Direkt zu den Inhalten springen

Meinung und Haltung - Gender Pay Gap 2235 – Jahr der Gerechtigkeit

Frauen und Männer haben noch immer nicht die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das zeigt sich vor allem an der nur langsam schrumpfenden Gehaltslücke. Beim aktuellen Angleichungstempo wird die Gleichberechtigung in 216 Jahren erreicht.

Demonstration zum Internationalen Frauentag 2016 in Freiburg (Quelle: Jannis Große)

21 Prozent ist die Zahl, die die halbe Republik wütend macht. 21 Prozent, die Frauen von ihrem Gehalt fehlen. Dieser Wert des statistischen Bundesamtes spiegelt die harte Realität in Deutschland wider und trägt sogar einen eigenen Namen: Gender Pay Gap. Mit diesem Begriff wird der prozentuale Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern beschrieben. Kurzum: Frauen verdienen weniger als Männer! Daran und an den 21 Prozent hat sich seit Jahren kaum etwas geändert. Vielen in Deutschland ist dieses Ungleichgewicht gar nicht bewusst, es herrscht überwiegend das Bild von gleichem Gehalt für gleiche Arbeit.

Der Grund dafür ist vermutlich, dass sonst so fortschrittliche Bild der Bundesrepublik. Immerhin hat Deutschland im Social Progress Index 2017, eine Studie, die anhand verschiedener Faktoren den Fortschritt von Ländern berechnet, Platz 13 von 128 erreichen können. Um dieses Bild zu untermauern, legen wir sogar den wichtigsten Chefposten der Bundesrepublik, nämlich den der Bundeskanzlerin, in die vertrauensvollen Hände einer Frau. Eine Frau an der Spitze der Politik eines Landes vermittelt unweigerlich den Eindruck von Chancengleichheit und Gleichberechtigung.  Erwähnenswert ist dabei, dass es Deutschland laut Gender-Gap-Report im Jahr 2017 nur auf den zwölften Platz des weltweiten Rankings in Sachen allgemeiner Gleichstellung der Geschlechter geschafft hat. Vor uns liegen Länder wie Ruanda, Nicaragua oder Schweden. Aber das nur am Rande.

Aus 21 mach‘ 7 Prozent

Sprechen wir jetzt davon, dass Frauen am Ende eines anstrengenden Arbeitstages, laut statistischem Bundesamt, mit einem durchschnittlichen Bruttostundenlohn von 16,59 Euro und ihre männlichen Kollegen mit 21 Euro in der Tasche ihren Arbeitsplatz verlassen, wird man schnell auf kritische Stimmen treffen. Denn bei dieser Differenz beziehungsweise bei diesem Unterschied von 21 Prozent handelt es sich „nur“, um den sogenannten unbereinigten Gender Pay Gap. Das bedeutet, dass die absoluten Bruttostundenverdienste ins Verhältnis zueinander gestellt werden. Dabei werden Faktoren mitberücksichtigt, die als ursächlich für den Gender Pay Gap betrachtet werden und denen hier später noch genauer Aufmerksamkeit geschenkt wird. Bei dieser Berechnung werden alle Beschäftigungsverhältnisse fast aller Wirtschaftsbereiche mit einer Mindestunternehmensgröße von zehn Beschäftigten, miteinbezogen. Die wenigen ausgeschlossenen Wirtschaftsbereiche sind zum Beispiel Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und private Haushalte mit Hauspersonal.

Bereinigt man nun diese 21 Prozent, bleiben laut Kritikern lediglich sieben Prozent über. Das Wort lediglich müsste hier fairerweise durch immer noch ersetzt werden. Bereinigt bedeutet in diesem Fall, dass alle Faktoren, die den Gehaltsunterschied beeinflussen, aus der Berechnung herausgerechnet werden. Das sind Faktoren, wie Teilzeitanstellungen, die Berufswahl an sich oder Führungspositionen. Dabei fällt zuerst auf, dass Frauen bezüglich dieser Faktoren offensichtlich benachteiligt sind und schwerer Zugangschancen in bestimmten Bereichen oder zu bestimmten Positionen haben. Ansonsten gäbe es schließlich keinen Grund diese aus der Berechnung zu nehmen. Diese herausgerechneten Faktoren erklären immerhin drei Viertel des Gehaltsunterschieds. Das restliche verantwortliche Viertel ist ungeklärt. Der bereinigte Gender Pay Gap übermittelt folglich eine höchst dramatische Tatsache. Paula verdient damit nämlich bei gleicher Qualifikation und Anstellung nachweisbar sieben Prozent weniger, als wenn sie Paul hieße.

Weg in die Altersarmut

Besondere Aufmerksamkeit sollte dennoch dem unbereinigten Gender Pay Gap zukommen. Eben genau deshalb, weil er mit den berücksichtigten Faktoren genau diejenigen miteinschließt, die ebenfalls das Ergebnis benachteiligter Strukturen sind. Einer der wichtigen Faktoren dabei ist, dass Frauen sehr viel häufiger in Teilzeitanstellung oder auf geringfügiger Basis beschäftigt sind. Von drei ausschließlich geringfügig angestellten Personen in Deutschland sind zwei Frauen, weisen die Nürnberger Arbeitsstatistiker aus. Und das, obwohl annähernd gleich viele Frauen und Männer in Deutschland berufstätig sind. Als Grund hierfür, führt das Demographieportal für Bund und Länder, die persönlichen und familiären Verpflichtungen der Frau an. Viele Frauen werden dieser Tatsache wahrscheinlich bedenkenlos zustimmen können.

Das Dilemma zwischen Familie und Job ist für Frauen deutlich stärker als für Männer. Traditionell werden familienbezogene Aufgaben immer noch häufiger von Frauen wahrgenommen, was wiederum dazu führt, dass die Berufstätigkeit eingeschränkt ist. Folgende Daten des statistischen Bundesamtes könnte man schon fast als Funfact bezeichnen, wenn es hier nicht um eine ernste Sache ginge: Je niedriger der Bildungsstand einer Frau ist, desto eher geht sie einer Teilzeitbeschäftigung nach. Sehr viel schwächer ausgeprägt ist dieser Zusammenhang bei Männern. Und um noch einen darauf zu setzen, arbeiten vergleichsweise viele männliche Akademiker in Teilzeit.

Im Schnitt 418 Euro weniger Rente

Einer der schwerwiegendsten Folgen für Frauen, die in Teilzeit oder auf geringfügiger Basis arbeiten, ist, dass sie dadurch deutlich weniger in die Sozialversicherungen einzahlen können. Der Gender Pay Gap stärkt somit nicht nur die Abhängigkeit der Frauen von ihren Ehemännern und vertieft die patriarchischen Strukturen unseres Landes, sondern bereitet den Weg zu einer Rentenlücke beziehungsweise einer weiblichen Altersarmut. Nach Angaben des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans Böckler Stiftung in Düsseldorf, bekommen Rentnerinnen schon heute im Schnitt 418 Euro weniger als Rentner.

Ein weiterer Grund für den klaffenden Spalt zwischen den Gehältern, ist die Berufswahl, die in vielen Fällen geschlechtsspezifisch ist. Frauen arbeiten viel häufiger als Männer im schlechter bezahlten Gesundheits- und Sozialwesen und sehr viel weniger in den deutlich besser bezahlten Berufen des Industrie- oder Finanzsektors. In den sogenannten typischen Frauenberufen – und da denkt man doch ganz automatisch an die adrett gekleidete Sekretärin, die freundliche Flugbegleiterin oder an die kinderliebe Erzieherin – sind zudem die Aufstiegs- und Karrierechancen geringer. Selbst schuld könnten böse Zungen jetzt einwenden – sorgen Frauen durch ihre Präferenzen doch schließlich selbst dafür, dass sie am Ende weniger Geld verdienen als Männer. Doch das kann man auch anfechten. Denn inwieweit diese Frauenberufe selbstgewählt sind oder nur eine in den Köpfen noch immer fest verankerte Vorstellung und von der Gesellschaft konstruierte Tatsache darüber ist, wofür sich Frauen tatsächlich interessieren, ist eine höchst umstrittene Frage, die wir an dieser Stelle nur streifen können. Darüber nachdenken sollte man jedoch in jedem Fall.

Gläserne Decke

Die geringeren Aufstiegs- und Karrierechancen für Frauen sind ein dritter Einflussfaktor auf den Gender Pay Gap. An der Spitze von deutschen Unternehmen stehen laut EU-Kommission nur zu 22 Prozent Frauen. Und das liegt nicht daran, dass Frauen keine Karriere machen wollen, sondern daran, dass sie aufgehalten werden, wie eine unabhängige Studie der Frauenzeitschrift Brigitte von 2017 bestätigt. Es ist oft die gläserne Decke, gegen die Frauen stoßen und die metaphorisch dafürsteht, dass Frauen auf der Karriereleiter an einem bestimmten Punkt ausgebremst werden. Nicht allzu selten ist die letzte erklimmbare Sprosse diejenige vor der Führungsebene.

Als Karrierehemmnis gilt laut dem Institut der deutschen Wirtschaft die Halbtagsbeschäftigung vieler Frauen oder auch die familienbedingte komplette berufliche Auszeit, die sich Frauen nehmen. Es gibt aber auch noch eine ganz andere Begründung. Man könnte sie fast als Vorurteil betrachten, wenn nicht der Soziologe Carsten Wippermann in einer Studie bezüglich des Frauenanteiles in Kontrollgremien deutscher Unternehmen, diese mit seinen Ergebnissen stützen würde. Darin äußern Männer zwar eine positive Einstellung gegenüber Frauen in Führungspositionen, es fallen ihnen dennoch immer Gründe dafür ein, warum eine Frau dann eben doch nicht in die Führungsposition kommen kann und keine Gründe, warum sie es eben gerade könnte. Ein typischer Fall von der sogenannten gender political correctness, quasi das Antworten im Sinne einer sozialen Erwünschtheit, bezüglich der Geschlechter, die entlarvt werden konnte. Spätestens jetzt stellt sich die Frage: Macht denn keiner etwas dagegen? Die Ungerechtigkeit ist haarsträubend und ein solcher Gender Pay Gap ist doch unserer modernen und fortschrittlichen Gesellschaft nun wirklich nicht würdig.

(Un-)Wirksame Regelung?

Kleinschrittig bewegt sich etwas in die richtige Richtung. Zur Überwindung der Gender Pay Gap soll das Anfang 2018 in Kraft getretene Entgelttransparenzgesetz beitragen. Dabei handelt es sich, um das Recht für Frauen und Männer zu erfahren, was ihre Kolleginnen und Kollegen verdienen. Hört sich vielversprechend an, wenn da nicht noch ein aber wäre. Dieses Gesetz gilt nämlich nur in Betrieben mit mindestens 200 Angestellten, wobei mindestens sechs Kolleginnen oder Kollegen des jeweils anderen Geschlechts, einen gleichwertigen Job ausüben müssen. Was hier gleichwertig bedeutet, entscheidet natürlich der ChefIn. Schafft man es dann tatsächlich seine rechtmäßige Auskunft zu bekommen, ist diese lediglich der Median der sechs (oder auch mehr) anderen Gehälter. Sortiert man also alle Vergleichsgehälter der Größe nach, bekommt man ausschließlich Auskunft über den Wert, beziehungsweise das Gehalt, welches an mittlerer Stelle steht. Wirklich aussagekräftig ist dieser schon allein deshalb nicht, da es durchaus möglich wäre, dass drei der Kollegen ein exorbitantes Gehalt und die anderen drei ein sehr unterdurchschnittliches Gehalt bekommen könnten.

Natürlich hängt das Gehalt auch immer damit zusammen, wie viel Verhandlungsgeschick und Mut zum Risiko jemand bei einem solchen Gespräch zeigt. Und Männer pokern, wenn es um die eigene Person geht, offenbar erfolgreicher als Frauen, wie auch Wissenschaftler der Universität Münster herausfanden, die sich mit diesem Thema in einer Studie auseinandergesetzt haben. Spinnen wir den Gedanken einmal weiter und nehmen an, dass eine Frau ihre geforderte Auskunft bekommt und tatsächlich weniger als der Median verdient. Natürlich kann sie nun zu ihrem ChefIn gehen und sich auf das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz berufen. Bei Ablehnung ihrer Forderung bleibt ihr dann nur der Rechtsweg. Vielleicht ist das der Grund, warum Frauen bisher selten von ihrem neuen Recht Gebrauch gemacht haben. Zudem stellt sich hier doch unweigerlich die Frage, ob echte Lohngerechtigkeit wirklich nur vom direkten Lohn abhängig ist, denn vergessen werden hierbei die Ungleichheit im Bereich der schon diskutierten Karriere- und Aufstiegschancen.

Frauen wollen keine bemitleidenswerten Opfer sein

Soviel also zu den derzeit sichtbaren Bemühungen der Politik. Natürlich gibt es aus den verschiedensten Richtungen viele weitere Lösungsvorschläge, die sich theoretisch alle gut und vor allem logisch anhören. So schlägt zum Beispiel die Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft vor, dass mehr Frauen für technische und besser bezahlte Berufe gewonnen werden müssen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht vor allem große Möglichkeiten in einem Rückkehrrecht aus Teilzeit in Vollzeit für Frauen, die familienbedingt beruflich kürzergetreten sind. Zusätzlich plädiert der Bund für den Ausbau von Kinderbetreuung, damit Frauen bessere Chancen haben, auch während des Mutterseins, weiterhin zu arbeiten und Geld zu verdienen. Solche Vorschläge machen seit Jahren die Runde – passiert ist nicht viel.

Was sich in der Zukunft nun wirklich tun wird, steht in den Sternen. Eines ist wichtig: Frauen wollen keine bemitleidenswerten Opfer sein, die es im Berufsleben viel schwerer haben als Männer. Was Frauen wollen und an dieser Stelle erlaube ich mir, für alle Frauen zu sprechen, ist Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Fairness.