Direkt zu den Inhalten springen

Meinung und Haltung - Gehörlose, Inklusion, Gebärdensprache Hör mal zu

Inklusion ist ein wichtiges Thema in Deutschland. Alle diskutieren über die Teilhabe von Behinderten am öffentlichen Leben. Aber keiner spricht mit Gehörlosen. Warum? Weil kaum einer die Gebärdensprache spricht. Sind Gehörlose etwa Behinderte zweiter Klasse?

Inklusion wird hierzulande großgeschrieben, doch in vielen Bereichen sind Gehörlose noch immer benachteiligt. (Quelle: Alicia Klawitter)

„Information zu RE4 nach Bremen Hauptbahnhof über Delmenhorst: Abfahrt 16:15 Uhr. Heute abweichend auf Gleis 9.“ Schrill dröhnt die Durchsage durch die Lautsprecher am Bahnsteig in Hamburg. Zischend öffnen sich Zugtüren, die Rollen von Koffern hallen vom Pflaster des Bahnsteigs, Menschen unterhalten sich. Hektisch brechen die Fahrgäste auf, um das Gleis zu wechseln, ein kleines Kind weint.

Eine Geräuschkulisse, die die meisten von uns kennen. Für ca. 80.000 Gehörlose und 16 Millionen Schwerhörige in Deutschland sind diese Eindrücke jedoch nicht alltäglich. Sie müssen bei der Wahrnehmung ihrer Umwelt auf ihren Gehörsinn verzichten. Aber was bedeutet dieser Verzicht in ihrem Leben? Wie kompensieren sie selbst die fehlenden Geräuschinformationen und wie unterstützen hier inklusive Maßnahmen?

Führt man ein Leben ohne Gehör, muss man sich auf seine anderen Sinne verlassen. Zum Beispiel auf das, was man sieht. Untertitel, Anzeigetafeln, Schilder und andere visuelle Informationen ermöglichen Hörgeschädigten die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Inklusion soll sie in die Gesellschaft integrieren, aber dennoch haben sie noch immer nicht dieselben Chancen und Möglichkeiten wie Hörende.

Das liegt zum einen an den Kommunikationsbarrieren. Unsere Umwelt ist auf die Nutzung all unserer Sinne ausgerichtet. Zwischenmenschliche Verständigung findet in der Regel für uns nach dem ersten Axiom Watzlawicks, der ersten Grundregel der Kommunikation, statt: „Man kann nicht nicht kommunizieren“.

Hörgeschädigte Menschen verständigen sich untereinander über die Gebärden-, also Zeichensprache. Die wenigsten Hörenden beherrschen diese jedoch. Hat also ein gehörloser Mensch kein Recht auf Kommunikation mit Hörenden?

Von allen Menschen mit Behinderung scheinen Gehörlose kaum Vertreter ihrer Interessen in der Politik und anderer Institutionen in der Öffentlichkeit zu haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass an unseren Schulen Fremdsprachen aller Nationen unterrichtet werden? In grenznahen Gebieten Niedersachsens wird vielfach Niederländisch gelehrt, in Schleswig-Holstein Dänisch, im Saarland Französisch bereits in der Hauptschule unterrichtet.

Die universelle Sprache der Gehörlosen fristet jedoch ein Schattendasein, wird allenfalls in Behinderteneinrichtungen für Hörgeschädigte oder Volkshochschule gegen Teilnahmegebühr in Seminarform angeboten und hier in der Regel nur durch Angehörige von Gehörlosen, ehrenamtlich Tätige, pädagogisches Fachpersonal und Interessierte, die privat oder an ihrem Arbeitsplatz mit Gehörlosen oder hochgradig Schwerhörigen zu tun haben, erlernt.

Leider hat es die Gebärdensprache nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit in unsere Schulen als Pflichtfach für alle Kinder geschafft. In unseren Medien wird lediglich die Tagesschau auf Phönix oder die 3Sat-Version der „Heute-Sendung“ durch einen Gebärdendolmetscher unterstützt.

Wenn heute über Inklusion im Alltag geredet wird, sehen wir Rampen an Treppen und Aufgängen, erleichtern Aufzüge in Museen und an Rathäusern Gehbehinderten den Zugang, unterlegen Lautsprecher in Fußgängerampeln die Rotphasen mit einer Geräuschkulisse.

Gehörlose sind zumeist auf die Standardbeschilderung im Straßenverkehr angewiesen und müssen immer Stift und Papier bei sich führen, um die Kassiererin im Modehaus nach einer Umtauschmöglichkeit zu fragen.

Es ist zu erwarten, dass das Schicksal der Gehörlosen wohl erst dann die ihr gebührende Aufmerksamkeit erhält, wenn nicht nur ein Minister im Rollstuhl sitzt, sondern neben der Regierungsbank auch Gebärdendolmetscher die Rede eines Abgeordneten in Richtung des Sitzungspräsidenten und der anderen Abgeordneten übersetzen und die Erstklässler in der Schule von der Klassenlehrerin gleichzeitig in Gebärdensprache begrüßt werden. Das wäre ein erster bedeutender Schritt für echte Teilhabe, von Inklusion der Gehörlosen an unseren Alltag.


Comments (0)

No comments found!

Write new comment