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Studium und Arbeit - Raubverlage Die schwarzen Schafe der Wissenschaft

Wissenschaftler stehen unter hohen Publikationsdruck. Denn nur publizierte Arbeiten werden von Kollegen wahrgenommen. Raubverlage nutzen diese Situation aus. Was genau dahintersteckt, erklärt Leonie Kroll.

Auch in vielen Universitätsbibliotheken lassen sich Veröffentlichungen aus sogenannten Raubverlägen finden. (Quelle: pixabay)

Die Wissenschaft ist die Konstante unserer Gesellschaft, der wir vertrauen. Wir verlassen uns auf Qualität, Kompetenz und Unabhängigkeit. Doch nun hat auch dieses Vertrauen einen unschönen Kratzer bekommen.  Wie immer geht es um Profit und das zu Lasten der Glaubwürdigkeit. Fake Science, Raubverlage, Predatory Journals. Sie beschädigen die Integrität der Wissenschaft. Der Begriff Fake-News ist längst Teil unseres alltäglichen Sprachgebrauchs. Doch nicht nur JournalistInnen werden an den Pranger gestellt, sondern mittlerweile auch WissenschaftlerInnen.

Das Peer-Review-Verfahren

Das Verfahren dient der Qualitätssicherung. Unabhängige Gutachter auf dem Fachgebiet bewerten die Qualität der Arbeit und entscheiden darüber, ob die Arbeit publiziert wird oder nicht.

Im Sommer letzten Jahres haben Recherchen des NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung in Zusammenarbeit mit weiteren nationalen und internationalen Medien erschreckende Einblicke in das Geschäft mit der Wissenschaft geliefert. Mehr als 5.000 WissenschaftlerInnen deutscher Hochschulen und Universitäten haben Forschungsarbeiten in unseriösen Onlinefachzeitschriften publiziert. Weltweit sollen insgesamt 400.000 WissenschaftlerInnen betroffen sein. Diese Verlage missachten die Grundregeln der Qualitätssicherung, die bei seriösen Verlagen Standard sind. In der Regel findet vor der Publikation ein sogenanntes Peer-Review-Verfahren statt. Die scheinwissenschaftlichen Verlage hingegen publizieren gegen eine Gebühr jede Arbeit. Eine kritische Überprüfung der Verfasser oder des Inhaltes findet nicht statt. Die Recherchen haben ergeben, dass fast jede deutsche Hochschule oder Universität betroffen ist. Doch was versprechen sich die betroffen Wissenschaftler davon? Wissen sie nichts von dem unseriösen Geschäftsmodell der Verlage oder nutzen sie das System zu ihrem eigenen Vorteil aus? Denn das Peer-Review-Verfahren ist ein Standard bei der Bewertung von wissenschaftlichen Arbeiten. Hohe Anforderungen an die Gutachter machen das Verfahren nicht immer leicht. Monika Taddicken Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Technischen Universität Braunschweig, gibt ihre Einschätzung zu dem Qualitätssicherungsverfahren ab.

Die Wissenschaftler – Täter oder Opfer?

Für den Laien ist es schwer zu erkennen, welcher freizugänglichen Onlinefachzeitschrift man trauen kann und welcher nicht. Auch einige WissenschaftlerInnen sind in diese Falle getappt und waren sich der unseriösen Arbeitsweisen nicht bewusst. Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband bezeichnet die Betroffenen nicht nur als Opfer, sondern einige unter ihnen auch als Täter: „Er ist aber in gewisser Weise auch Täter, weil wir eine Publikationskultur haben, die darauf abzielt gerade zu Beginn einer wissenschaftlichen Karriere viel zu publizieren.“ Matthias Jaroch erklärt, dass wissenschaftliche Leistungen nach zwei Kriterien beurteilt werden. Zum einen die Einwerbung von Drittmitteln und zweitens die Publikationsleistung. Daher entstehe ein großer Druck auf die WissenschaftlerInnen viel zu publizieren und das begünstige das Geschäft der Raubverlage. WissenschaftlerInnen nutzen demnach die Möglichkeit der kritiklosen Publikation aus, um ihre Publikationsliste zu erweitern und auch Arbeiten zu veröffentlichen, die einem Peer-Review nicht standgehalten hätten.

Wie groß ist das Problem?

Selbst der Weihnachtsmann kann wissenschaftliche Arbeiten publizieren. In einem Experiment haben die JournalistInnen das System der Raubverlage ausgereizt. Als WissenschaftlerInnen der Universität Himmelspforten (die Adresse des Weihnachtsmannes) haben die JournalistInnen eine Forschungsarbeit von einem PC-Programm schreiben lassen und diese beim Verlag World Academy of Science, Engineering and Technology (WASET) eingereicht. Gegen eine Gebühr wurde die sinnlose Forschungsarbeit auf der Website veröffentlicht und die JournalistInnen erhielten Einladungen zu mehreren Fachkonferenzen. Insgesamt ist es ihnen gelungen fünf von sechs eingereichten Arbeiten zu veröffentlichen. Weder die Universität und die AutorInnen, noch der Inhalt wurden überprüft. Die Website von WASET ähnelt der eines Reisebüros, da mit Fachtagungen in den schönsten Städten der Welt geworben wird. So lässt sich eine absurde Fachtagung mit einem von der Universität bezahlten Kurzurlaub kombinieren. Die Folgen dieser Publikationen sind dramatisch. Wenn schon WissenschaftlerInnen unseriöse Verlage von seriösen Verlagen nicht unterscheiden können, was bedeutet das dann für den Laien oder konkreter für Studierende?

Mittlerweile finden sich auch in deutschen Bibliothekskatalogen Links zu den entsprechenden Websites wieder. Auch in dem Bibliothekskatalog der Ostfalia. Falsche Studien, erfundene Fakten, unwissenschaftliche Publikationen können so zu tausend zitiert werden und niemandem würde es auffallen. Hausarbeiten, Bachelorarbeiten, Dissertationen, sie alle können betroffen sein. Das Problem zeigt, dass Medienkompetenz immer wichtiger wird. Monika Taddicken ist Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Technischen Universität Braunschweig und Expertin für Wissenschaftskommunikation. Sie sagt, die Schulung im Bereich der Medienkompetenz sei grundlegende Aufgabe von vielen Institutionen. Bereits in der Schule müsse man SchülerInnen im Umgang mit Medien unterrichten und auch Studierende sollten besser darin ausgebildet werden wissenschaftliche Methoden anzuwenden und einzuschätzen. Denn auch Studierende müssen Raubverlage von professionellen Verlagen unterscheiden können. Denn unseriöse Publikationen aus scheinwissenschaftlichen Verlagen können in Hausarbeiten unwissentlich als Quellen verwendet werden. Was muss man also beachten, um nicht in die Falle der Raubverlage zu tappen?

Nicht nur WissenschaftlerInnen nutzen die Vorgehensweisen der Raubverlage aus. Auch die Wirtschaft zieht ihre Vorteile aus dem System. Unwissenschaftliche Studien können zu Marketingzwecken eingesetzt werden. Sehr dramatisch veranschaulichen Pharmaunternehmen, die eigene Studien bei den scheinwissenschaftlichen Fachzeitschriften publizieren, die Möglichkeiten, die sich für Unternehmen dadurch bieten. Investigativen JournalistInnen der Süddeutschen Zeitung ist es gelungen eine Arbeit über Bienenwachs, das bei Krebserkrankungen helfen soll, zu veröffentlichen. Die Gefahr, dass die Studien jedoch falsche oder nicht überprüfte Versprechungen machen ist groß. Das fällt auch auf die Pharmaunternehmen zurück.

Selbstkontrolle als Lösungsansatz

Natürlich haben nicht alle WissenschaftlerInnen und Unternehmen die Absicht falsche Studien zu publizieren und erkennen nicht die unseriösen Arbeitsweisen der Raubverlage. Dennoch ist es deren Aufgabe, sich über die Verlage zu informieren und Verantwortung für die Publikationen zu übernehmen. Es muss der Anspruch der wissenschaftlichen Gemeinschaft sein, dass eine besser funktionierende Selbstkontrolle innerhalb der Wissenschaft stattfindet. Einige Forschungseinrichtungen veröffentlichen bereits Hinweise über scheinwissenschaftliche Fachzeitschriften auf ihren Websites. Dazu gehört auch die Technische Universität Braunschweig. Matthias Jaroch fordert, dass sich die wissenschaftliche Gemeinschaft selbst dem Problem annimmt. „Mein Appell würde aber an die Fachgesellschaften und die Fakultäten gehen, selbst aktiv zu werden, um zu versuchen Positivlisten auf die Beine zu stellen. Aber der wissenschaftliche Markt bewegt sich sehr schnell […]“, so Jaroch. „Da wird eine Positivliste natürlich nicht immer Schritt halten können. Aber es sollte einem trotzdem nicht davon abhalten auf den Stand der Dinge zu kommen.“

Zerrüttetes Vertrauen?

Die Initiative Wissenschaft im Dialog führt jährlich eine repräsentative Umfrage zum Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft durch. 2017 ergab die Studie, dass jeder zweite Befragte der Wissenschaft vertraut. 12 Prozent hingegen hatten kein Vertrauen. Trotz des Skandals über die unseriösen Publikationen einiger WissenschaftlerInnen ist das allgemeine Vertrauen in die Wissenschaft 2018 stabil geblieben. „Dennoch lebt die Wissenschaft von Glaubwürdigkeit, von Vertrauenswürdigkeit und sobald hier sozusagen ein Kratzer rankommt, ist das schlecht für die Wissenschaft“, sagt Matthias Jaroch.