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Meinung und Haltung - Weihnachten Bittersüße Weihnachten

Die schönste Zeit des Jahres steht wieder vor der Tür. Der jährliche Wahnsinn und Geschenkestress beginnt von Neuem. Paulina Schneider mit einer Kolumne über den Konsumzwang zu Weihnachten.

Jedes Jahr hetzten wir uns wieder durch die Geschäfte. Ist das wirklich weihnachtlich?

Das erste Türchen vom Schokoadventskalender wird gierig vor Spannung aufgerissen und vor Schreck erkennt man die Zahlen. Nur noch 24 Stück! Noch nicht bemerkt? Na, spätestens bei der ersten Adventskerze oder wenn das erste Mal „Last Christmas“ durch das Radio schmettert, sollten Alarmglocken läuten: Weihnachten naht! Und damit beginnt der jährliche Wahnsinn, der Geschenkemarathon, das Um-Gottes-Willen-was-schenk-ich-bloß Spiel wie jedes Jahr von vorn.

Natürlich ist man dank der Supermärkte seit Ende der Bikinizeit schon ausgestattet von Lebkuchen bis Baumkuchen. Schon sieht man es kommen - mit einem freudigen und einem vor Stress zuckendem Auge: Weihnachten. Die schönste Zeit des Jahres, nicht wahr? Weihnachtsmärkte mit süßriechenden gebrannten Mandeln und alles an kandiertem Obst, was man sich nur erträumen mag. Und dann noch diese besinnliche Stimmung überall. Grandios! Man möge glatt wieder an den Weltfrieden glauben. Ironie? Nun, vielleicht mag es daran liegen, dass sich auf den Straßen und in den Geschäften so manch anderes Bild zu dieser Jahreszeit bietet. Massen an Menschen stehen vor Glühweinständen an. Leute drängen sich durch die Läden, um entweder nie entwirrbare Lichterketten zu kaufen oder bereits die ersten Geschenke von der scheinbar jedes Jahr länger werdenden Liste abzuarbeiten. Es wirft die Frage auf, was bedeutet das heute eigentlich noch: Weihnachten. Ein so großes Wort, vollgestopft wie eine Weihnachtsgans mit Emotionen und Erwartungen. Mit einer so eingestaubten Geschichte, dass sie scheinbar in vielen Köpfen schon in Vergessenheit geraten ist. Selbstverständlich ist es heutzutage keine Schande mehr, Heiligabend nicht für den kleinen Jesus zu feiern. Wir sind eine moderne Gesellschaft geworden und dass die Anzahl von Kirchenmitgliedern zurückgeht, ist sicherlich nichts Neues. Nein, darum geht es mir nicht. Ich finde es durchaus legitim zu sagen, Weihnachten sei eher das Fest der Familie, der Liebe. Jedoch finde ich es wichtig, dass die Weihnachtsgeschichte nicht in vollkommene Vergessenheit abrutscht. Schließlich sollte man meines Erachtens schon wissen, was an diesem Tag denn so besonders ist, als an den 355 anderen Tagen im Jahr. Gewohnheit ist hier wohl das Stichwort.

Man feiert Weihnachten aus Gewohnheit und, ja klar, das mag für so manchen etwas Beruhigendes, Standhaftes haben. Aber man sollte auch mal hinter die Kulissen des großen Weihnachtskults schauen und sein eigenes Handeln hinterfragen. Oder wissen Sie warum man denn eigentlich einen geschmückten Tannenbaum in das Wohnzimmer stellt? Hätten Sie beim Anblick ihres neuen Nadelfreundes gewusst, dass er früher für Hoffnung auf neues Leben in der kalten und dunklen Jahreszeit stand oder für Gesundheit? Gehen wir weiter zu etwas viel Banalerem: Weihnachtslieder! Man mag kaum glauben, dass Weihnachtslieder ursprünglich von Priestern im Mittelalter eingeführt wurden, um die Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst zu unterstützen.

Haben Sie sich ertappt gefühlt? Man erkennt wohl, wie viele dieser Bräuche und Tätigkeiten nur aus Gewohnheit und gesellschaftlichen Druck heraus praktiziert werden. Denkt man mal übers Ausbrechen nach, kommt es einem absurd vor. Mal nichts schenken, so wie man es sich jedes Mal gemeinsam vornimmt? Was wenn der andere kneift? Unvorstellbar, was ein weihnachtlicher Skandal. Und so traut man sich nicht die festgesetzten Dinge zu hinterfragen, läuft weiter mit im riesigen Konsumstrom und kauft und kauft sich durch, bis die Kreditkarte glüht. Was bringt der Druck und Stress, wenn Augen auch leuchten, wenn nicht Xbox oder das teuerste Parfüm dastehen, sondern Sie einfach mal Zeit mit einander verbringen.

Ich finde es wichtig in dieser stark konsumgeprägten Zeit sich vom Kaufdruck und Geschenkewahn auf die Dinge zu besinnen, die Weihnachten meines Erachtens ausmachen sollten. Dazu zählt, besonderen Menschen in seinem Leben eine Freude zu machen. Weil man es will, nicht weil man es muss. Zu geben, statt zu nehmen. Weil diese Menschen einem wichtig sind. Weil ohne sie das restliche Jahr weniger weihnachtlich wäre. Da Zeit das kostbarste Geschenk ist, das es zu schenken gibt. Das ganze Jahr über schwimmen wir im Alltagsstrom mit, da sollten wir wenigstens zu dieser einen Zeit unsere riesigen Erwartungen an das Leben mal Pause machen lassen und ganz einfach und schlicht Weihnachten feiern. So entspannt, glücklich und ohne Pflichten, wie es geht. In diesem Sinne, hoffentlich mal wirklich frohe(!) und besinnliche Weihnachten.