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Meinung und Haltung - Weihnachten Der einzige Gottesdienst, der zählt.

"Halleluja liebe Gemeinde, schön dass sie einmal im Jahr wieder vorbeigeschaut haben“. Der jährliche Gang zum Gottesdienst. Er gehört zu Weihnachten, wie das Amen in der Kirche. Doch geht das jedem so? Und wer von den Kirchgängern ist nur an diesem 24. Dezember „auf einmal“ Christ? Eine Kolumne von Paulina Schneider

Paulina Schneider bezieht Stellung als „Allwetter-Christin" (Quelle: iStock)

Schönwetter-Christen gegen das schlechte Gewissen

Mal ehrlich. Sieht man sich mal in der Heiligen Messe um: Wie viele Gesichter sieht man davon die restlichen 364 Tage im Jahr? Jaja, die „Schönwetter-Christen“.  Zu Weihnachten in den Gottesdienst, weil man es halt so macht. Gegen das schlechte Gewissen, nicht wahr? Oder doch, um den Fragen und Blicken zu entgehen: „WAS? Du gehst heute Abend nicht in die Kirche?“ Ein weihnachtlicher Skandal. Das friedvolle Familienfest dahin, wie die schwarzverkohlte Weihnachtsgans. Ich muss enttäuschen, meine Familie ist in diesen Dingen anders. Die männliche Seite meiner Familie boykottiert den Kirchgang, seit mein Bruder die „Irrelevanz“ erklärt hat.

Ich gehe mit meiner Mutter und meiner Oma. Und zwar gerne und voller Überzeugung. Denn ich bin Christin. Das ganze Jahr über. Mache ich deswegen meinem Bruder oder meinem Vater einen Vorwurf? Wohl kaum! Jeder kann und sollte selbst wissen, ob er sich Heiligabend für Predigt oder Sofa entscheidet.

Ist Kirchgang gleich Glaube?

Ich finde es arrogant und überheblich Leute zum Glauben zu zwingen. Ich mache auch meiner Mutter und meiner Oma keinen Vorwurf, die mir überwiegend aufgrund der Stimmung in die Kirche folgen. Dort, wo wenig später alle mit feuchten Augen Stille Nacht schmettern werden. Sie im Kerzenschein der ersten Predigt des Jahres zuhören. Es ist völlig okay für mich. Es ist absurd, dass manche Menschen meinen, die Kirche für sich gepachtet zu haben. Es heißt, jene „Eintagsgläubigen“ würden nur die Stimmung schmarotzen. Scheinheiligkeit und Heuchlerei schallt es. Entschuldigung, bitte was? Als wäre die Kirche ein exklusiver Golfclub: „Sorry, Eintritt nur mit Ausweis. Kreuzkette vergessen? Na, dann musst du wohl draußen bleiben.“ Kirche steht für offene Türen, für Jedermann. Sei er gläubig oder nicht, das erste Mal im Jahr in der Kirche oder das 50. Mal. Das ist kein Wettbewerb und Glaube zeigt sich nicht am Kirchbesuch. Glaube ist so individuell wie die Deko am Tannenbaum. Keiner ist dabei ein besserer oder schlechterer Christ. In gewisser Weise ist jeder Christ ein Schönwetter-Christ. Ich meine, hat wirklich jeder Christ auch die Bibel gelesen. Ich bin ehrlich- ich nicht! Trotzdem sage ich, ich bin Christin. Denn das entscheide ich. Nur ich.

Stresskiller Weihnachtsgottesdienst

Abgesehen von dieser „Christ oder nicht Christ“ - Diskussion. Ein Gottesdienst strahlt Ruhe aus. Niemand hetzt durch Einkaufsstraßen. Niemand fegt in Schürze panisch durch die Küche. Alles sitzt besinnlich da. Kein Smartphone, das losheult. Keiner postet sekündlich seine Laune. Herrlich! Ein Stresskiller in der rasanten Weihnachtszeit. Auch die Predigt, bringt einen wieder auf den Boden zurück. Im Christentum, wie im Leben. Dieses Konsumlaufrad der heutigen Zeit, der Geschenkemarathon. Was zählt wirklich? Am 24. bekomme ich das aufgezeigt, was ich doch 364 Tage im Jahr vergesse: Das Leben macht mir täglich Geschenke: Gesundheit, Familie, Freundschaft, Liebe. So simpel und doch so schnell vergessen.

Am Ende frage ich mich, Christin hin oder her: Warum, um Gottes Willen, sollte man dies Alles nicht mit Jedem teilen wollen? Lebensweisheiten, die Jeder gebrauchen kann. Eine Kerzenstimmung, die Jedem eine Gänsehaut bereitet. Ganz egal ob Schönwetter-Christ oder 365-Tage Gläubiger. Weihnachten ist heutzutage umso mehr eine Zeit zum Zusammenrücken und Teilen. Eine Zeit für offene Grenzen, auch in der Kirche. So werde ich dieses Weihnachten wieder in die Kirche gehen. Mit Mutter und Oma im Gepäck. Neben mir ein Schönwetter-Christ oder nicht. Da pfeif ich drauf. Denn gibt es nicht weitaus wichtigere Dinge?