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Politik und Debatte - Wolf, Natur, Angst Big Bad Wolf

Nachdem der Wolf rund 150 Jahre lang in Deutschland ausgerottet war, reguliert sich die Population der frei lebenden Wölfe wieder. Für den Naturschutz ist dies ein großer Erfolg, jedoch gibt es viele Menschen, für die das Tier auch heute noch mit viel Angst und Vorurteilen verbunden ist.


Nachdem der Wolf rund 150 Jahre lang in Deutschland ausgerottet war, reguliert sich die Population der frei lebenden Wölfe wieder. Für den Naturschutz ist dies ein großer Erfolg, jedoch gibt es viele Menschen, für die das Tier auch heute noch mit viel Angst und Vorurteilen verbunden ist.  

Aufmerksam wandern meine Augen durch das Gehege. Ein Knistern vom Laub macht sich in meinen Ohren breit. Ich blicke nach links und sehe ihn. Einen Wolf. Ein majestätisches Tier, welches mit seinen gelb funkelnden Augen und fixiertem Blick durch das Gehege streift. Wölfe sind sogenannte Hetzjäger. Das bedeutet, sie jagen ihre Beute, bis diese aufgibt. Der Wolf bevorzugt die Älteren und die Jungtiere, da diese sich leichter Jagen lassen. Aufgrund der häufigen Angriffe auf solche Herden gilt der Wolf bei einigen Menschen als gefürchtetes Raubtier. Dabei ist er von Natur aus eher zurückhaltend und vermeidet in der Regel den Kontakt zu Menschen.

Rudel - Fluch und Segen

Das Besondere in einem Wolfsrudel ist, dass sich die Tiere durch ihr Sozialverhalten innerhalb des Rudels von anderen Raubtieren unterscheiden. Bei genauerer Beobachtung wird das familiäre Leben und die Hierarchie unter den Wölfen deutlich. Ein Jungwolf geht mit gesenktem Kopf vorsichtig auf die Rudelanführerin zu, um etwas von ihrem Fleisch zu erhalten. Er legt sich vor der Wölfin auf den Rücken und vermittelt ihr damit Unterwürfigkeit. Die Schnauze des jungen Wolfes liegt unmittelbar neben der Beute, doch ohne die Erlaubnis der Rudelanführerin wagt er es nicht, diese anzurühren. Erst nachdem sie von der Nahrung ablässt, ist der Jungwolf an der Reihe. Durch die Rangordnung kommt es jedoch auch zu Konflikten, da jüngere Wölfe dem Rudelanführer seinen Posten streitig machen wollen. Wölfe in freier Wildbahn haben hier einen entscheidenden Vorteil im Vergleich zu denen in Gefangenschaft. Kommt es zu Streitigkeiten, kann sich einer der Kontrahenten zurückziehen und ein neues Territorium suchen. Das ist in einem Gehege nicht der Fall. Hier müssen diese getrennt werden, da sonst einer von ihnen stirbt. Wolfsrudel werden meist von Wölfinnen angeführt. Wolfsexperte Matthias Vogelsang erklärt, dass Wölfe ihr Oberhaupt nach der Beliebtheit im Rudel auswählen. Die Weibchen haben hier meist die Nase vorn und weisen dazu bessere Führungsqualitäten auf.

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Allein in Niedersachsen gibt es 38 Territorien und damit etwa 400 Wölfe. In ganz Deutschland verläuft sich die Zahl auf ca. 1300 Wölfe. Das sind mehr Tiere als in Schweden, Finnland und Frankreich zusammen. Die Population der Wölfe ist in Deutschland so hoch, weil die Tiere hier auf sich allein gestellt sind und es keine Regelungen ihrer Bevölkerung gibt. Wenn alle Territorien in Deutschland besetzt sind, müssen die übrigen Wölfe weiterziehen. Dabei spielt auch die Nahrungsverfügbarkeit eine Rolle. Je weniger Wild zur Verfügung steht, desto weniger Wölfe können in einem Territorium leben. In Deutschland gibt es genügend Wildtiere, weshalb ein Raubtier im Jagdrevier nicht der Rede wert sei. „Ich sehe da keine Gefahr“, äußert sich Hans Hesse, der Vorsitzende der Jägerschaft des Bezirkes Goslar/Braunschweig. Doch es gibt einige Bereiche, in denen der Wolf durchaus Probleme bereiten kann. Zum einen ist zukünftig die Pflege der Naturschutzflächen im Harz gefährdet, zum anderen ist ungewiss, ob der Tourismus weiterhin erfolgreich bleibt. Bei den Naturschutzflächen handelt es sich um Weideflächen, die bislang von Schafherden abgegrast werden. Wird bestätigt, dass sich dort Wölfe aufhalten, werden Schäfer ihre Tiere dort nicht mehr weiden lassen. Die Sorge um den Tourismus ist hier jedoch von größerer Wichtigkeit. Es wird befürchtet, dass TouristInnen den Harz meiden, wenn dort Wölfe gesichtet werden. Somit geht die größte Einnahmequelle des Harzes verloren. All diese Probleme lassen sich auf die Angst vor dem Wolf zurückführen. Raoul Reding, Wolfsberater der Jägerschaft Goslar/Braunschweig, erklärt: „Angst ist teils berechtigt. Der Wolf ist in der Lage, einen Erwachsenen zu töten, doch ihm fehlt der Grund dafür.“ Es ist demnach unwahrscheinlich, dass ein Wolf einen Menschen angreift. Er könnte sich jedoch, wie auch andere Wildtiere, verteidigen wollen, wenn er Gefahr wittert oder seine Jungen oder seinen Riss beschützen möchte.

Schutz aus Angst

Der Wolf hat zwar kein Interesse an uns Menschen, dafür umso mehr an unseren Nutztieren. Doch auch Nutztiere kann man vor dem Wolf beschützen. Die Finanzierung für den Schutz liegt in der Aufgabe der HalterIn und wird vom Staat nicht zurückerstattet. Infolgedessen haben viele NutztierhalterInnen keinen Wolfsschutz, da die Kosten für die Zäune oder Wachhunde höher sind, als der Schadensersatz, der für gerissene Tiere angesetzt ist. Einige HalterInnen würden ihre Tiere besser schützen, wenn bewiesen wäre, dass in ihrer Region Wölfe gesichtet werden, so bestätigen es einige befragte NutztierhalterInnen. Diesbezüglich fehlt es aber an Informationen. Die Mehrheit der Menschen weiß nicht, ob in ihrer Gemeinde Wölfe leben oder nicht. Bei einer Sache sind sich die meisten jedoch sicher: Die Angst, einem Wolf zu begegnen, ist groß. Fragwürdig ist dennoch, weshalb so eine große Furcht vor dem Wolf besteht, obwohl der Hund als bester Freund des Menschen gehalten wird. Bekannt ist, dass der Hund vom Wolf abstammt, was bedeutet, dass Wölfe sich zähmen lassen. Dieser Prozess nennt sich Domestizierung. Er dauert beim Wolf bisher zehn- bis fünfzehntausend Jahre und ist immer noch nicht abgeschlossen. Der Wolf ist ein eigenständiges Tier, er handelt und reagiert nur, wenn er es möchte - im Gegensatz zum Hund, der jedem Kommando seines Besitzers folgt. Wolfsexperte Matthias Vogelsang bestätigt, dass Wölfe einen Drogenspürhund ersetzen könnten, da ihre Nase hundertmal besser als die eines ausgebildeten Hundes sei. Einsetzbar sind Wölfe durch ihre Eigenständigkeit jedoch nicht

Verhalten bei Wolfsbegegnungen

Bei einer Begegnung mit einem Wildschwein habe ich die Worte meines Vaters im Ohr. Ruhig bleiben und langsam umkehren. Was aber tue ich, wenn ich einem Wolf begegne? Vermutlich würde ich aus Angst und Unwissenheit fatale Fehler begehen. Einigen geht es ähnlich. Sie wissen nicht, wie sie sich bei einer Wolfsbegegnung zu verhalten haben. Dabei kann die richtige Reaktion Leben retten. Wolfsberater Raoul Reding rät bei einem Zusammentreffen mit einem Wolf folgendes:

  1. Ruhig bleiben und nach Möglichkeit den Abstand größtmöglich bewahren.
  2. Auf keinen Fall weglaufen und gegebenenfalls seinen Hund kurz an die Leine nehmen, damit dieser unter Kontrolle gehalten wird.
  3. Auf sich aufmerksam machen, sich groß machen und laut mit dem Tier sprechen, falls der Wolf nicht nur den Weg kreuzt, sondern stehen bleibt. Der Wolfsberater betont jedoch, nicht hysterisch zu werden und nur im seltensten Fall mit einem Stein nach dem Wolf zu werfen.

Es ist an der Zeit, dem Wolf eine zweite Chance zu geben. Förderlich wäre es also, wenn beispielsweise mehr Fakten und Zahlen zu dem Thema in der Presse kommuniziert werden würden, um zu verdeutlichen, dass die Zahl der Angriffe niedriger ist als man denkt. Somit kann den Menschen die Angst genommen und in Respekt umgewandelt werden. Das Wichtigste ist, dass wir niemals aufhören daran zu glauben, dass ein neuer Anfang möglich ist.