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Studium und Arbeit - Fairkauf, Kaufhaus, Inklusion FAIRKAUF – Ein Kaufhaus kämpft für Inklusion

Wo geht man hin, wenn man Bücher, Spielzeug, Kleidung oder Haushaltswaren kaufen möchte? In ein Kaufhaus natürlich! In der Braunschweiger Innenstadt befindet sich ein ganz besonderes: das FAIRKAUF. Doch was hat die Lebenshilfe Braunschweig damit zu tun?


An einem recht unscheinbaren Ort in der Braunschweiger Innenstadt befindet sich das FAIRKAUF Kaufhaus der Lebenshilfe Braunschweig. Das mehrstöckige Kaufhaus ist barrierefrei und existiert bereits seit 2009. Die Idee dahinter: Menschen aus der Umgebung spenden etwas, was andere wiederum zu niedrigen Preisen im Kaufhaus oder in der dazugehörigen Möbelhalle erwerben können. Zu dem damaligen Zeitpunkt gab es in Braunschweig noch kein Secondhand-Kaufhaus dieser Art. Trotz anfänglicher Zweifel wurde das FAIRKAUF schnell zum Erfolg. 

Orientiert hat sich die Lebenshilfe Braunschweig an dem Beispiel in Hannover: Dort existiert das Konzept des FAIRKAUF Secondhand-Kaufhauses bereits seit 2008. Während das FAIRKAUF in Hannover jedoch langzeitarbeitslose Menschen im Einzelhandel qualifiziert, schlug die Lebenshilfe Braunschweig einen anderen Weg ein. Gemäß ihrem Leitbild ermöglicht sie nämlich knapp 20 Menschen mit Beeinträchtigung, gleichberechtigt am allgemeinen Gesellschafts- und Arbeitsleben teilzunehmen.

Was ist die Lebenshilfe Braunschweig?

Die Lebenshilfe Braunschweig ist ein gemeinnütziger Verein zur Selbsthilfe für Menschen mit Beeinträchtigung und ihre Familien. Der Verein wurde am 5. Februar 1960 von Eltern beeinträchtigter Kinder als eine Art Selbsthilfegruppe gegründet. Der Grund: Nach der NS-Zeit gab es keinerlei Hilfesysteme für Menschen mit Beeinträchtigung, da viele von ihnen als „lebensunwertes Leben“ missbraucht und getötet worden sind. Derzeit verzeichnet der Verein in Braunschweig um die 1.000 Mitglieder. Um für eine professionelle, adäquate Arbeit eine geeignete Organisationsform zu haben, wurde 1969 noch eine gemeinnützige GmbH gegründet, mit dem Verein als alleinigem Gesellschafter. Die Lebenshilfe Braunschweig bietet Hilfen, Arbeitsplätze und Dienstleistungen für etwa 1.400 Menschen mit Beeinträchtigung an und vertritt ihre Interessen auf politischer Ebene. Grundlegendes Ziel ist, dass die Personen so selbstständig und normal leben können wie möglich.

Auch die Nachhaltigkeit spielt beim FAIRKAUF eine Rolle. Mit einem Einkauf reduziert man den eigenen ökologischen Fußabdruck, da dem gespendeten Artikel ein zweites Leben geschenkt wird. Und wer kann hier einkaufen? Im Kaufhaus und in der Möbelhalle sind alle Menschen willkommen – egal, ob große oder kleine Familien, Studierende oder SeniorInnen.

Aus logistischen Gründen erfolgt die Spendenannahme nicht im Kaufhaus, sondern findet im Gebäude der Möbelhalle statt. Die schweren Elemente, wie beispielsweise große Möbel, Gemälde oder Fahrräder, bleiben direkt in der Möbelhalle und werden dort verkauft. Kleidung, Bücher, Haushaltswaren und andere Kleinteile werden wiederum sortiert und mehrmals die Woche in das Kaufhaus in der Innenstadt transportiert. Die FAIRKAUF Möbelhalle ist darüber hinaus als gewerblicher Anbieter auf eBay Kleinanzeigen vertreten, wo hauptsächlich besondere Einzelstücke zur Selbstabholung präsentiert werden.

„Inklusion muss gelebt werden“

Mittendrin und nebenan – das ist das Motto der Lebenshilfe Braunschweig. In ganz Braunschweig haben sich Geschäfte der Lebenshilfe angesiedelt, darunter ein Fahrradladen und drei Cafés. Mithilfe dieser Dienstleistungen werden Arbeitsplätze für Menschen mit Beeinträchtigung geschaffen, welche nicht mehr an die klassische Werkstattarbeit gekoppelt sind. Das Besondere am FAIRKAUF Kaufhaus sei die zentrale Lage in der Innenstadt, sagt Elke Franzen, Leitung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Lebenshilfe Braunschweig. Dadurch hätten die beeinträchtigten MitarbeiterInnen nicht nur Kontakt zu anderen Menschen, sondern werden auch im Alltag sichtbar, indem sie beispielsweise die Kundschaft bedienen und beraten. „Wir möchten den höchstmöglichen Grad an Integration schaffen“, erzählt Michael Schumann, Leiter des Fachdiensts Betriebliche Integration bei der Lebenshilfe Braunschweig. Inklusion würde er es jedoch noch nicht nennen: „Verordnen kann die Lebenshilfe die Inklusion nicht, sie muss gelebt werden – von der Bevölkerung und von Arbeitgebern, die Menschen mit Beeinträchtigung anstellen wollen.“

Mit modularen Ausbildungen zum Wunschjob

Die Lebenshilfe Braunschweig setze sich seit vielen Jahren politisch für die Ausbildung von Menschen mit Beeinträchtigung ein, erklärt Elke Franzen. Mittlerweile bieten sie für bestimmte Berufe Module an: „Je nachdem, wie fit und engagiert man ist, kann man sich gewisse Zertifikate erarbeiten und sich damit unter anderem für sogenannte Helferberufe qualifizieren.“ Das sei laut Elke Franzen für Menschen mit Beeinträchtigung oft eine erste Einstiegsebene in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Während dieser modularen Ausbildung könne man in verschiedenen Arbeitsbereichen schnuppern. Es sei auch möglich, sich für Schwerpunkte zu entscheiden – von der Holz-, Textil- und Metallbearbeitung bis hin zur Gastronomie. Michael Schumann ergänzt, dass möglichst jede teilnehmende Person unabhängig von ihrer Beeinträchtigung auch die Möglichkeit habe, mithilfe eines Praktikums oder auf einem betriebsintegrierten Arbeitsplatz eine betriebliche Erfahrung zu machen.

Was sind betriebsintegrierte Arbeitsplätze?

Die Lebenshilfe Braunschweig besitzt verschiedene Werkstätten, wie beispielsweise eine Druckerei, Fahrzeugpflege oder Textil-, Holz- und Metallwerkstätten. Der Fachdienst Betriebliche Integration animiert Firmen und Kooperationspartner dieser Werkstätten, die Arbeiten möglichst vor Ort in der entsprechenden Firma durch Lebenshilfe-MitarbeiterInnen durchführen zu lassen. Dies ist nicht nur inklusiver, sondern ermöglicht auch Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Die Begleitung am Arbeitsplatz erfolgt dann durch den entsprechenden Jobcoach der Lebenshilfe.

Wer im FAIRKAUF Kaufhaus oder in der Möbelhalle arbeiten möchte, braucht jedoch nicht zwangsläufig eine Ausbildung. Michael Schumann bezeichnet die Methode als „Platzieren und Qualifizieren“: Die interessierte Person mit Beeinträchtigung ist vor Ort und probiert sich zunächst aus. Jeder Mensch mit Beeinträchtigung, der im FAIRKAUF arbeitet, führt regelmäßig Gespräche mit der zuständigen Fachkraft. In diesen Gesprächen werden unter anderem Ziele festgelegt. Möchte jemand beispielsweise ein besseres Zahlenverständnis erwerben, um an der Kasse arbeiten oder Preisschilder lesen zu können, wird dieser Wunsch in einem Dialog mit der Fachkraft besprochen. Dort wird geschaut, wie realistisch das Ziel ist und wie man die Person entsprechend qualifizieren könnte. Gemeinsam wird Stück für Stück herausgearbeitet, welche Wissenslücken eventuell vorhanden sind und wo noch Schulungsbedarf besteht.

Neben den Fachkräften und MitarbeiterInnen mit Beeinträchtigung engagieren sich auch Braunschweiger BürgerInnen ehrenamtlich vor Ort und entlasten das Personal stundenweise. Elke Franzen erinnert sich an einen ehrenamtlichen Mitarbeiter zurück: „Wir hatten mal jemanden, der ein Faible für Bücher hatte und dementsprechend die Bücherregale im Kaufhaus betreut hat. Er hat beispielsweise die Krimis zu den Krimis sortiert oder die Reise- und Kochbücher voneinander separiert.“ Besonders bei der Warenverräumung gibt es Michael Schumann zufolge immer viel zu tun.

Die Lebenshilfe Braunschweig hat aus der Idee des FAIRKAUF in Hannover ein einzigartiges Konzept entwickelt und setzt damit ein Zeichen für die Gesellschaft: Menschen mit Beeinträchtigung gehören selbstverständlich wie jeder andere im Gesellschafts- und Arbeitsleben dazu. Das FAIRKAUF steht also nicht nur für niedrige Preise und Nachhaltigkeit. Es zeigt auch, dass inklusives Arbeiten in Dienstleistungen wie dem Einzelhandel möglich ist.