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Politik und Debatte - Pharmaindustrie Das Geschäft mit der Depression

Antidepressiva sind ein Milliardengeschäft für die Pharmaindustrie – oftmals nicht ohne Risiken für die Patienten. Ein Einblick in eine Marketingmaschine kaschierter Nebenwirkungen und bezahlter Studien.

Antidepressiva - Medikamente für gute Laune. (Quelle: iStock/Djedzura)

Depressionen, Panikattacken, übermäßiges Stressempfinden oder Angststörungen – die Krankheiten sind vielfältig, die verordneten Mittel zumeist dieselben: Antidepressiva. Ein Medikament, das man nur mit einem ärztlichen Rezept bekommt und doch scheint dies alles andere als schwierig. Die Verordnungen von Antidepressiva steigen stetig an. Seit dem Jahr 1999 hat sich der Konsum in den Industrieländern mehr als verdoppelt.

„Antidepressiva sind die am übermäßigsten verschriebenen Medikamente“, sagt Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-Universität Krems. In den USA seien Antidepressiva bereits die am häufigsten verschriebenen Medikamente, in Europa rangieren sie auf dem zweiten Platz. Das Marktforschungsinstitut IMS Health schätzt den weltweiten Markt von Antidepressiva pro Jahr auf rund 16 Milliarden Euro. Ein stark umkämpfter Markt in der Pharmaindustrie und dies, trotz medizinischer Fortschritte, nicht ohne Risiko für die Patienten. Schließlich sind Antidepressiva verschreibungspflichtige Medikamente, mit denen gewissenhaft umgegangen werden sollte.

Der vermeintlich einfache Weg aus der Depression


Während man früher an einer Überdosis an Antidepressiva noch sterben konnte, haben die Mittel der zweiten Generation deutlich geringere Nebenwirkungen. „Antidepressiva sind viel sicherer geworden und dadurch die Hemmschwelle, sie zu verschreiben, geringer“, erklärt Gartlehner. „Antidepressiva sind das, was viele Betroffene möchten, wenn sie Hilfe aufsuchen. Ein Medikament, damit es einem besser geht“, sagt Michaela Himstedt von der psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerkes OstNiedersachsen. „Das andere heißt, sich Zeit zu nehmen, an sich zu arbeiten, dort hinzugucken, wo es wehtut.“

Antidepressiva setzen an den Symptomen einer Depression an, jedoch nicht an den Grundproblemen. Auch Oliver S., der Erfahrung mit diesen Medikamenten gemacht hat, bestätigt das: „Antidepressiva sind nur kurzfristige Mittel. Es ist zunächst genau das, was man will. Es geht einem besser, das macht aber auch ganz schnell abhängig. Im Endeffekt lösen sie die Probleme aber nicht.“ Auch Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen. Antidepressiva gehen mit anderen Medikamenten Interaktionen ein. Vor allem bei älteren Menschen erhöhe sich, laut Gartlehner, die Sturzgefahr. Dies kann tödliche Folgen haben.

„Aus Studien wissen wir, dass Antidepressiva nur bei schweren Depressionen helfen, doch haben die meisten Menschen, die diese einnehmen, nur eine leichte Form“, sagt Gartlehner. Es fehle an Bewusstsein der Ärzte sowie der Patienten. Nur bei einer lang andauernden depressiven Phase können diese Medikamente tatsächlich lebensrettend sein. „Sie helfen einem dabei, wieder aus dem Teufelskreis herauszukommen. Es darf aber nicht bei Antidepressiva bleiben, man sollte sich auf jeden Fall um eine Psychotherapie bemühen“, so Michaela Himstedt.

Progressives Marketing und gefälschte Studien


In der Pharmaindustrie sind Antidepressiva ein enormes Geschäftsfeld und ein stark umkämpfter Markt: „Es kommen immer mehr Antidepressiva auf den Markt – zumeist ohne therapeutische Innovation.“ Auch Studien belegen, dass Antidepressiva, egal ob Marken- oder No-Name-Präparat, gleich wirken. Bezeichnet werden sie auch als „Me-Too-Präparate“ – Medikamente, die auch einen Teil des Kuchens abhaben wollen. „Die Industrie versucht geradezu generalstabsmäßig mit enorm viel Geld das ganze medizinische System zu unterwandern“, sagt Gerald Gartlehner. Nicht selten werden Professoren, Ärzte oder andere Experten dafür bezahlt, das angepriesene Medikament als bestes Mittel auf dem Markt zu empfehlen, obwohl es sich nur geringfügig von anderen unterscheidet. Mit sichtlichem Erfolg: Für jeden Euro, den ein Hersteller in Werbe- beziehungsweise PR-Maßnahmen steckt, kriegt er mehr als drei Euro an Einnahmen aus den Medikamentenverkäufen zurück.

Auch selbstfinanzierte Studien, die Nebenwirkungen bewusst verharmlosen oder gar verschweigen, sind keine Ausnahme. So musste beispielsweise die Pharmafirma GlaxoSmithKline in den USA eine Strafe von drei Milliarden Dollar zahlen, weil sie Nebenwirkungen des beworbenen Präparates Paroxetin verschwieg und mit einer sicheren und wirksamen Behandlung von Depressionen bei Kindern warb. Trotz des aufgedeckten Skandals erfüllte die PR-Maßnahme ihren Zweck: Allein im ersten Jahr wurde das Präparat in den USA zirka zwei Millionen Kindern und Jugendlichen verschrieben.

Laut Gartlehner bedarf es einer besseren Aufklärung seitens der Ärzte sowie der Patienten: „Wenn es keinen Nutzen gibt, liegt die Bilanz immer auf der Seite des Schadens.“ Es fehle an Bewusstsein dafür, welche Nebenwirkungen auftreten können und dass Antidepressiva nur bei starken Depressionen wirken. Psychotherapien sind für ihn der nachhaltigere und sicherere Weg. Bei allen Bemühungen arbeitet man jedoch gegen die Marketingmaschine der weltweiten Pharmaindustrie – ein alles andere als leichtes Unterfangen.