Direkt zu den Inhalten springen

Politik und Debatte - Facebook Deine Daten, bitte

Seien wir ehrlich: Wer liest eigentlich die AGBs von Facebook und Co.? Durch Bequemlichkeit schenken NutzerInnen fremden Servern massenhaft persönliche Daten. Ein Appell für mehr Kontrolle über eigene Daten.

Big Brother im Instagram-Farbverlauf - übertrieben? (Quelle: iStock)

Der Aufschrei ist groß: Millionen von Daten vieler Facebook-NutzerInnen wurden durch das Datenanalyse-Unternehmen „Cambridge Analytica“ unerlaubt weiterverwertet und zu anderen Zwecken genutzt. Momentan geht man von 87 Millionen betroffenen NutzerInnen aus, bis zu 310.000 davon aus deutschem Raum. Die geraubten Daten sollen unter anderem zur Beeinflussung wichtiger politischer Entscheidungen und Wahlen in den USA und England eingesetzt worden sein.

Der Vorfall trat eine gesellschaftliche sowie auch politische Debatte über den Schutz von Daten in sozialen Netzwerken los. Denn Facebook ist schon lange nicht mehr einfach nur Facebook – der Online-Riese hat sich über die letzten Jahre ein Netzwerk aus den einflussreichsten sozialen Plattformen aufgebaut. Dem Unternehmen Facebook Inc. gehören unter anderem die Plattform Instagram sowie auch der Messengerdienst WhatsApp an, welche vor allem von vielen jungen Menschen genutzt werden.

Datenschützer laufen Sturm


Facebook steht schon länger in der Kritik von Datenschützern, vor allem aus dem europäischen Raum. So erklärte das Landgericht Berlin 2012 etliche Klauseln der Nutzer-AGBs von Facebook für unwirksam. Betroffen davon war beispielsweise die Klausel, derzufolge Facebook die hochgeladenen Inhalte ihrer Nutzer frei zu Werbezwecken nutzen und verwenden darf. Aufgrund jüngster Ereignisse rückt die Debatte nun wieder in die Öffentlichkeit. So sprach sich zum Beispiel Bundesjustizministerin Katharina Barley (SPD) entschieden gegen das Soziale Netzwerk aus, sprach von einem „Netzwerk der Intransparenz“ und einem zum Opfer fallen von ethischen Überzeugungen zugunsten kommerzieller Interessen. Barley forderte, dass Unternehmen wie Facebook ihre Algorithmen gegenüber Behörden der Europäischen Union offenlegen müssen, um ebendiese Intransparenz aus dem Weg zu räumen.

Im Mai trat nun die neue EU-Datenschutzverordnung in Kraft, die die Weitergabe von Informationen sozialer Netzwerke begrenzen und regulieren soll. So heißt es wörtlich in der Verordnung: „Das Ausmaß der Erhebung und des Austauschs personenbezogener Daten hat eindrucksvoll zugenommen. Die Technik macht es möglich, dass private Unternehmen und Behörden im Rahmen ihrer Tätigkeiten in einem noch nie dagewesenen Umfang auf personenbezogene Daten zurückgreifen.“ Die Datenschutzverordnung fordert vor allem eine Steigerung der Transparenz: „Für natürliche Personen sollte Transparenz dahingehend bestehen, dass sie betreffende personenbezogene Daten erhoben, verwendet, eingesehen oder anderweitig verarbeitet werden und in welchem Umfang die personenbezogenen Daten verarbeitet werden und künftig noch verarbeitet werden.“

Transparenz: Der Begriff durchzieht die Debatte über Datensicherheit im Netz wie ein roter Faden. Dabei muss man zumindest dies zurechtrücken. Denn bereits heute setzen die Sozialen Netzwerke zumindest einen gewissen Grad an Transparenz um. Beim Erstellen eines Facebook-Kontos erhalten alle NutzerInnen den gut lesbaren Hinweis: „Indem du auf 'Konto erstellen' klickst, erklärst du dich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden und bestätigst, dass du unsere Datenrichtlinie einschließlich unserer Cookie-Richtlinie gelesen hast.“

Zwei Drittel ignorieren die AGBs


Die Spielregeln der sozialen Plattformen werden also von vornherein allen NutzerInnen klar gemacht – will man meinen. Aus einer Studie der Zeit geht hervor, dass etwa 61 Prozent aller Nutzer diese Richtlinien jedoch in ihrer Gänze überfliegen oder ignorieren. Vor allem bei jungen Leuten scheint kein Interesse an der Selbstaufklärung über die Sicherheit ihrer Daten zu herrschen. In Interviews mit Studierenden zwischen 19 und 22 Jahren outet sich jeder der befragten aktiven NutzerInnen der Plattformen Instagram, Whatsapp und Facebook, die AGBs nicht vollständig gelesen zu haben.

Die AGBs und Datenrichtlinien von Facebook umfassen beispielsweise rund 45.289 Zeichen – bei einem geübten Leser bräuchte es eine Lesezeit von rund zwei Stunden, um den gesamten Text zu durchdringen – vom Verstehen hier noch ganz abgesehen. Dieser Aufwand scheint vielen NutzernInnen zu hoch, der Klick auf das Häkchen das kleinere Übel.

Welche Daten sammelt Facebook?

Man muss sich bewusst machen, dass Unternehmen wie Facebook den Handel mit Daten ihrer NutzerInnen als essenziellen Geschäftszweig nutzen. Denn die personenbezogenen Informationen der User werden an bestimmte Werbepartner verkauft. Dazu zählen Informationen wie der Standort, die Interessen, der Familienstand eines Users, die Einkäufe online, die Freunde eines Users und deren Interessen, das Modell eines Endgerätes (ob Smartphone, Tablet oder PC), wo man sich häufig aufhält, worüber man privat häufig schreibst, was regelmäßig konsumiert wird und noch einiges weiteres. Je detaillierter ein Nutzprofil, desto attraktiver für den Werbepartner.

Es ist eben diese Bequemlichkeit im Netz, die für Probleme bei der Datensicherheit sorgt. Ein weiteres Beispiel hierfür ist der „Über/mit Facebook anmelden“-Button. Bei einer Bestellung oder in einer App, in der es mal schnell gehen muss, greift man häufig auf ihn zurück. Doch was das konkret in Gang setzt, wissen die Wenigsten. Daten werden direkt an den jeweiligen Drittanbieter übermittelt – zumeist auch personenbezogene Informationen, die in keinerlei praktischem Zusammenhang mit dem eigentlichen Anbieter stehen. Oder ist es notwendig, dass der Pizzalieferant das Geburtsdatum kennt und Zugriff auf die Freundesliste hat? Manuell kann das Teilen seiner Daten mit bestimmten Diensten innerhalb der Einstellungen von Facebook wieder rückgängig gemacht und kontrolliert werden. Doch auch diese Mühe machen sich die Wenigsten.

Wer lesen kann...


Bei anderen Sozialen Netzwerken ist die Lage vergleichbar. So macht sich auch bei Instagram kaum ein Nutzer die Mühe, die rund 23.000 Zeichen langen Datenschutzrichtlinien im Juristendeutsch in Gänze zu verinnerlichen und übersieht dabei häufig, was er da akzeptiert. Doch hier wird mittlerweile Abhilfe geboten: Die britische Anwältin Jenny Afia hat es sich zur Aufgabe gemacht, die unattraktiven AGBs der größten sozialen Netzwerke in eine verständlichere Sprache zu übersetzen und kompakter aufzubereiten. Viele folgten ihrem Beispiel und griffen ihre Übersetzungen auf. Darunter auch etliche deutsche Seiten: Die Homepage schau-hin.info, welche bei einer einfachen Google-Suche innerhalb der ersten Treffer angezeigt wird – oft noch vor den eigentlichen AGBs von Instagram aufgelistet –, veranschaulicht die wichtigsten Spielregeln der Foto-Plattform: „Offiziell besitzt du alle Original-Bilder und Videos, die du postest. Aber wir dürfen sie benutzen, und wir können andere überall auf der Welt sie auch verwenden lassen. Andere könnten uns für die Benutzung Geld bezahlen und wir werden dich dafür nicht entlohnen.“ Diese Klausel trifft bei befragten Studierenden und NutzerInnen der Plattform Instagram zumeist auf Unverständnis.

Darüber hinaus beinhalten die AGBs Passagen wie diese: „Wir können deine persönlichen Daten mit Unternehmen, die mit Instagram verbunden sind, behalten, verwenden und teilen. Diese Informationen beinhalten deinen Namen, E-Mail-Adresse, Schule, wo du lebst, Bilder, Telefonnummer, deine Vorlieben und Abneigungen, wo du hingehst, wer deine Freunde sind, wie oft du Instagram verwendest und alle anderen persönlichen Informationen wie etwa deinen Geburtstag oder die Personen, mit denen du – auch über private Nachrichten – chattest.“

An dieser Stelle stellt sich die Frage: Warum formulieren und präsentieren Facebook, Instagram und Co. ihre AGBs nicht auch so verständlich? Mehrere Antworten auf diese Frage sind möglich – doch die nächstliegendste scheint wohl die Unattraktivität für neue und bestehende NutzerInnen zu sein. Unternehmen wie Facebook sind börsennotierte Unternehmen mit wirtschaftlichem Interesse – dieses steht und fällt mit ihren aktiven Nutzungszahlen. Dass die verständlich und kompakt formulierten AGBs einige NutzerInnen abschrecken oder bestehende User vergraulen könnten, liegt auf der Hand.

Was hat Facebook bereits geändert?


Aus dem Besitz dieser etlichen personenbezogenen Informationen resultiert eine ungemeine Macht der Beeinflussung und der indirekten Steuerung von NutzerInnen. Facebook äußert sich auf Anfragen zu dieser Thematik nie konkret und verweist stattdessen auf ihr Presseportal. Hier wird wiederholt und intensiv darauf aufmerksam gemacht, in welchem Maße Facebook die Datensicherheit ihrer NutzerInnen gewährleisten will und, vor allem nach jüngsten Vorwürfen und Ereignissen, auch bereits den ein oder anderen Bereich verschärft hat. So wurde beispielsweise der Zugriff dritter Apps auf Daten von Facebook enorm eingeschränkt.

Den finalen Schritt, die persönlichen Social Media-Accounts zu löschen, tätigen die wenigsten. Man könnte die Sozialen Medien als Spielplatz sehen – jeder weiß, dass auf ihm Regeln gelten, die einem nicht gefallen oder gar schaden können, doch mitspielen will jeder.

Was können User tun?
 

  1. Man muss sich bewusst machen, was mit seinen Daten passiert. Nur dann kann man auch bewusst handeln und mit sozialen Medien umgehen.

  2. Auch wenn es mal eine halbe Stunde dauert, sollte man die (vereinfachten) AGBs lesen, bevor man sie akzeptiert.

  3. Setzt euch mit den Privatsphäreneinstellungen der jeweiligen Plattformen auseinander. Viele freigegebene Daten können hier eingesehen, eingestellt und angepasst werden.

  4. In Deutschland herrscht das Recht auf Selbstauskunft, das heißt: Unternehmen sind verpflichtet, darüber zu informieren, welche Daten sie über die eigene Person gespeichert haben.