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Meinung und Haltung - Ehrenamt, Hilfe Hilfe aus Leidenschaft

Einander helfen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ehrenamtliches Engagement ist in vielen Bereichen unerlässlich – ob im Sport, in der Pflege oder der Tafel. Zwischenmenschliche Hingabe hat viele Gesichter, besonders vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft.

Eine Art der Ausübung des Ehrenamtes - die Hausaufgaben-Hilfe (Quelle: Finn Bodner)

Ohne gemeinnützige Einrichtungen entstehen schnell Versorgungslücken. Viele unterstützen Geflüchtete, leiten Vereine, löschen Brände oder helfen Kindern und Senioren, um nur einige Beispiele für ehrenamtliches Engagement zu nennen, von denen es noch viele weitere gibt. Diese Soziale Arbeit verbessert und unterstützt das Leben einzelner, aber auch Gruppengemeinschaften entstehen durch ehrenamtliche Tätigkeiten.

Dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat zufolge sind es 31 Millionen Menschen über 14 Jahren, die sich ehrenamtlich engagieren. Folglich gehen circa 43,6 Prozent der Wohnbevölkerung Deutschlands einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach. Damit steht fest, dass der Trend zum Ehrenamt geht und immer mehr Menschen sich für die Gesellschaft engagieren. Denn in den vergangenen 15 Jahren sei der Anteil Engagierter, laut dem Deutschen Freiwilligensurveys, um knapp zehn Prozentpunkte von 34 auf 43,6 Prozent angestiegen. Die Bereiche, in denen sich die meisten Menschen engagieren seien Sport, Schule und Kindergarten, Kultur und Musik und der soziale Bereich. Allerdings täuschen diese Zahlen. Laut dem Deutschen Bundes Jungendrings stagnieren die Zahlen des ehrenamtlichen Engagements junger Menschen, während das Engagement in älteren Altersgruppen wächst.

Tätig im sozialen Bereichs ist auch Karla Feldmann aus Gifhorn. Seit drei Jahren arbeitet sie ehrenamtlich bei der Hospizarbeit Gifhorn e.V., durchschnittlich drei bis vier Stunden in der Woche. Frau Feldmann und ihre Kolleginnen und Kollegen begleiten Erwachsene in ihrem letzten Lebensabschnitt. Außerdem begleiten sie Kinder mit tödlichen oder lebensverkürzenden Krankheiten. „Es war mir schon immer wichtig, mich sozial einzubinden, denn ich möchte meine Zeit sinnvoll nutzen und die Arbeit macht mir Spaß, auch wenn es oft nicht einfach ist“, so Feldmann. Doch auch bei der Hospizarbeit Gifhorn e.V. liegt der Durchschnitt der Ehrenamtlichen Helfer über 60 Jahren. Daher ist es eine Herausforderung des Vereins, neben der Unterstützung, auch junge Menschen für ehrenamtliches Engagement zu begeistern.

Gerade in Zeiten einer alternden Gesellschaft, in der immer weniger junge Menschen immer mehr Alte versorgen müssen, ist es besonders wichtig, die Bevölkerung zum freiwilligen Engagement zu motivieren. Möglichst viele Menschen müssen dafür gewonnen werden, gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen. Dies dachte sich auch Karla Feldmann, die während ihrer Ausbildung zur Kinderbegleiterin, aufgrund einer Buchvorstellung, auf Trauertattoos aufmerksam wurde. Tattoos, die sich Angehörige zu Ehren ihrer Verluste stechen. Inspiriert von der Idee, machte sie sich über Facebook auf die Suche nach Menschen mit Trauertattoos. So entstand der Gedanke einer Trauertattoo-Ausstellung, mit Portraits und Geschichten von elf Tätowierten. Das Hauptziel der Ausstellung sei es, den Menschen bei der Trauerbewältigung zu helfen, aber auch junge Menschen zur Ausstellung zu locken und für ehrenamtliches Engagement zu motivieren. Vom 08. bis zum 11. Februar 2020 kann die Ausstellung im Gifhorner Mehrgenerationshaus besucht werden, an der die Besucher sich auch von professionellen Tätowierern ein Tattoo stechen lassen können.  

Die Motivation und Beweggründe für ehrenamtliche Tätigkeiten sind bei jedem Menschen individuell. Allerdings unterscheidet sich mit dem Alter auch die Motivation. Zwar ist der Faktor „Spaß“ für Junge wie für Alte die wichtigste Motivation. Ältere wünschen sich aber vor allem Kontakt zu anderen, während es für Jüngere mehr um Qualifikationen und berufliches Vorankommen gehe. Auch die Art des Ehrenamts ändert sich. Neue Lebensmodelle und Wertvorstellungen sowie steigende Mobilität sorgen dafür, dass Sparten wie die Feuerwehren mit Problemen kämpfen. Während etwa Fördervereine im Kulturbereich oder begrenzte Entwicklungsprojekte wachsenden Zuspruch erführen, sagt Holger Krimmer, ein Autor der ZiviZ, einer repräsentativen Befragung der organisierten Zivilgesellschaft in Zahlen. Denn immer mehr junge Menschen engagieren sich online und auf sozialen Plattformen.

Grund dafür, kann auch die Tatsache sein, dass ehrenamtliches Engagement auf digitalen Plattformen bequemer ist als in der „realen Welt“. Denn vor dem Smartphone oder dem Computer kommt es nur selten zu unangenehmen- oder Stresssituationen. Diesen Trend sieht auch Stefan Selke, Professor für Soziologie an der Hochschule Furtwangen bei ehrenamtlichen Helfern der Tafeln: „Wir beobachten immer wieder, dass freiwillige Helfer zunehmend überfordert sind. Sie geben nicht mehr nur Lebensmittel aus, sondern sollen auch Sozioberatung liefern.“

Auf der Suche nach jüngeren Mitgliedern und ehrenamtlichen Helfern ist auch der Wolfsburger Unterstützerkreis. Eine Organisation, die sich im Jahre 2015 entwickelt hat, nachdem die Wolfsburger Behörden mit der Verpflegung, Unterbringung und Betreuung der Geflüchteten überfordert war. Hans Ketscher, ein Mitglied des Unterstützerkreises ist Teil der Hausaufgaben-Hilfe. Hier werden jeden Montag, Dienstag und Donnerstag Geflüchtete Schüler von der Grundschule bis zur Oberstufe unterrichtet.

Anfangs waren viele der Geflüchteten junge Männer. Diese sind vor allem über Fußball und Sport ansprechbar. Daher entstand die Idee einer Fußball-AG. Der Unterstützerkreis vereinbarte mit dem örtlichen Fußballverein Trainingszeiten und ermöglicht somit Fußballtraining für bis zu 40 jungen Fußballern aus vielen verschiedenen Ländern. Dadurch entstand die Möglichkeit, Spieler in Vereine zu vermitteln, sodass diese am richtigen Punktspielbetrieb teilnehmen können und in die deutsche Gesellschaft integriert werden.

Ein weiteres Projekt des Unterstützerkreises ist die Nähgruppe, um auch Freizeitaktivitäten für Frauen zu bieten. Dafür wurden Räumlichkeiten organisiert und Einführungsstunden an der Nähmaschine angeboten. Dadurch können Frauen Kleidungen aus den Kleiderkammern anpassen, kürzen oder ändern. Außerdem werden Einrichtungsgegenstände wie Kissen, Decken oder Gardinen genäht, an denen es teilweise mangelt. Durch Stoffspenden entstand auch die Möglichkeit, Gemüsebeutel, Taschen und Tüten zu nähen. Neben dem persönlichen Gebrauch werden diese auf dem Wochenmarkt veräußert, um finanzielle Mittel für weitere Unterstützungen zu sammeln.

Um die Projekte wie die Hospizarbeit, die Nähgruppe oder die Hausaufgaben-Hilfe aufrecht zu erhalten, bedarf es auf lange Sicht gesehen die Unterstützung der jüngeren Generation. Die Gesellschaft wird immer älter, daher wird es in Zukunft unabdingbar sein, dass die Menschen sich ehrenamtlich engagieren. Vielen Menschen kann mit einem geringen Arbeitsaufwand von ein bis zwei Stunden pro Woche schon große Hilfe geboten werden. Daher sollte jeder überdenken, ob nicht doch noch Zeit für gesellschaftliches Engagement vorhanden ist. Denn wer weiß, ob dieses im hohen Alter nicht selbst in Anspruch genommen werden muss.