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Politik und Debatte Angriffspunkt Sexualität

Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität - früher wurden diese Begriffe als Krankheitsnamen benutzt und Beziehungen dieser Art unter Strafe gestellt. Ist die Sexualität heute trotz rechtlicher Gleichstellung noch Anlass für Diskriminierung?

Stechen Mitglieder der LGBT-Community tatsächlich auch heute noch aus der Masse hervor? (Quelle: iStock/Peter Hermes Furian)

Eine Studie des Change Centre von 2015 zeigt, dass es ganzen 53,7 Prozent der befragten Männer unangenehm wäre, wenn man sie für homosexuell halten würde. Doch kann beziehungsweise ist die Homosexualität einer Person wirklich auch heute, in unserer doch eigentlich sehr fortschrittlichen und aufgeklärten Welt, ein Grund für Diskriminierung?

Samuel S., 24 Jahre alt und wohnhaft in Oberhausen, bezeichnet sich selbst als schwulen Cisgender-Mann und hat persönliche Erfahrungen in diesem Bereich gemacht: „Eins der schlimmsten Ereignisse war es, als ich meinen jetzigen Verlobten meiner Clique vorgestellt habe. Ich habe Sven Samstagabends mit zur Bar genommen in der sich meine Clique immer traf. Ein paar der anderen Jungs kamen wohl nicht wirklich damit klar, dass ich schwul bin und machten dumme Kommentare. Die Jungs fingen dann, weil wir sie ignorierten, an, handgreiflich zu werden. Sie schubsten uns und wurden auch immer lauter und als Sven und ich uns wehrten, haben sie uns schließlich mehrfach ins Gesicht und in den Bauch geschlagen.“

Beleidigungen und Gewalt aufgrund der sexuellen Orientierung? Dies ist in Deutschland leider beinahe alltäglich. Im Jahre 2016 gab es allein in den Monaten Januar bis September 205 gemeldete Straftaten, die in Bezug zur sexuellen Orientierung des Opfers standen. Die Dunkelziffer wird wie so oft deutlich höher geschätzt. Und das, obwohl Deutschland im globalen Vergleich von 40 Ländern im Jahre 2014 auf Platz drei landete, wo rund 51 Prozent der befragten Leute angaben, dass Homosexualität moralisch vertretbar sei und 38 Prozent aussagten, dass Homosexualität kein moralisches Problem wäre.

Erlebnisse wie das von Samuel verfolgen das Opfer oft noch lange nach der Tat. Oftmals ist nach solchen Begegnungen psychologische Hilfe notwendig, damit die geschädigte Person wieder normal mit anderen Menschen umgehen kann und sich wieder offen als Mitglied der LGBTQ+ Community zeigen kann. Samuel hat sich nach der Attacke gegen seinen Verlobten und sich wieder völlig erholt und steht weiterhin zu sich. Durch Freunde, Verwandte und einer Psychologin ist er heute wieder in der Lage stolz zu sagen: „Mittlerweile bin ich soweit, dass ich denke, wer damit nicht umgehen kann, hat mich nicht als Freund verdient.“

Einzig Selbstvertrauen hilft


Gegen Anfeindungen, Beleidigungen und Diskriminierung im Allgemeinen hilft oft nur ein ordentliches, großzügiges Selbstvertrauen und der Mut, trotz manchem Anecken zu sich selbst zu stehen. Nach diesem Motto lebt auch Davin R., 22 Jahre aus Meppen. Er macht derzeit eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger an einer Berufsfachschule in Katholischer Trägerschaft. Was viele von ihm nicht wissen: „In der LGBTQ+ Community falle ich unter das große T, heißt, ich bin transsexuell. Genau genommen sehe ich mich als ganz normalen Mann, wie jeder andere auch. Einzig durch meine Vergangenheit, die ich unfreiwillig als Frau leben musste, unterscheide ich mich vielleicht von anderen Männern.“ Kaum jemand, der ihn heute kennenlernt, käme auf die Idee, dass Davin einst eine Frau war. Auch an der Berufsfachschule weiß es kaum jemand, was für ihn viele alltägliche Situationen einfacher macht. „Die Leute, die mich jetzt kennen lernen, sehen einen normalen, jungen Mann vor sich und lernen mich so kennen.“

Auch wenn die Quote für Gewalt gegen transsexuelle Menschen noch deutlich höher ist als die der Gewalt gegen Homosexuelle, so berichtet Davin dennoch, dass er glücklicherweise noch nie Opfer von Gewalt oder Diskriminierung wurde. Im Gegenteil, er habe durch sein offenes Auftreten eher schöne Erlebnisse in seinem bisherigen Leben gehabt. Eins davon war das Outing vor seiner damaligen Klasse im Fachabitur: „Neben mir waren noch fünf weitere Jungs in der Klasse, umzingelt von knapp 19 Mädchen. Als ich mich ans Pult gestellt habe und meiner Klasse gesagt habe, was Sache ist, hatten die Jungs in der hintersten Reihe in der Klasse ihre Plätze. Besonders bei ihnen war ich nervös, wie sie reagieren würden. Nachdem es dann raus war, haben einige interessiert Fragen gestellt und dann zeigte auch einer der Jungs auf und ich bekam richtig Herzklopfen, da ich nicht einschätzen konnte, was er sagen will. Ich habe ihn dran genommen und er schaute links und rechts zu seinen Sitznachbarn, den anderen Jungs, und meinte ‚Dir ist dann ja wohl klar, dass du hier hinten hin gehörst, oder?‘, und lächelte mich an. Damit habe ich echt nicht gerechnet und es war eine wahnsinnige Erleichterung, dass ich von den Jungs so akzeptiert wurde.“

Schwierig war für Davin lediglich die Zeit zwischen Outing und Personenstandsänderung. In seinen Papieren war er lange Zeit noch als weiblich eingetragen, auch sein neuer Name war noch nicht offiziell. Doch auch wenn er anfangs oft erklären musste, wieso in seinen Ausweispapieren ein anderes Geschlecht eingetragen war, hätten die Leute nie offensichtlich komisch oder ablehnend reagiert, erklärt er. „Ich bin mit mir selber sehr zufrieden, daher juckt es mich nicht, was andere über mich denken.“

Führt Offenheit und Aufklärung zu mehr Toleranz?


Die Studie des Change Centre von 2015 zeigt auf, dass 74 Prozent der befragten Frauen und 67 Prozent der befragten Männer der Meinung sind, dass Schülerinnen und Schüler im Schulunterricht mehr über unterschiedliche Lebensformen wie Homo-, Bi- oder Transsexualität lernen sollten. Viele Leute sind darüber hinaus der Meinung, dass eine offenere Umgangsweise mit Homo-, Bi-, und Transsexualität die Toleranz in der Gesellschaft verbessern würde. Wenn etwas immer alltäglicher werde und weniger unnormal wirke, dann würde auch die Diskriminierung weniger.

Jade S., 20 Jahre alt, aus Köln vertritt diese Meinung ebenfalls: „Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass es mir im Grunde egal ist, ob ein Mensch Mann oder Frau ist. Ich verliebe mich in den Charakter der Person, nicht in das, was sie zwischen den Beinen hat.“ Und weiter: „Ich gehe offen mit meiner Sexualität um, das heißt ich rede darüber als wäre es das normalste auf der Welt – was es ja auch ist! Das bedeutet aber auch, dass ich nie ein großartiges Outing hatte. Mein Vater hatte schon immer geahnt, dass ich nicht nur auf Typen stehe und daher war es keine Überraschung für ihn, als ich einmal mit 17 ein Mädchen mit nach Hause brachte und sie als meine Freundin vorstellte.“

Auf so viel Offenheit und Toleranz in der Familie zu treffen mache es ihr oft leichter auch gegenüber anderen Leuten sie selbst zu sein und sich nicht zu verstellen. Sie ist der Meinung, dass ihr offenes, ehrliches Auftreten und ihre Art sie bisher vor stark negativen Erlebnissen beschützt haben. Das einzige, was sie wirklich nerve, und was ihr immer wieder negativ auffalle, wäre die Tatsache, dass für viele Menschen in der heutigen Gesellschaft die Bisexualität schlichtweg nicht zu existieren scheint. „Ich werde immer wieder, je nachdem ob ich zurzeit einen Freund oder eine Freundin habe, als hetero oder lesbisch bezeichnet. Das empfinde ich zum Teil schon als Ablehnung, da ich mich dann immer so fühle, als ob die Leute mich nicht wirklich ernst nehmen.“ Mehr Aufklärung in diesem Bereich würde helfen solche Missverständnisse zu minimieren und ständige Erklärungsversuche aus der Welt zu schaffen. „Auch wenn ich nie wirklich gemobbt wurde oder so, es war oft eine komische Situation, wenn jemand mich auf meine Sexualität angesprochen hat. Ich habe mich dann oft wie ein Alien gefühlt.“

Öffentlichkeit scheinbar aufgeschlossen


Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle zum Thema „Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland“ aus dem Jahr 2016 zeigt, dass rund 81 Prozent aller Befragten der Meinung sind, dass Homo- und Bisexuelle heutzutage in Deutschland immer noch diskriminiert und/oder benachteiligt werden. Die Studie belegt ebenfalls, dass ein Großteil (64,6 Prozent) der Befragten der Meinung ist, dass die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern erlaubt sein sollte. Woher kommt also, bei so viel Zuspruch, dennoch so viel Ablehnung und Gewalt gegenüber Mitgliedern der LGBTQ+ Community? Jade und Samuel sind sich einig, dass ein Grund für die Ablehnung der Mangel an Öffentlichkeit und Aufklärung ist.

Denn auch wenn das öffentliche Darstellen der gleichgeschlechtlichen Liebe in der Theorie gern gesehen wird, so zeigt die Studie dennoch, dass rund 38 Prozent der Befragten es als unangenehm bis sehr unangenehm empfinden, wenn sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen. Auch gaben rund 41 Prozent der Befragten an, dass sie es als unangenehm beziehungsweise sehr unangenehm empfänden, wenn ihr Sohn sich als schwul outen würde, und es gaben rund 40 Prozent an, dass sie es als unangenehm bis sehr unangenehm empfänden, wenn sich ihre Tochter als lesbisch outen würde.

Ausgrenzung, Diskriminierung und Beleidigungen aufgrund der Sexualität eines Menschen sind also bis heute noch ein großes Thema in der Gesellschaft. Und auch wenn die meisten Leute sich mittlerweile darüber bewusst sind, dass an Homo-, Bi- und Transsexualität nichts Verwerfliches ist, so muss es dennoch weitere Schritte in die Richtung der Toleranz und Akzeptanz geben.

Es ist wichtig, dass zum Überwinden der Grenzen und zum Ausmerzen der Gewalt gegen Mitglieder der LGBTQ+ Community zunächst das öffentliche Image von Homo-, Bi- und Transsexualität verändert wird. Wenn mehr darüber geredet wird, es immer normaler wird und auch in den Schulen gelehrt wird, dass solche Lebensweisen nicht abnormal sind, dann wird auch die Diskriminierung gegenüber den Mitgliedern der LGBTQ+ Community weniger.

Doch nicht nur die Einstellung der Gesellschaft ist hierzu wichtig, auch die eigene Einstellung zu sich selbst trägt eine Menge dazu bei, wie man wahrgenommen wird. Oftmals ist es von weitaus höherer Bedeutung, ob die jeweilige Person offen zu sich selbst steht und mit sich selbst im Reinen ist, als das Bild, welches die Gesellschaft von der Person hat.

 

Wichtige Begriffe


Die Abkürzung LGBT steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer – also lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell und eigenartig beziehungsweise anders. Hierzu zählen im Allgemeinen alle Menschen, die sich nicht als Heterosexuell und Cisgender bezeichnen würden. Auch von der Norm abweichende sexuelle Orientierungen, wie z.B. Asexualität oder Pansexualität, zählen zur Gemeinschaft. Als Symbol für die LGBT+ Community wird die Regenbogenflagge verwendet. Jede Farbe hat eine eigene Bedeutung: Rot für Leben, Gelb für Licht, Grün für Natur, Blau für Harmonie und Lila für Geist und Spiritualität.

Cisgender bezeichnet die eigene Geschlechtsidentität und steht dafür, dass man sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert. Das direkte Gegenteil hierzu ist Transgender, bei dem das körperliche Geschlecht nicht mit dem gefühlten Geschlecht übereinstimmt.

Bisexuelle Menschen sind in der Lage, romantische Gefühle für beide Geschlechter zu empfinden. Pansexuelle Menschen hingegen beschränken sich nicht auf die Geschlechter. Sie sind in der Lage, Menschen mit jeglicher Geschlechtsidentität zu lieben. Beides bedeutet jedoch nicht, dass mehrere Personen zur gleichen Zeit geliebt werden.