Deutschland wirklich weniger sicher geworden?

Infolge der häufigen Medienberichte werden Migranten häufiger für Straftäter gehalten als Deutsche. (Quelle: iStock)

Früher war alles besser! – das hat sich wahrscheinlich jeder schon einmal gedacht. Spaß hatte man nicht nur virtuell, Lebensmittel waren gesünder und Beziehungen beständiger waren. Wie sieht es im Fall der Migrantenbewegung aus? War Deutschland früher sicherer?

Eine vom Auswärtigen Amt geförderte Studie zeigt, dass viele Menschen in Deutschland das Gefühl haben, dass „nichts oder wenig gut laufe“.
Eine Ursache sei der Zuzug der Migranten und die dadurch angestiegene Kriminalität. Schwere Verbrechen wie Terrorismus, sexuelle Übergriffe, Totschlag und Einbrüche werden hier als Beispiele genannt, die den Anstieg der Kriminalität aufzeigen. Die Studie zeigt auch, dass viele Deutsche differenziert an das Problem herantreten – sie wissen, dass nicht alle Zuwanderer in einen Topf geworfen werden können, kritisieren aber, dass straffällige Personen nicht konsequent genug abgeschoben werden. Wo stehen wir heute? Wie ist die aktuelle Situation von Migranten in Deutschland?

Wie berechtigt ist die Angst?

Die Angst, die wegen  Zuwanderung und Kriminalität entsteht, sei längst keine mehr, die nur privat empfunden wird, sondern erstreckt sich durch viele Teile der Gesellschaft und ist in den letzten Jahren auch ein politisches Instrument geworden. Einige Politiker sagen, es werde Deutschland in seiner jetzigen Form nicht mehr geben, wenn wir keine alternative Regierung wählen. „Die Flüchtlingskrise hat die Gesellschaft in Deutschland gespalten“, sagte Angela Merkel im März diesen Jahres in der ersten Regierungserklärung ihrer vierten Amtszeit im Bundestag und verdeutlicht, wie ernst das Problem ist.

„Flüchtlinge sind krimineller als Deutsche!“, beklagt Landessprecher der AfD Baden-Württemberg Martin Hess und weist auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2017 hin. Diese zeigt, dass es circa 170.000 tatverdächtige Zuwanderer gab. Gemessen an ihrem Anteil in der Bevölkerung, ist der Anteil an Straftaten, die auf sie zurückzuführen sind, laut der PKS mit 8,5 Prozent ziemlich hoch.

„Die Flucht nach Deutschland war ein Glücksfall für die Flüchtlinge, aber nicht für Deutschland.” – so Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmers Ansicht. Er weist darauf hin, dass ein Sechstel der schweren Verbrechen in Deutschland von Zuwanderern ausgehe. In Tübingen habe das Sicherheitsempfinden von 50 Prozent der Bevölkerung gelitten, moniert er außerdem. „Kleinere Straftaten werden nicht einmal verfolgt, da es an Personal mangelt“, erklärt er weiter. Er schlägt zudem vor, polizeibekannte Gefährder in sichere Einrichtungen in geeigneter Lage zu schaffen, um so schweren Verbrechen vorzubeugen, das Asylgesetz lasse dies zu.

Der ehemalige niedersächsische Justizminister und Kriminologe Professor Christian Pfeiffer erklärt, dass die Kriminalität auch in Niedersachsen seit der Flüchtlingswelle 2015 um zehn Prozent gestiegen ist. Dahingegen war sie zuvor jahrelang rückläufig. Er räumt jedoch ein, dass die am meisten vertretene Altersgruppe bei den Zuwanderern jene ist, die – auch bei Deutschen – generell eher zu kriminellen Handlungen neigt: die 14- bis 30-Jährigen. „27 Prozent der Zuwanderer aus Kriegsgebieten waren in dieser Altersgruppe, bei den Nordafrikanern beträgt der Anteil sogar 50 Prozent“, betont er.

Außerdem macht er darauf aufmerksam, dass Zuwanderer mit Aufenthaltsperspektive eine geringere Neigung zu kriminellen Handlungen haben als jene, denen der Aufenthalt in Deutschland nicht in Aussicht gestellt werden kann. Kriegsflüchtlinge, die die Hälfte der Zuwanderer ausmachen und diese Aussicht haben, seien zum Beispiel für 16 Prozent der Raubdelikte verantwortlich, während Nordafrikaner, die nur ein Prozent der Zuwanderer ausmachen und keine Bleibeperspektive haben, für 31 Prozent der Raubdelikte verantwortlich sind, die von Zuwanderern ausgehen.

Die Realität ist Ansichtssache

„Die Wucht der bewegten Bilder heutzutage führt zu Fehleinschätzungen, ob wirklich so viel Gewalt droht wie serviert wird.“, erklärt der Kriminologe. Er fügt hinzu, dass zwei wichtige Faktoren oft übersehen werden. „Fremde werden doppelt so oft angezeigt und sind damit sichtbarer, dies hat auch die Sichtbarkeit der Flüchtlingsgewalt verdoppelt und von 100 Tötungsdelikten waren über 80 Prozent der Opfer selbst Flüchtlinge.“ Erstaufnahmelager und Flüchtlingsunterkünfte waren hier oft die Schauplätze der Gewalt, weil Menschen mit verfeindeten Religionen zusammen untergebracht wurden.

Dass die Gewaltkriminalität der Zuwanderer seit 2017 wieder rückläufig ist, und auch für 2018 laut Polizeiinformation ein erneuter Rückgang der Kriminalität zu erwarten sei, schreibt er nicht nur der Unterbringungspolitik der Bundesregierung zu:

„Wir haben gelernt, Kurden und Türken, Sunniten und Schiiten getrennt unterzubringen, außerdem gehen ein Drittel der anerkannten Zuwanderer einer Arbeit nach und auch der Frauenanteil hat sich von 20 auf 40 Prozent erhöht.“ Vor allem habe diese Verschiebung die Gewaltbedrohung verringert, da sich die Männer durch die Frauen ziviler verhalten. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte erst kürzlich, dass Frauen unter Einwanderern und Flüchtlingen eine entscheidende Rolle spielen. „Sie sind es, die in den Familien Sprachkenntnisse und Werte weitergeben. Frauen und Mütter tragen viel dazu bei, dass ihre Familien in unserer Gesellschaft und Kultur ankommen“, sagte sie anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Integrationsbeauftragten .

Ein Ausblick

„Wir haben lange gebraucht, um anzuerkennen, dass wir ein Einwanderungsland sind“, erklärte Merkel. Als Regierung könne man helfen, den schwierigen Weg der Integration zu ebnen, aber jeder Einzelne müsse ihn auch gehen. „Gemeinsinn statt Eigensinn, Weitblick statt Scheuklappendenken, Offenheit füreinander statt Abgrenzung“, brauche die Integration.

Die Bundesregierung erklärte außerdem, dass tausende ehrenamtliche Helfer und Integrationsbeauftragte dabei geholfen haben, die Herausforderungen der Flüchtlingskrise zu bewältigen und dies auch bis heute tun. Auch für die Zukunft wird ihnen eine große Rolle zugeschrieben.

„Nicht die Hände in den Schoß legen, sondern die Ärmel aufkrempeln und weiter machen, damit wir alle ein noch besseres Deutschland werden.“, heißt es.

Nicht falsch verstehen, niemand verbietet Angst. Sie hat der Menschheit vielleicht sogar die Existenz gesichert – evolutionär gesehen. Aber auch der Verstand, die Anpassung und das aufeinander Aufpassen haben das getan.