Direkt zu den Inhalten springen

Politik und Debatte - Geburtshilfe Die drastischen Folgen des Hebammenmangels

Acht-Stunden-Dienste ohne Pause, rennen von einer Patientin zur anderen – Alltag für viele Hebammen in deutschen Krankenhäusern. Einige entscheiden sich deshalb für die Freiberuflichkeit ohne Geburtshilfe. Welche Folgen das hat, erklärt Marie Menzel.

Welche Folgen hat der Hebammenmangel für Schwangere? (Quelle: istock)

Meike Pauls hat früher als Beleghebamme in einem Kölner Krankenhaus gearbeitet. Heute ist sie selbstständig und leistet keine Geburtshilfe mehr. Das hohe Arbeitspensum und die Dauerbereitschaft haben für sie kein Privatleben mehr zugelassen.

Vielen Hebammen geht es ähnlich wie Meike Pauls. Sie wollen den Frauen eine ganzheitliche Betreuung ermöglichen, doch im Krankenhaus laufen meist nur noch standardisierte Routinen ab. Die Frustration der Schwangeren und Mütter steigt, weil sie niemanden finden, der sich um sie kümmert. Oder sie haben die Erfahrung gemacht, im Kreissaal alleingelassen zu werden. Die Qualität der Betreuung leidet extrem unter dem Zeitdruck der Hebammen. Angestellte Kolleginnen und Kollegen aus dem Krankenhaus erzählen von Acht-Stunden-Diensten, in denen keine Zeit bleibt, um einen Schluck Wasser zu trinken oder auf Toilette zu gehen. Auch Gabi Stadler, eine Hebamme, die in Teilzeit im DRK Krankenhaus Berlin arbeitet, berichtet von schlechten Arbeitsbedingungen. Zu wenig Hebammen für zu viel Arbeit, das Rennen von einer Frau zur anderen und das Gefühl keiner gerecht werden zu können. Hinzu kommt teilweise sogar Platzmangel in den Kreissälen.  

Viele Kreißsäle müssen schließen

Genau wie für Meike Pauls ist es auch für viele andere Hebammen zu aufwendig freiberuflich zu arbeiten und Geburtshilfe zu leisten. Die Haftpflichtversicherung für geburtshilfeleistende, freiberufliche Hebammen steigt stetig. 2007 waren es nur 1.600 Euro jährlich, 2016 waren es schon mehr als dreimal so viel. Ab dem 1. Juli 2019 wird der Beitrag auf 8.664 Euro steigen. Um die Hebammen dabei zu unterstützen, gibt es den Sicherstellungszuschlag. Dabei beteiligen sich die Krankenkassen mit bis zu 5.547 Euro an der Haftpflichtversicherung. Dennoch ist es für viele Hebammen zu aufwendig und finanziell nicht rentabel, da sie in Vorkasse gehen müssen und teilweise sehr lange auf das Geld warten.  Warum die Haftpflichtversicherung sich so sehr steigert, ist laut dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen unklar. Ein Grund seien die großen Schwankungen der Liquidität: Hebammen können bis zu viermal im Jahr ihren Versicherungsstatus ändern. Das erklärt aber nicht, warum jährlich Steigerungen von über 20 Prozent nötig werden.

 Als Folge davon müssen viele Kreißsäle schließen und es gibt so immer weniger Krankenhäuser, in denen eine Geburt für die Schwangeren unter ausreichender Betreuung möglich ist. Die wenigen, die noch Geburtshilfe leisten, sind vollkommen überlastet.  Von 1.186 Kliniken die 1991 Geburtshilfe leisteten, sind es 2017 nur noch 672. Seitdem schließen viele weitere Kreißsäle ganz oder vorübergehend ihre Türen. Durch die schlechten Bedingungen in den Kliniken entscheiden sich viele Hebammen, genau wie Meike Pauls, zu einer freiberuflichen Arbeit ohne Geburtshilfe. Die Situation verschärft sich.

„Eine Akademisierung des Berufs ist längst überfällig.“

Dennoch streben nicht weniger Menschen den Beruf an. Die Motivation, Familien während dieser besonderen Situation zu helfen, hat sich über die Jahrzehnte kaum verändert, so Renate Nielsen, Praxisanleiterin für Hebammen in Ausbildung. „Eine Akademisierung des Berufs ist längst überfällig“, so Nielsen. Das Anforderungsprofil hat sich aber verändert. Außerdem sind in den letzten Jahren sowohl auf Seiten der werdenden Mütter als auch bei den Neugeborenen neue Krankheitsbilder aufgetaucht. Das stellt die Hebammen zusätzlich vor immense Herausforderungen. Sie werden zu Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ausgebildet, können diese in der Praxis aber selten ausleben. Oft entscheiden Pflegedienstleitung und Ärzte über die Köpfe der Hebammen hinweg. Deutschland ist im EU-Raum das einzige Land, das nicht über einen Bachelorstudiengang, sondern eine Hebammen-Fachschule ausbildet. Diese Ausbildung ist zwar nicht schlechter, allerdings bleiben sowohl die Wertschätzung als auch die Vergütung auf der Strecke. Hinzu kommt, dass die Ausbildung der Hebamme im EU-Ausland nicht anerkannt wird. Bessere Qualifikationen könnten hier Abhilfe schaffen.

Vielen Hebammen geht es wie Meike Pauls, eine ganzheitliche Betreuung der Schwangeren und ihrer Familien und das eigene Privatleben stehen oft in Konkurrenz zu dem Zeitdruck und Ressourcenmangel in der Realität, vor allem in den Krankenhäusern. Für die Hebammen ist die Freiberuflichkeit ohne Geburtshilfe ein Ausweg, für die werdenden Mütter steigt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft ohne ausreichende Betreuung. Meike Pauls muss heute viele Frauen ablehnen, diejenigen die bei ihr einen Platz bekommen, werden von ihr aber umfassend betreut.

Jahr

Geburtenzahl

Zahl der geburtshilfeleistenden
Hebammen

2013

682.069

10.691

 

+110.062

+386

2016

792 131

11.077

Aktuelleste veröffentlichte Zahlen (Quelle: Statistisches Bundesamt)