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Meinung und Haltung - Sexuelle Belästigung Nur die übliche Belästigung

An welchem Punkt ist die Grenze zwischen Flirtversuch und sexueller Belästigung überschritten? Diese Frage lässt sich nur individuell beantworten. Campus38 hat vier Menschen nach ihren Erfahrungen mit Anzüglichkeiten gefragt.

Was genau ist sexuelle Belästigung und was nicht? Der umgelegte Arm? Die anzügliche Bemerkung? Der schmachtende Blick? (Quelle: iStock/Anyaberkut)

Dass sich die Öffentlichkeit mehr mit dem Thema sexuelle Belästigung beschäftigt, wird auch Zeit. Aber jetzt aufzuhören, den Opfern eine Stimme zu geben und ihre Erfahrungen zu erzählen, wäre falsch. Trotz augenscheinlicher Ähnlichkeiten kann man nicht jeden Fall in einen Topf werfen. Es gibt viele unterschiedliche Situationen, in denen sich ein Mensch unwohl und belästigt fühlen kann, mit denen ein anderer gut zurechtkäme. Genau hier liegt eine der großen Gefahren der Debatte. Wir müssen versuchen, jedes Opfer und seine Geschichte(n) individuell zu betrachten, anstatt über sie zu urteilen. Vier Episoden zeigen, dass es völlig egal ist, wann und wo man mit jemandem unterwegs ist, was man anhat, wie alt man ist – ob Mann oder Frau.

Im Bus


Lilli, 25 Jahre alt: „Ich bin im Auslandssemester in Rom, es ist Sommer und kurz vor null Uhr. Ich steige mit zwei Freundinnen in den letzten Bus nach Hause, der wie immer zum Bersten voll ist. Alle stehen eng aneinander. Auf einmal sind da zwei dicke stinkende Typen um die 40. Die haben dann angefangen in einem ekligen Ton Komplimente zu machen, so was wie ‚Du bist meine Liebe‛. Dann haben wir uns mit dem Rücken zu denen gedreht, aber die sind weiter aufgerückt. Der eine hat meiner Freundin an den Arsch gegrapscht und der andere hat mich am Bauch angefasst. Ich habe mich daraufhin umgedreht und laut auf mich aufmerksam gemacht. Erst dann haben die Leute drum herum etwas gesagt. Ich hatte keine Angst, aber das war schon die unangenehmste Belästigungserfahrung. Das schlimmste ist, dass es den Männern noch nicht mal peinlich war.“

Nach der Party


Arne, 29 Jahre alt: „Ich wollte von einer Party nach Hause, aber meine Bahn fuhr erst in zwei Stunden, also habe ich mich alleine auf eine Bank vor die Garderobe im Club gesetzt. Dann kam eine betrunkene Frau dazu und ich bin aus Höflichkeit ein Stück weggerutscht. Danach folgten mehrere ‚Angriffe‛ kann man sagen. Erst ist sie immer näher gerückt, bis sich ihre und meine Beine berührten. Daraufhin bin ich weiter weggerutscht, aber irgendwann war da die Armlehne. Eigentlich muss sie das doch checken, dachte ich. Stattdessen hat sie ihre Hand auf meinen Oberschenkel gelegt und mich mit ihren Fingern gestreichelt. Die Hand habe ich weggeschlagen. Der Typ von der Garderobe gegenüber hat nur über meine hilfesuchenden Blicke gelacht. Als letztes hat sie dann ihren Kopf auf meine Schulter gelegt, den hab ich weggeschubst, bin aufgestanden und meinte, sie soll mich in Ruhe lassen. Die zwei Stunden habe ich in der Kälte am Bahnhof gewartet. Als Mann ist das etwas anderes, oft wird man nur belächelt, weil man ja meistens körperlich überlegen ist. Dann kommt auch eher die Frage: Was bist du denn für ein Mann? Als ob man alles als Angebot, anstatt als Belästigung empfinden muss.“

Auf der Straße


Bianca, 26 Jahre alt: „Ich wollte mit zwei Freundinnen ins Kino, wir hatten noch eine Viertelstunde, bevor der Film anfing, aber wir hatten ein bisschen weiter weg geparkt, also mussten wir ein Stück laufen. Auf der anderen Straßenseite kamen uns dann drei Typen Anfang 20 entgegen. Einer von denen rief: ‚Ey ihr Fotzen, ihr habt bestimmt geile Muschis!‛. Meine Mädels haben mich nur angeguckt und nichts gesagt, aber ich hab mich sofort umgedreht und meinte: ‚Pass auf, was du sagst!‛. So redet keiner mit mir, klar muss man abwägen, wann man jemanden zurück beleidigen kann. Wir gingen dann weiter und ließen die Typen stehen. Die waren total verdutzt. Einer rief dann: ‚Ey, halt deine Fresse!‛. Da meinte ich nur: ‚Halt selber deine Fresse, du hast wohl keine Erziehung genossen. Pass auf, wie du mit Frauen redest‛. Darauf kam nur weiteres Gestottere der Typen. Meine Freundinnen hatten Angst, aber ich verstehe echt nicht, wie manche Männer sich so etwas immer rausnehmen. Dann schweige ich nicht, meistens bringt das die Männer komplett aus dem Konzept.“

Auf der Arbeit


Kerem, 22 Jahre alt: „Als ich 18 war, habe ich bei einer Fastfoodkette gearbeitet und wenn viel los war, musste die Chefetage mit in der Küche helfen. In der Vergangenheit hatte meine Chefin schon öfter anzügliche Witze gemacht, die fand ich aber immer harmlos. Erst hat sie mich gefragt, wie es so mit den Frauen läuft. Das war okay, es gab nicht groß was zu erzählen. Dann hat sie mich gefragt, auf was ich denn so bei Frauen stehe. Da habe ich angefangen, mich unwohl zu fühlen. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Dass meine Chefin über zehn Jahre älter war und die Fragen in so einem seltsamen Tonfall stellte, machte die Sache nicht besser. Als letztes hat sie mich gefragt, ob ich eher laute oder leise Frauen bevorzuge. ‚Keine Ahnung‛, meinte ich dann und hab versucht, einfach weiter zu arbeiten. Sie hat dann wohl gemerkt, dass ich mich unwohl fühle, aber ich glaube bis heute, dass sie das alles mit Hintergedanken gefragt hat. So hat es sich zumindest angefühlt.“