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Meinung und Haltung - Langeweile Langeweile – ein Nachruf

„Wer rastet, der rostet“. Immer unter Strom, dauerhaft unterhalten. Langeweile Fehlanzeige. Niemand will sie. Doch warum fürchten wir uns vor der früher so vertrauten Langeweile? Was bei ihr passiert und warum man sie nicht auf die rote Liste packen sollte.

Wer nie zur Ruhe kommt, verpasst die kreative Langeweile. (Quelle: iStock)

Sie lässt sich im Alltag kaum noch erhaschen. Vielleicht im Urlaub, wenn man nur lang genug wartet. Aber nur bei ganz viel Glück und Geduld: die Langeweile. Ein Fossil der Gefühle, eingestaubt und eingetrocknet. Unser neuer Freund Smartphone sorgt für die Ausrottung. Hier die neuen News, da die neue Netflix Staffel. Aktuell bleiben. Nichts verpassen. Nie halten.

Früher schrieb man Listen gegen den natürlichen Feind Langeweile. Man wollte gewappnet sein und bloß keine Däumchen drehen. Womöglich Tropfen an Fensterscheiben folgen müssen. Die Zeit verging, die Langeweile blieb. Doch heutzutage haben wir da einen Universal-Langeweile-Schädlingsbekämpfer: Das Smartphone. Was früher die Listen waren, ist heute dieses technische Wunderwerk. Und eh ein falsches Bild entsteht, ja, Smartphones sind auch sinnvoll. Sie vereinfachen, vereinen mehrere technische Geräte in Einem. Smartphones sind per se nicht schlecht. Es geht nur um den richtigen Umgang. Es stellt sich die Frage: „Knecht oder Herrscher?“ Oft verschwimmen die Grenzen des technischen Werkzeugs zu einem Dauerunterhalter. Wer kann sich keine Minute mal mit sich selbst beschäftigen? Wer hat nicht schon mal das Pseudovibrieren gespürt (medizinisch PVS). Da stellt sich die Frage, ob man vielleicht nur Zeit totschlagen möchte. Nur vor der Langeweile flüchtet. Dem nichts zu tun haben, dem Däumchen drehen. Gar dem unproduktiv sein.

„Langeweile ist nur etwas für gelangweilte Menschen“ – oder? Dieser prägnante Satz stammt von der amerikanischen Journalistin Manoush Zomorodi aus ihrem Ted Talk über die ausgerottete Langeweile. Ted Talks sind kurze, meist wissenschaftliche Vorträge. Zomorodi weist in ihrem unter anderem auf „Aufmerksamkeitskriege“ hin. Mit Schützen wie Instagram, Facebook & Co. Nach ihr scheinen wir im Netz der Dauerunterhaltung gefangen zu sein. Wir wollen dauerhaft beschäftigt sein, fürchten uns gar vor der Langeweile. Der Ruhezustand oder „default mode“, wie er von ihr betitelt wird, gilt als Feind. Doch kommen einem nicht gerade dann die besten Ideen? Die Langeweileforscherin Dr. Sandi Mann der englischen University of Central Lancashire sorgt für Klärung. Langeweile ist die sogenannte „Suche des Gehirns nach einer Stimulation“ – etwas, das einen inspiriert. Ein negativ verankertes Gefühl, wie man überraschend feststellen muss. Dennoch kann es enorm hilfreich sein. Erst dann kann das Gehirn auf Wanderschaft gehen. In Tagträumen kreiert sich das Gehirn so seine eigene Stimulation und es entsteht Kreativität. Interessant ist zudem eine Erkenntnis aus Manns Studie. Je monotoner die erledigte Aufgabe, desto kreativer ist der Geist im Anschluss. Bei der Studie waren die Kandidaten zum Beispiel kreativer, wenn sie zuvor ein Telefonbuch nur lasen, statt abschrieben.

Aus Langeweile können nachweislich also die fabelhaftesten Ideen entstehen, wenn man sie nur mal zulassen würde. Es scheint also durchaus lohnend um den Erhalt der Langeweile zu kämpfen. Sich nicht vor dieser Rarität zu fürchten. Vielleicht sollte man doch mal wieder Däumchen drehen, während man den Tropfen am Fenster zuschaut. Handy ausschalten und Tagträume an.