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Sport und Gesundheit - Calisthenics, Freizeitaktivitäten, Trend Calisthenics – Der Superhype aus New York

Trainieren nur mit dem eigenen Köpergewicht – Calisthenics ist mehr als ein Streetworkout-Trend. Immer mehr FreizeitsportlerInnen entdecken öffentliche Calisthenics-Stationen für sich. Was steckt hinter dem Hype?

Eine Double Human Flag, geturnt von Mattis Bock und Anja Münch (Quelle: Privat)

Calisthenics(griechisch = schöne Kraft) bezeichnet Körpergewichtsübungen, welche möglichst ästhetisch ausgeführt werden. Calisthenics verbindet Elemente aus dem Turnen, Parkour und Gymnastik und bietet sowohl Funktionalität als auch Selbstausdruck. Diese ästhetische Schönheit des Sports ist losgelöst von Form, Herkunft und Geschlecht der ausführenden Person. Der optische Reiz soll durch die scheinbare Aufhebung der Schwerkraft gesetzt werden. Die Sportart zeichnet sich durch Leichtigkeit in der Haltung von unnatürlichen und unmöglich anmutenden Übungen aus. Trainiert wird vermehrt draußen in speziellen Calisthenics-Parks – dort stehen verschiedene Trainingsgerüste frei zur Verfügung. In diesen Parks entstehen somit oft Communitys, die zur Selbstmotivation in dieser Sportart beitragen.

Aber auch unabhängig von den Parks besteht die Möglichkeit, zu trainieren, da der eigene Körper das Haupttrainingsgerät ist. Calisthenics ist zwar eine eigene Disziplin, eignet sich aber auch als Grundlagenkrafttraining für andere Sportarten wie Schwimmen oder Fußball. Laut Manuela Hill, Calisthenics-Athletin und Ninja Warrior-Kandidatin 2021, sei Calisthenics mehr als nur Oberkörperkraft. Es gehöre jede Menge Körpergefühl, Ausdauer und Körperbeherrschung dazu. Durch das Training mit dem eigenen Körpergewicht, durch Übungen wie Liegestütze oder Kniebeugen, wird das Körpergefühl und die Beweglichkeit verbessert. So werden durch die komplexen Übungen mehrere Muskelgruppen gleichzeitig eingebunden. Durch den verstärkten Aufbau der Rückenmuskulatur wird Schmerzen, Fehlhaltungen und Verletzungsgefahren entgegengewirkt.

Ein weiterer Vorteil ist zudem der niedrigschwellige Einstieg in den Sport – durch die verschiedenen Progressionsstufen der Übungen kann jeder mit Calisthenicsbeginnen. Indem Hebelwirkungen verändert oder Trainingsequipment verwendet werden, können Übungen leicht an den Trainingsstand der AthletInnen angepasst werden. Beispielsweise können Klimmzügen zunächst mit Resistenzbändern, welche einen Teil des Körpergewichts aufnehmen, trainiert werden. Diese fallen später weg und es kann mit der Handposition gespielt werden (enger/weiter Griff). Fortgeschrittene AthletInnen führen diese Übung auch einarmig aus. Ebenso komplexe Übungen wie der Zugstemme bauen auf die Grundübung des Klimmzugs auf.

Die Entstehungsgeschichte

Eigengewichtsübungen und somit auch Grundsätze des Calisthenics, finden sich schon im Training der Olympioniken im antiken Griechenland. Später entwickelten sich daraus das Kunstturnen und die Akrobatik. In den 2000er Jahren entstand der jetzige Megahype aus New York. Da SportlerInnen auf den Straßen der Großstadt an Treppengeländern oder Baugerüsten trainierten, wurde die Sportart auch unter dem Namen Streetworkout oder Ghetto Fitnessbekannt. Seitdem AthletInnen Trainingsvideos auf Social Media veröffentlichten, verbreitet sich die Sportart rasant. Auch durch die Show Ninja Warrior gewann die Trendsportart in Deutschland an Popularität. Die erste Weltmeisterschaft im Calisthenicswurde 2011 in Riga ausgetragen. Auch wenn momentan keine Wettkämpfe stattfinden können, ist während der Covid-19-Pandemie ein Zuwachs an AthletInnen zu verzeichnen. Die Trainingsparks wurden zur Alternative zu den geschlossenen Fitnessstudios.

Wir für Vielfalt

Sport begeistertdem Deutschen Olympischen Sportbund zufolge, durch seine „unerschöpfliche Vielfalt“ und seine „verbindende Kraft.“ Seit 1989 gilt der organisierte Sport als „größter aktiver Integrationshelfer in Deutschland.“ Das Leitbild des Deutschen Calisthenics und Streetlifting Verband e.V. (DCSV) besagt, dass „allen Menschen, unabhängig der Herkunft, des Geschlechts, des sozialen Hintergrunds oder möglichen Beeinträchtigungen“, der Zugang zu dieser Sportart ermöglicht wird. In der Trendsportart soll die gesellschaftliche Vielfalt abgebildet werden. Die Calisthenics Community wird von vielen SportlerInnen wie eine zweite Familie angesehen. Es herrscht gegenseitiger Respekt, kein Konkurrenzkampf wie in anderen Sportarten, sondern Unterstützung, Akzeptanz und Rückhalt.

Calisthenicsparks in Braunschweig

In Braunschweig ist die Entwicklung von neuen öffentlichen Sport- und Bewegungsangeboten sichtbar. Laut Gordon Schnepel, Koordinator der AG Sport und Stadtratskandidat von Bündnis 90/Die Grünen, sei zu Recht im Masterplan Sport 2030 das Leitziel gesetzt worden, den öffentlichen Raum bewegungsfreundlicher zu gestalten. Er beschreibt, dass die Entwicklung vieler FreizeitsportlerInnen dahin gehe, dass sie offene und wohnortsnahe Sportflächen nutzen wollen. Anhand des Nutzungsaufkommens schlussfolgert Schnepel, dass die Ansprüche eines erfolgreichen Bewegungsangebotes im öffentlichen Raum klar zu erkennen sind. Ansätze wie traditionelle Trimm-Dich-Pfade, wie zum Beispiel am Westbahnhof, scheinen kaum jemanden zu animieren, sie regelmäßig zu nutzen – so kommt es, laut Schnepel, bei den meisten BesucherInnen nicht über ein „Mal-Probieren“ hinaus. Erfolgreicher seihen die Freiluftfitnessgeräte im Bürger- und Heidbergpark sowie die Calisthenicsanlagen im West- und Prinzenpark. Gespannt blickt er auf weitere Projekte, die in den nächsten Jahren umgesetzt werden sollen. In der Nordstadt, am Bienroder- und am Ölpersee stehen die nächsten Entwicklungen neuer offener Sportflächen an.

Cali 38 - die erste Calisthenics Community Braunschweigs

Durch diese Anlagen hat die Stadt Braunschweig in den Parks eine attraktive Struktur für funktionellen Sport unter freiem Himmel geschaffen. Diese Möglichkeit wurde in der Löwenstadt allerdings nur von einzelnen AthletInnen angenommen.Nicolai Zander und Irina Dörries gründeten gemeinsam 2020 den Verein Cali38. Mit dem Vereinhat sich an der Calisthenics-Stationam Löwengarten eine Gruppe gebildet, erklärt Zander, die sowohl bereits aktive SportlerInnen durch Austausch von Tipps und Erfahrungen fördern, als auch EinsteigerInnen den Weg zur Sportart erleichtern.

Weg von Schönheitsidealen hin zu funktioneller Kraft

Schönheitsideale prägen in allen Kulturen und zu jeder Zeit unser Selbstbild. Sie betreffen alle Geschlechter gleich, verändern sich laufend und werden permanent neu definiert. Besonders durch den rasch wechselnden Lifestyle entsteht ein ständiger Wandel dieser Ideale.

In unserer heutigen Kultur wird Weiblichkeit unter anderem mit einem zierlichen und schlanken Körperbau verbunden. Für Männer ist heutzutage eher ein massiver Körperbau das gewünschte Ziel. Aufgrund dieser vorherrschenden Schönheitsideale, trauen sich nur vereinzelt Frauen an den Kraftsport. Vor wenigen Jahrhunderten galten noch kraftvollere Frauen als Ideal, sodass schon viktorianische Frauen das Training mit dem eigenen Körpergewicht nutzen, um diesem zu entsprechen. Attribute wie Kraft werden heutzutage eher Männern zugesprochen. Daher scheint Calisthenics wie eine reine Männersportart, da sie sehr viel Oberkörperkraft erfordert. Die Athletin Manuela Hill erklärt, dass das Überwinden von Stereotypen häufig schwer sei: „Frauen trainieren deutlich seltener auf Kraft, dementsprechend fehlen Grundlagen zur "Schönkraft". Diese aufzubauen, braucht Geduld und Zeit.“ Anmut und meist ein filigraner Körperbau können allerdings anatomische Nachteile kompensieren.

Laut Nicolai Zander sei Kraftsport generell für Frauen genauso gut geeignet wie für Männer. Frauen könnten durch Calisthenicsihr Körpergefühl verbessern, indem sie zum Beispiel an ihrem Klimmzug arbeiten. Stark muskulös werden sie nach Zander dadurch aber noch lange nicht. Daher seien die Vorbehalte vieler Frauen einen maskulinen Körperbau zu bekommen unberechtigt. Durch das Zusammenspiel des Hormonhaushaltes und Eigengewichtes als Trainingswiderstand, bildet sich eine natürliche Wachstumsgrenze der Muskulatur. Frauen sind im Muskelaufbau durch einen geringeren Wert an Testosteron gehemmt. Stolz berichtet er, dass 40 Prozent der Mitglieder seines Vereins Frauen sind.