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Politik und Debatte - Tempolimit Das Tempolimit bleibt ein Tabu

Die Debatte um ein Tempolimit in Deutschland ist zu vergleichen mit den Diskussionen um die Waffengesetze in den USA. Sie berührt einen nationalen wunden Punkt. Die Mehrheit lehnt ein Tempolimit ab, obwohl vieles dafür spricht.

Der Rausch der Geschwindigkeit auf deutschen Autobahnen. (Quelle: iStock)

Erneut ein tödlicher Unfall auf der A1 nahe Hamburg. Die Polizei vermutet ein illegales Autorennen. Ein Unschuldiger stirbt und seine Beifahrerin wird schwer verletzt. Die Autobahn ist für mehrere Stunden gesperrt und der Verkehr stockt. Unangepasste Geschwindigkeit stellt eine der Hauptunfallursachen dar. Hohe Geschwindigkeitsunterschiede zwischen den Autos sorgen auf deutschen Autobahnen für kilometerlange Staus. Ein Tempolimit könnte zur Lösung dieser Probleme beitragen. Doch für den CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer spreche es „gegen jeden Menschenverstand“.  

Scheuer betont: „Die deutschen Autobahnen sind die sichersten weltweit.“ Auch der ADAC sekundiert und weist nach, dass der Anteil der Verkehrstoten auf deutschen Autobahnen im Jahr 2017 mit ca. zwölf Prozent im Vergleich zum Anteil der gefahrenen Kraftfahrzeugkilometer unterdurchschnittlich sei. Trotzdem verunglückten 409 Menschen im Jahr 2017 auf deutschen Autobahnen und 5.974 Menschen wurden schwer verletzt.

181 starben durch zu hohe Geschwindigkeiten

181 Menschen starben aufgrund unangepasster Geschwindigkeiten. Die Zahl erscheint relativ gering. „Da hat man sich schon so daran gewöhnt, das skandalisiert niemand“, äußert Helge Böttcher, Mitglied bei den Grünen in Braunschweig. „Die Menschen fühlen sich nicht persönlich betroffen und schätzen das Risiko im Straßenverkehr vollkommen falsch ein“, kritisiert Professor Jürgen Gerlach von der Bergischen Universität Wuppertal.

Es besteht weit mehr Toleranz für Todesfälle im Verkehr als in anderen Bereichen. Doch wenn man den Einzelfall betrachtet, dann kommt einem die Betrachtung einer leeren Zahl als irrelevant vor. Man hört täglich von Horror-Unfällen auf den deutschen Autobahnen, so wie am 24. Mai 2016 auf der A9 im bayrischen Kreis Eichstätt berichtet wurde. Ein Sportwagen ist auf der nassen Straße mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs. Das Fahrzeug gerät ins Schleudern. Es prallt von der Leitplanke ab und stößt dabei frontal in ein anderes Fahrzeug, in dem eine sechsköpfige Familie sitzt. Zwei Kinder werden durch den Aufprall aus dem Auto geschleudert. Eins stirbt noch an der Unfallstelle und das andere im Krankenhaus. Sollte man nicht eigentlich sagen, dass jeder Verkehrstote einer zu viel ist?

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht in einem Tempolimit den Vorteil, die Zahl der Unfälle zu reduzieren und dadurch Verkehrstote und Schwerverletzte zu vermeiden. „Hierzulande fahren einige Leute völlig legal 200 oder auch 250 Kilometer pro Stunde. Um es klar zu sagen: „Das ist Wahnsinn. Bei diesem Tempo kann in Stresssituationen niemand sein Auto im Griff haben“, so der GdP-Bundesvorsitzende Michael Mertens. Staus aus dem Nichts

Staus aus dem Nichts

Doch könnte ein Tempolimit sich weit über die Verkehrssicherheit hinaus positiv auswirken. So sieht der Forscher Dirk Gunther Trost hinsichtlich eines Tempolimits einen größeren Nutzen mit Blick auf die Straßenkapazität. „Je einheitlicher die Geschwindigkeiten sind, desto mehr Kapazität hat die Straße“, erklärt der Professor für Verkehrspolitik an der Ostfalia Hochschule. Viele AutofahrerInnen stehen täglich im Stau und nicht immer ist die Ursache ein Unfall oder eine Baustelle, sondern die zu hohen Unterschiede zwischen den gefahrenen Geschwindigkeiten der einzelnen Fahrzeuge, die für Störungen des Verkehrsflusses sorgen. Bei einem unbedachten Fahrmanöver wie einem Spurwechsel kommt es dazu, dass das nachfolgende Fahrzeug stark bremsen muss und „der Nächste mit entsprechender Reaktions- und Bremszeitverzögerung noch stärker und so weiter“, erklärt Stauforscher Martin Treiber von der TU Dresden. „Damit wird oft eine Stauwelle ausgelöst, die sich mit 15 Kilometern pro Stunde nach hinten fortpflanzen kann. In diesen Stauwellen kommt der Verkehr zeitweise vollkommen zum Stillstand“, so der Forscher. AutofahrerInnen ist dieses Phänomen auch als Stau aus dem Nichts bekannt. Ein Tempolimit könnte durch die Anpassung der Geschwindigkeiten und Reduzierung der Geschwindigkeitsdifferenzen dafür sorgen, dass es zu weniger Bremsmanövern und Spurwechseln auf viel befahrenen Straßen kommen würde und damit zu einem einheitlichen Verkehrsfluss. „In Frankreich ist es ja auch so, dass da weniger gedrängelt wird, weil alle etwa gleich schnell unterwegs sind“, erklärt der Verkehrspsychologe Jörg Michael Sohn.

Weniger Stop and Go

„Bei einem homogenen Verkehrsfluss ist das Fahren entspannt, die Verbräuche sinken, weil man nicht ständig Gas gibt oder bremst, die Unfallzahlen gehen drastisch zurück, weil alle annähernd gleich schnell sind“, bemerkt der Verkehrsökologe Professor Udo Becker. Eine Studie aus dem Jahr 2007 des Potsdamer Ministeriums für Infrastruktur und Raumforschung bestätigt bereits die positiven Auswirkungen eines Tempolimits. Durch die Einführung eines Tempolimits von 130 km/h reduzierte sich die Unfallrate auf dem Streckenabschnitt um 26,5 Prozent. Die Anzahl der Verletzten minimierte sich von 838 im Vergleich zu den vorherigen Testjahren auf 362 Personen. „Doppelt so hohe Geschwindigkeit bedeutet viermal so hoher Energieverbrauch. Und höhere Geschwindigkeiten bedeuten viel schwerere Unfälle“, so Becker. Zudem wäre der Reaktionsweg bei niedrigeren Geschwindigkeiten kürzer und die Unfallschwere würde abnehmen. „Auch das: Reine Fahrdynamik, reine Physik. Gilt überall – außer auf deutschen Autobahnen“, kritisiert der Experte.

Ein homogener Verkehrsfluss mit weniger ‚Stop and Go‘ würde sich zunehmend positiv auf den Kraftstoffverbrauch der Pkws auswirken und demnach auch auf die CO2 Emissionen des Pkw-Verkehrs. Das Umweltbundesamt hat die Auswirkungen einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 120 km/h auf die CO2 Emissionen des Pkw Verkehrs auf Autobahnen errechnet. Die Berechnungen ergeben, dass bei einer Einhaltung des Tempolimits von 80 Prozent circa drei Millionen Tonnen CO2 jährlich in Deutschland eingespart werden könnten. Helge Böttcher von den Grünen bezeichnet ein Tempolimit nicht als das Allheilmittel gegen den Klimawandel, jedoch würde schon mal etwas erreicht werden, „wenn man bedenkt, dass der gesamte Verkehr in Deutschland zu 18 Prozent zu den Treibhausgasemissionen beiträgt“. Auch das Bundesministerium für Umwelt betont, dass die Pkw-Emissionen deutlich sinken müssten, „um die Klimafolgen des Straßenverkehrs zu begrenzen“, denn derzeit haben sich die CO2 Emissionen im Verkehr gegenüber dem Jahr 1990 nicht verändert. Vielmehr sind die CO2 Emissionen im Verkehrssektor von 164 Millionen Tonnen im Jahr 1990 um 4 Millionen Tonnen gestiegen.

Um die Klimaschutzziele in Deutschland zu erreichen, muss auch der ewig verschonte Verkehrssektor seinen Beitrag leisten, um nicht weiter die Erfolge anderer Bereiche zunichte zu machen. „Es wäre mal Zeit für einen grünen Verkehrsminister, damit der dann die sogenannte Verkehrswende, die wir fordern, voranbringen kann. Das ist unter CSU- Ministern bislang nicht möglich gewesen“, kritisiert Böttcher. „Es wird auf jeden Fall Zeit, dass die Bürger und auch die Umwelt und das Klima mehr im Mittelpunkt stehen“, so der Politiker. Eine Umfrage des aktuellen Deutschlandtrends des ARD Morgenmagazins zeigt: Die Mehrheit in Deutschland ist für ein Tempolimit.

Mehrheit in Deutschland ist für ein Tempolimit

 Der Verkehrsminister zeigt sich stur. „Das Prinzip der Freiheit hat sich bewährt. Wer 120 fahren will, kann 120 fahren. Wer schneller fahren möchte, darf das auch. Was soll der Ansatz der ständigen Gängelung?“, stellt Scheuer klar. Die willkürliche Freiheit der deutschen Autofahrer sollte doch gerade dann ein Ende finden, wenn sie neben dem eigenen Leben auch das Leben anderer bedroht.

Bei Tempo 200 wird das Auto zur Waffe

Autofahren bei 200 km/h ist Stress und das Auto wird dabei zur Waffe, die im Zweifel kaum noch zu kontrollieren ist. Neben positiven Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit würde ein Tempolimit auch die Straßenkapazität verbessern. Zudem könnte man erste Schritte in Richtung Verkehrswende und Klimaschutz im Verkehr einleiten. Von einem entspannteren Fahren, weniger Staus und Unfällen würden alle profitieren. Dennoch beschreibt das zuständige Ministerium ein Tempolimit als „alte, abgelehnte und unrealistische Forderung“. Der Wilde Westen auf deutschen Autobahnen wird wohl auf absehbare Zeit bestehen bleiben.