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Meinung und Haltung - Food Trends Und was isst du?

Die Wahl einer Ernährungsart wird für manche zur Ersatzreligion. Paleo, Vegan, keine Histamine. An was glaubst du? Karolin Engel arbeitet in einem Café und berichtet über die neusten Food Trends und Extrawünsche der anspruchsvollen Kunden.

Keyword: Food-Trends

 

Ernährung als Ideologieersatz. Definieren wir uns selbst über unsere Essensauswahl?

Ein Geschäftsmann in teurem Jackett fragt nach kalorienarmen Kuchen, ein junges Mädchen möchte wissen, welche süße Sünde die wenigsten Weight Watchers-Punkte hat und eine Kundin am Telefon erkundigt sich nach histaminfreiem Gebäck. Bei der Arbeit in einem Café finde ich mich immer öfter in solchen Situationen wieder. Fragen beschränken sich schon lange nicht mehr auf „Haben Sie auch laktosefreie Milch?“ und „welche Kuchen sind vegan?“. Gluten und Laktose müssen seit einiger Zeit als Sündenbock für Bauchschmerzen und andere Symptome herhalten. Von vielen Tellern wurden sie bereits verbannt. Histamin scheint das neue schwarze Schaf zu sein.

Glutenfrei, vegan oder histaminfrei? Oder doch lieber Paleo und Flexi-tarier? Die Food-Trends werden immer ausgefallener und erinnern an Modetrends: Heute aktuell und morgen schon wieder out. Einmal nicht aufgepasst und man tritt direkt ins Fettnäpfchen. Also, lieber schnell googeln, was Paleo überhaupt bedeutet. Wissen Sie, was eine Histaminintoleranz ist oder was Veggan bedeutet? Da sind Sie nicht alleine. Veggan ist durch den Konsum von Pflanzenkost zusammen mit Hühnereiern das neue Vegan. Also doch kein Schreibfehler. Ob wir diese Abgrenzung brauchen, ist die nächste Frage. Anscheinend sind der Kreativität keine Grenzen mehr gesetzt. Christine Brombach, Ernährungssoziologin und Lehrende an der Zürcher Hochschule, sagt, dass das Essen zum „Ideologieersatz oder Religionsersatz wird“. Das verleiht dem Thema Ernährung einen ganz neuen Beigeschmack.

Ernährung erreicht immer größere Dimensionen, das steht außer Frage. Anscheinend dient sie auch als Aushängeschild der Persönlichkeit: Was ich esse, ist „eine Facette des Ichs“, so Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen. Mit „Paleo“ springt man ernährungstechnisch in die Steinzeit zurück. „Clean-Eating“ ist für die Gesundheitsbewussten. Flexi-tarier sind wohl noch unentschlossen. Die Motive für Ernährungsumstellungen seien auf die Möglichkeit der Selbstinszenierung, Abgrenzung, aber auch dem Wunsch nach Zugehörigkeit zurückzuführen. Wir Menschen wollen offenbar auch in Punkto Ernährung immer up to date sein.

Es scheint so, als müssten wir ab sofort einen Radar für Ernährungsweisen und Intoleranzen haben, die vielen womöglich fremder nicht sein können. Man sollte lieber nachfragen, bevor man Gäste zu sich einlädt. Ansonsten sind die peinlich berührten Gesichter vorprogrammiert. Riskieren wir damit nicht auch einen ganz neuen Arbeitsaufwand in der Küche? Wahrscheinlich. Aber wer möchte schon als intolerant gelten. Oder man verzichtet einfach auf die Einladung nach Hause und trifft sich unterwegs. Die Restaurantauswahl ist auch keine Kleinigkeit.

Man stelle sich folgende Situation vor: Das Telefon klingelt und eine Dame erkundigt sich nach histaminfreiem Kuchen. Ich war wirklich froh, dass sie nicht persönlich vor mir stand, denn man hätte mir die Verwunderung angesehen. Am Telefon habe ich mir nichts anmerken lassen, als aber auch unser Bäcker nicht wusste, was darunter zu verstehen ist, kam ich doch ins Straucheln. Ich musste mir das Lachen verkneifen und der Dame letzten Endes unsere Unwissenheit gestehen. Es stellte sich heraus, dass auch sie uns aufklären konnte. Sie rufe lediglich für eine Freundin an, für die sie etwas Süßes kaufen wollte.

Heutzutage braucht wohl jeder seine Extrawurst. Ob das gesundheitliche Gründe ethische Motive hat oder schlicht chic ist, ist unwichtig. Auf die amüsanten Situationen bei der Arbeit möchte ich jedenfalls nicht verzichten, finde ich und beiße zufrieden in meinen veganen Kuchen. Nicht glutenfrei.