Direkt zu den Inhalten springen

Meinung und Haltung - work and travel Hört endlich auf mit den hohen Erwartungen!

Ein Jahr nach Australien, Neuseeland oder Amerika. Work and Travel ist bei der Millennial-Generation schon fast ein Muss. Social Media und Selbstdarstellung treiben die Erwartung an die Reise in die Höhe. Der Hashtag ‘timeofmylife‘ ist schon vorbereitet. Doch was, wenn die Zeit im Ausland hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück bleibt?

Keyword: Work and Travel

 

Mit Auslandsjahren werden nur die guten Erinnerungen verbunden. Doch was ist wenn es alles anders ist als in den Erwartungen?

Sind wir mal ehrlich: Jeder von uns kennt mindestens eine Person, die sich nach der Schule dazu entschieden hat, ein Jahr ins Ausland zu gehen. Und von dieser Person hat man ein bestimmtes Bild im Kopf. Besagte Person geht für einen „Work&Travel“ Aufenthalt nach Neuseeland oder Australien und posiert dort zu allererst einmal mit 3 Kiwis in der Hand, um auf Instagram zu zeigen, dass man „geworkt“ hat. Der restliche Feed ist selbstverständlich geflutet von traumhaften Landschaften und man wird Zeuge all der schönen Erlebnisse der Person, die natürlich immer gebräunt und bestens gelaunt im Mittelpunkt der Fotos steht, Stichwort Geltungsdrang.

„Das wird die Zeit deines Lebens!“ Diesen Satz hörte ich damals von allen Seiten, als es auch mich nach Neuseeland zog. Zugegeben, auch ich war geblendet von all den schönen Fotos und Beiträgen auf Instagram und den Berichten anderer, die einem mit leuchtenden Augen von ihren Erlebnissen berichteten. Und auch das Internet ist gepflastert mit positiven Beiträgen über die Erfahrungen im Ausland und Foren, wie zum Beispiel auslandsjob.de, bieten hierfür eine große Plattform.

Also wagte auch ich mich in das Abenteuer Ausland, so wie mit mir im Jahr 2017 ca. 15.000 andere Deutsche. Was dann folgten, waren acht äußerst prägende Monate. Immer wieder fragte ich mich, was ich eigentlich mit meiner Reise bezwecken wollte. Wo waren all die lockeren Menschen, die man angeblich so leicht kennen lernte und wo die unvergesslichen Erlebnisse, die einem praktisch vor die Füße fallen sollten? Was ich zu bieten hatte waren Geldsorgen, schlechte Arbeitsbedingungen und immer wieder große Zweifel. Doch damit stand ich alleine da. Kam man auf einem der verlassenen und teilweise wirklich gruseligen Campingplätze doch mal in ein vernünftiges Gespräch mit anderen Reisenden, so war immer alles grandios und nichts, aber auch gar nichts war negativ und schief lief sowieso nichts. Äußerte ich meine Zweifel bei Freunden oder der Familie, traf ich meistens auf ein regelrechtes Unverständnis. „Wieso, bei anderen läuft doch auch alles gut?“ Das war nur eine der Antworten die ich von zuhause bekam. Mir ist bewusst, dass jeder es nur gut mit mir meinte und man vieles auch einfach nicht nachvollziehen kann, wenn man nicht gerade neben mir in Neuseeland gesessen hat. Außerdem war es zu Zeiten unserer Eltern weder üblich noch wirklich möglich, sich nach der Schule ein Jahr lang eine „Auszeit“ zu nehmen und deswegen entnehme ich den Aussagen meiner Familie auch eine Spur Wehmut.

 „Du wolltest das doch so.“ Auch mit dieser Aussage wurde man oft konfrontiert, obwohl sie eher kontraproduktiv ist. Sicher hat man sich den Aufenthalt ausgesucht und hätte sich über eventuelle negative Seiten im Klaren sein müssen. Aber diesen Satz einer Person vorhalten, die sich in der Klemme befindet, ist alles andere als hilfreich. Und ich habe mir definitiv nicht ausgesucht, von meinen eigenen Erwartungen nahezu erdrückt zu werden, von denen von außerhalb braucht man gar nicht anfangen.

„Es war nicht DIE Zeit, es war eine Zeit meines Lebens.“ So beschreibt auch Alicia ihr Auslandsjahr. Sie war nach dem Abitur für ein Jahr in Ecuador in einem Freiwilligenprojekt tätig. Durch das eher ungewöhnliche Land hatte sie zwar nicht mit den üblichen Vorurteilen zu kämpfen, dafür aber auch mit schlechten Zeiten, erzählte sie mir. Darüber reden konnte sie nur mit Leuten, die ihr wirklich nahestehen und die ihre Probleme nicht mit einem einfachen „Schwamm drüber“ abtaten.

Daraufhin schließend möchte ich euch bitten, mich nicht falsch zu verstehen. Ich möchte mein Auslandsjahr weder schlecht machen noch jemanden von dieser Erfahrung abraten. Warum ich trotzdem über die negative Seite schreibe? Weil ich finde, dass es an Zeit ist, mit den hohen Erwartungen aufzuräumen und Klartext zu reden. Auch ich habe letztlich tolle Leute kennen gelernt und wunderschöne Erlebnisse miterleben dürfen. Schließlich legen nicht umsonst immer mehr Schulabsolventen eine Art Orientierungsphase nach der Schule ein und verbringen diese im Ausland. Wenn man die Möglichkeit hat und man neugierig auf die Welt ist, sollte man die Chance auf jeden Fall nutzen. Jede Erfahrung ist individuell aber wenn wir einmal ehrlich zu uns selbst sind, kennt jeder diese kleinen oder großen Momente des Zweifelns. Also bitte, wenn euch jemand nach euren Auslandserfahrungen fragt, dann erzählt auch die negativen Sachen, irgendetwas fällt euch bestimmt ein. Über so eine ehrliche Meinung wäre ich zumindest sehr dankbar gewesen.