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Meinung und Haltung - Social Media, cancel culture, boykott Über den Umgang mit Prominenten bei Social Media – Ein Kommentar

Dank Twitter und Co. können Fans das Leben ihrer prominenten Idole aus erster Hand verfolgen. Je privater die Einblicke, desto größer ist allerdings auch die Angriffsfläche. So auch bei Harry Potter Autorin J.K. Rowling, die einen Tweet veröffentlichte, der im Nachhinein als transphob eingestuft wurde. Wie soll man damit umgehen, wenn sich Idole falsch verhalten? Ein Kommentar von Nico Krefft.

Äußert sich ein Prominenter online zu gesellschaftskritischen Themen, kann dies verheerende negative Folgen auf seine Arbeit haben und im schlimmsten Fall einen Shitstorm auslösen. (Quelle: iStock)

Anfang Juni dieses Jahres tauchte auf Twitter eine Aussage der weltweit bekannten Autorin J.K. Rowling auf, die von Menschen innerhalb aber auch außerhalb der LGBT-Community als verletzend empfunden wurde. Sie wurde mit dem Vorwurf der Transphobie konfrontiert, da sie sich über den Begriff „menstruierende Menschen“ echauffierte und sarkastisch fragte, ob man nicht in der Vergangenheit ein einfacheres Wort – Frau – gehabt hätte. Ihre für sie selbstverständliche Gleichsetzung von Frauen und menstruierenden Menschen schließt jedoch einerseits menstruierende Personen aus, die sich nicht als Frau identifizieren und andererseits Männer, die sich als Frau fühlen, aber nicht menstruieren. Diese Aussage Rowlings sorgte unter Fans für Aufregung, es gab sogleich Petitionen, die den Boykott ihrer Bücher forderten. 

Viele Prominente mit künstlerischen Werken schaffen sich einen Personenkult und stellen sich durch eigene Social Media Auftritte in den Fokus, um im Idealfall ihre Arbeit besser vermarkten zu können. Dies hat in der Tat enorme Vorteile, so können Prominente mit ihren Fans interagieren und sie so an sich binden oder ihre neuen Schöpfungen bewerben. Schwierig wird es allerdings bei politischen Inhalten. Nicht umsonst wird Prominenten oft von ihrem Management abgeraten, sich zu diesen Themen zu äußern. Sollte eine bekannte Person aus ihrem politischen Interesse keinen Hehl machen, ist es nicht weiter verwunderlich, dass diese, wie im Fall Rowling, bei dutzenden Tweets und Retweets am Tag irgendwann ins Fettnäpfchen tritt. Die Gegenwart prominenter Personen in den omnipräsenten sozialen Medien ist also maßgeblich verantwortlich dafür, dass wir beim Konsum ihrer Werke nicht mehr nur ihr Gesicht vor Augen haben, sondern auch ihre Lebensgeschichte, ihre Interessen und eben auch ihre Ansichten, sollten sie diese preisgeben.

Künstler sind also im Zwiespalt gefangen. Sie wollen für ihre Fans erreichbar sein und sich möglichst natürlich präsentieren. Dadurch entsteht im schlimmsten Fall das Risiko, sich mit gesellschaftskritischen Aussagen unbeliebt zu machen. Gerade bei Autoren schaffen soziale Medien im Vergleich zu Interviews oder dem Klappentext im Buch ein deutlich detaillierteres und persönlicheres Bild des Autors. Man möge sich einmal vorstellen was ein J.R.R. Tolkien, eine Jane Austen oder ein Charles Dickens bei Twitter geschrieben hätte. Die zuletzt genannten Personen werden in der Literaturwelt ideologisiert, aber eben vielleicht nur weil wir relativ wenig über ihre wahren Meinungen und Weltanschauungen wissen, die sich erst herauskristallisieren würden, wenn sie, wie heute in den sozialen Medien üblich , ihren Alltag genaustens dokumentieren würden.

Gerade junge Menschen mögen durch die ethischen Entgleisungen ihrer Idole besonders betroffen sein, jedoch sind sie auch gefragt, mit besserem Beispiel voranzugehen. Denn ihnen steht noch die ganze Welt offen und sie können aktiv etwas verändern. Zusätzlich ist es ermutigend zu wissen, dass die junge Generation ihrem moralischen Kompass konsequent folgt und ihren Vorbildern nicht blind hinterherrennt, sondern ihnen bei Missfallen ihrer Aussagen und Taten selbstbewusst Contra gibt.  

Was gilt es für den Einzelnen aus dieser Debatte mitzunehmen? Nun, es ist zweifelsohne wichtig, Menschen auf ihr unsensibles Verhalten aufmerksam zu machen und Diskussionen anzustoßen, wenn man auf einen Missstand aufmerksam wird. Jedoch merkt man speziell im Fall von J.K. Rowling wie verhärtet die Fronten sind. Wenn man sich allerdings die ganzen Tweets voller Wut und Empörung durchliest und gleichzeitig daran denkt, dass wir uns alle aktuell mit einer weltweiten Pandemie herumschlagen müssen, stellt man den gesamten Streit doch sehr infrage. Hätten diese Tweets wohl genauso hohe Wellen geschlagen, wenn wir nicht durch monatelange Quarantäne und die dadurch resultierende Langeweile gereizt wären? Letztlich steht es außer Frage, dass Frau Rowlings Zeilen viele Menschen negativ überrascht und damit verletzt haben. Allerdings kann die einzelne Person vermutlich auch mit den Ansichten einer Frau außerhalb des persönlichen Umfelds und mit wenig politischen Einfluss leben, die sich mit ein paar einfachen Klicks in etwaigen sozialen Netzwerken blockieren lässt. Dass ihr Tweet in Anbetracht dieses Umstands überhaupt im Vorhinein solch eine Tragkraft innehatte, ist schon insofern verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es Rowling offensichtlich nicht nur an gesellschaftspolitischer und medizinischer Expertise mangelt, sondern, dass sie, obwohl sie „nur“ eine Buchautorin ist, für viele als eine Art moralische Autorität gilt.

Im echten Leben ignorieren und meiden wir oft Ereignisse und Haltungen, die kontrovers erscheinen, sowie Menschen, die uns verletzen. Durch den resultierenden Mangel an Aufmerksamkeit fühlen sich die Verantwortlichen zumindest nicht in ihren Ansichten bestätigt. In Anbetracht dessen ist es erstaunlich, wie viel Hass den Nutzern sozialer Medien im Internet entgegenschlägt und wie man sich über Stunden in diesen Sog der negativen Emotionen reinziehen lassen kann, wenn man nur möchte. Dass das nicht gut für den eigenen Seelenzustand ist, muss einem wohl kaum von einem zertifizierten Psychologen bestätigt werden.

Ein einfaches Abschalten der Technik und ein Fokus auf das eigene Leben schaffen hier möglicherweise Abhilfe. Auch wenn die ein oder andere Weltreise nicht stattfinden kann und Vereinsarbeit oder gar die Gründung eines eigenen Start-Ups nicht jedermanns Sache ist, so lässt sich wenigstens festhalten, dass ein Treffen mit Freunden, ein simpler Spaziergang oder ein Anruf bei den Eltern auch mal ein produktiverer Zeitvertreib sein kann, als sich stundenlang mit der Gedankenwelt von Buchautoren, Musikern oder Schauspielern zu befassen.