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Leben und Gesellschaft - Zucker Böses Spiel mit der Gesundheit

Zucker ist eine Volksdroge, die in fast jedem industriell gefertigtem Lebensmittel auftaucht. Campus38 klärt auf, wie VerbraucherInnen getäuscht werden und was es mit der abgeschafften Zuckermarktordnung auf sich hat.

Zucker ist in industriell gefertigten Lebensmitteln nicht immer allzu leicht erkennbar. (Quelle: iStock/Fascinadora)

Wir lieben Zucker - viele Menschen in Deutschland können sich wohl dem Club der anonymen Zuckerholiker anschließen, denn Zucker macht süchtig und wirkt auf unser Gehirn wie eine Droge. Er steigert unsere Konzentrations- und Leistungsfähigkeit und macht uns kurzfristig sogar glücklich. Die Lebensmittelindustrie scheint das schon seit mehreren Jahren auszunutzen. Werden die VerbraucherInnen bewusst getäuscht?

Für Lebensmittelhersteller ist Zucker ein billiger Zusatzstoff und ein idealer Geschmacksträger, deshalb enthalten viele abgepackte Lebensmittel große Mengen an Zuckerzusätzen. Für Verbrauchende hingegen sind diese Zugaben wohl die ungesündeste Zutat ihrer Ernährung. Dabei bemerken sie häufig nicht einmal, dass sie Zucker zu sich nehmen. Der Grund dafür ist einfach: Zucker ist praktisch überall enthalten – auch dort, wo wir ihn nicht vermuten. In Brot, Wurst, Käse, Milchprodukten, Joghurts, Soßen und vielen anderen Produkten findet sich Zucker. Von den Klassikern wie Süßwaren, Kuchen und Limonade ganz zu schweigen.

Zucker in verschiedenen Formen mit verschiedenen Namen


Lebensmittelhersteller haben sich anscheinend zum Ziel gesetzt, KonsumentInnen zu verwirren. Denn auf Zutatenlisten von Produkten ist Zucker nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Neben Zucker als Begriff verwenden Lebensmittelhersteller auch andere Arten, Zuckeraustauschstoffe, Süßstoffe und Süßungsmittel. Welche VerbraucherInnen sollen bei dieser Menge noch den Überblick behalten? ExpertInnen der Verbraucherzentrale Niedersachsen haben neben dem Begriff Zucker weitere siebzig Namen für andere Zutaten gefunden, die zum Süßen dienen oder zum Zuckergehalt beitragen und den Verbraucher im Unklaren lassen. Ein Marktcheck der Verbraucherzentrale Niedersachsen aus dem Jahr 2013 macht deutlich, wie wenig Zuckerarten von KonsumentInnen erkannt und eindeutig zugeordnet werden können. Klar erkennbar waren die Begriffe Karamellzuckersirup, Milchzucker, Rohrohrzucker, Traubenzucker und Vanille- oder auch Vanillinzucker. Nicht deutlich als Zucker erkennbar waren hingegen unter anderem Weizendextrin, Fruktose-Glukose-Sirup, Gerstenmalz, Glukosesirup, Joghurtpulver, Magermilchpulver und Maltose.

Lebensmittelhersteller sind aktuell nicht dazu verpflichtet, die verwendete Menge der einzelnen Zuckerarten anzugeben. Eine Orientierung für VerbraucherInnen kann hier jedoch die Platzierung der oben genannten Begriffe im Zutatenverzeichnis sein. Je weiter die Begriffe vorne stehen, desto höher ist der Anteil im Lebensmittel. Wenn verschiedene Zuckerarten an unterschiedlichen Stellen zu finden sind, ist eine Einschätzung des Zuckergehalts aber oft nicht möglich. Wird im Zutatenverzeichnis der Begriff „Zucker“ gelistet, versteckt sich dahinter meist Rüben- oder Rohrzucker.

Über den enthaltenen Zuckeranteil im Lebensmittel schafft jedoch inzwischen die seit Dezember 2016 verpflichtende Nährwertkennzeichnung Abhilfe. Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation Foodwatch fordert einen weiteren Schritt: „Die Politik muss die Industrie in die Pflicht nehmen - wir brauchen eine verbraucherfreundliche Nährwertkennzeichnung, Beschränkungen der an Kinder gerichteten Werbung, Mindestanforderungen für Schul- und Kitaessen sowie steuerliche Anreize für die Getränkeindustrie, endlich den Zuckergehalt zu reduzieren.“

Weltweiter Anstieg des Zuckerkonsums


Laut Ernährungsberater Stefan Winkler nimmt ein Mensch in Deutschland durchschnittlich rund 35 Kilogramm Zucker zu sich. Das entspricht mehr als 30 Zuckerwürfeln oder knapp 95 Gramm an einem Tag. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen täglichen Verbrauch von höchstens 25 Gramm Zucker. Die maximale Obergrenze sollte laut WHO bei fünfzig Gramm liegen. Die Deutschen liegen mit ihrem Zuckerkonsum deutlich über dem weltweiten Durchschnitt. Dieser beträgt pro Kopf im Schnitt 24,3 Kilogramm in den Jahren 2012 bis 2014.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) prognostiziert einen weltweiten Anstieg des Zuckerkonsums. So soll der Zuckerkonsum im Jahr 2024 auf etwa 26,7 Kilogramm ansteigen. Vor allem der Bedarf in Entwicklungsländern wird laut der OECD steigen. In Industrieländern wird der Bedarf dagegen nur geringfügig ansteigen und teilweise sogar sinken. Diese Entwicklung lässt sich jedoch nicht nur am geringen Bevölkerungswachstum, sondern auch am abnehmenden Pro-Kopf-Verbrauch festmachen.

Das ist auch in den Zuckerkonzernen angekommen. Hartwig Fuchs vom Konzern Nordzucker AG sagt: „Wachstum bei Zucker findet außerhalb von Deutschland, außerhalb der EU statt.“ Daher plant Nordzucker auch eine Produktion außerhalb Europas aufzubauen. Dass sich das Geschäft lohnt, zeigt eine Umsatzstatistik von Nordzucker. Im Geschäftsjahr 2016/17 lag der Umsatz von Nordzucker bei rund 1,7 Milliarden Euro. Deutschlandweit lag der Umsatz im Jahr 2016 bei rund 3,2 Milliarden Euro und wird laut einer Prognose im Jahr 2020 rund 3,02 Milliarden Euro betragen.

Ist Zucker Gift?


Es ist kein großes Geheimnis - Zucker gilt als ungesund. Kritiker machen Zucker für Fehlernährung, Fettleibigkeit, Diabetes, Herzerkrankungen und eine weitere Reihe von Volkserkrankungen verantwortlich. Ernährungsexperten wie Robin Lustig von der University of California bezeichnen ihn sogar als Gift unserer Nahrung. Stefan Winkler erläutert: „Der Zucker, den wir täglich aufnehmen, ist nichts anderes als eine Droge und wirkt im Gehirn wie Kokain. Konsumiert man regelmäßig Zucker, wird man abhängig. Zucker spricht unser Lustzentrum im Gehirn an und sorgt für die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin. Dies hat zur Folge, dass wir kurzfristig glücklich und voller Energie sind.“

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch wirft der Zuckerlobby vor, Bundestagsabgeordnete durch Falschaussagen über Zucker zu täuschen. „Die Zuckerindustrie verhält sich wie früher die Tabak-Konzerne: Mit Falschaussagen werden die Gefahren der Produkte verschleiert und unliebsame politische Initiativen verhindert“, sagt Oliver Huizinga. Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) hat diese Vorwürfe entschieden zurückgewiesen und ihrerseits eine Pressemitteilung über sieben Fakten zu Zucker und Ernährung veröffentlicht. „Da geistern regelrechte Zuckermythen durch die öffentliche Debatte. Zucker ist nicht gesundheitsgefährdend, sondern als Lebensmittel Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung“, meint Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der WVZ. Nach Ansicht der WVZ ist demnach die Kalorienbilanz entscheidend. Zucker sei kein Dickmacher und deswegen auch kein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten, heißt es weiter in der Meldung.

Und dennoch zeigen die Vorwürfe ihre Wirkung. Die EU-Länder wollen den Zuckergehalt in Lebensmitteln bis 2020 um zehn Prozent gegenüber dem Niveau von 2015 senken. Nach knapp fünfzig Jahren wurde im vergangenen Herbst die bisherige Zuckermarktordnung abgeschafft. Was hat diese überhaupt geregelt und welche Auswirkungen hat das für Verbraucher? Die Zuckerproduktion innerhalb der EU war bislang stark limitiert. Maximal 85 Prozent der Zuckerproduktion durften aus EU-Ländern stammen. Der restliche Zuckerbedarf wurde durch Importabkommen, vor allem aus Entwicklungsländern, gedeckt. Zudem galt eine Obergrenze von jährlich 13,5 Millionen Tonnen. Der Anteil von Glukosesirup, ein Flüssigzucker, welcher aus Mais oder Weizen hergestellt wird, war auf maximal fünf Prozent dieser 13,5 Millionen Tonnen beschränkt. Zudem waren Zuckerproduzenten verpflichtet, den Landwirten einen Mindestpreis für die Rüben zu zahlen.

Wichtiger Standort für Zuckerrüben in Niedersachsen


Bislang wird der meiste Zucker in Europa aus Zuckerrüben gewonnen. Fast die Hälfte der europäischen Produktion wird von Deutschland und Frankreich mit jeweils 24 Prozent gesichert. Ein wichtiger Standort für den Zuckerrübenanbau und die Zuckererzeugung liegt im südlichen Niedersachsen, etwa in der Braunschweiger und Hildesheimer Börde. Aber was bedeutet der Wegfall der Quote für VerbraucherInnen? Direkt werden beim Einkauf im Supermarkt nur minimale Auswirkungen spürbar sein. „Hier setzt der Handel die Preise, das nimmt der Verbraucher kaum wahr“, sagt Hartwig Fuchs. Manche VerbraucherInnen nehmen die Auswirkungen allerdings doch wahr. Studentin Nadine sagt: „Weiße Schokolade ist minimal teurer, dunkle ist vom Preis her wie immer und auch die Weihnachtssachen sind im vergangenen Jahr zum Teil deutlich teurer gewesen.“ Ob diese Entwicklung dem Fall der Zuckerquote zugerechnet werden kann, bleibt fraglich. Große Lebensmittelhersteller wollten sich auf Nachfrage zu diesem Thema nicht äußern.

Laut Experten, wie etwa dem staatlichen Thünen-Institut unter dem Dach des Bundeslandwirtschaftsministeriums, wird der Zuckerpreis mit Wegfall der Zuckerquote sinken und der Flüssigzucker Isoglukose vermehrt hergestellt werden. Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation Foodwatch warnt die Verbraucher daher: „Niedrige Zuckerpreise versprechen hohe Gewinne für die Lebensmittelindustrie – auf Kosten der Gesundheit.“ Unternehmen machen deutlich weniger Umsatz mit gesunden Lebensmitteln wie Obst oder Gemüse als mit zuckerhaltigen Getränken oder Snacks.“

Als Beispiel führt die Verbraucherzentrale Hamburg den Lebensmittelhersteller Ferrero an, welcher erstmalig seit fünf Jahren die Zusammensetzung des Schokoaufstrichs Nutella geändert hat. Statt 7,5 Prozent Magermilchpulver enthält die neue Nutella-Rezeptur 8,7 Prozent des weißen Pulvers. An der Nährwerttabelle lässt sich ablesen, dass nun mehr Zucker in einem Glas steckt. Der Zuckergehalt stieg laut der Tabelle von 55,9 auf 56,3 Prozent.

Welche Auswirkungen der Wegfall der Zuckerquote langfristig für die Wirtschaft und Verbraucher hat, bleibt abzuwarten. Verbrauchern rät Stefan Winkler mit Blick auf die Gesundheit: „Die beste Lösung ist, den Zucker weitgehend zu reduzieren oder sogar komplett zuckerfrei zu leben. Der wichtigste Schritt auf diesem Weg ist das Bewusstmachen. VerbraucherInnen sollten ihre Lebensmittel am besten einmal auf ihre Inhaltsstoffe überprüfen und sich bewusstmachen, worin Zucker überall versteckt ist.“ Schlussendlich müssen VerbraucherInnen für sich selbst entscheiden, wie sie ihren Zuckerkonsum handhaben möchten. Als Faustregel gilt jedoch: Zucker in Maßen, nicht in Massen.