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Kunst und Kultur - Asmr, Sinne, Trend ASMR – Was ist das?

ASMR steht für „Autonomous Sensory Meridian Response“ und beschreibt ein kribbelndes, angenehmes Gefühls. Ausgelöst wird es von leisem Flüstern, Knistern, Rascheln oder Tippen. Das Phänomen ist noch kaum erforscht. Bei manchen löst es sogar das Gegenteil von Entspannung aus.


ASMR steht für „Autonomous Sensory Meridian Response“ und beschreibt die Erfahrung eines kribbelnden, als angenehm empfundenen Gefühls – sogenannte Tingles. Eine Körperreaktion, die häufig mit dem Gefühl von Entspannung, Beruhigung und Wohlbefinden verbunden wird. Ausgelöst wird dieses mittels akustischer oder visueller Sinnesreize oder Berührungen, zum Beispiel durch bestimmte Geräusche, ruhige Stimmen und sanftes Flüstern, Handbewegungen oder leichte Berührungen am Kopf. Offiziell gestartet ist der Trend 2010 im anglo-amerikanischen Raum und zog zwei Jahre später nach Deutschland über. Seitdem existiert eine riesige Community und ASMR-Videos und -Audios erleben einen großen Hype.

Zu dieser Community gehört auch Anny. Im Jahr 2011 hatte Anny die erste Begegnung mit ASMR, und zwar durch Massage- und Flüstervideos. Entspannung und Konzentration sind die Hauptwirkungen, die bei Anny dabei erweckt werden, aber auch als Hilfe zum Einschlafen oder gegen Panikattacken nutzt sier* die Wirkung des Contents. Dabei ist nicht nur die Akustik das Reizvolle, auch visueller Content kann ASMR auslösen. Anny selbst hat da keine deutliche Präferenz und findet auch die Mischung aus beidem sehr ansprechend. Für sier ist ASMR die „Schnittstelle zwischen Kunst und Entspannung“, weshalb sier sich seit über einem Jahr selbst ans Mikrofon und vor die Kamera traut. Mittlerweile bespielt Anny erfolgreich eigene Kanäle mit ASMR-Content unter den Namen „annyfullchaos“ auf Instagram oder „annyfullasmr“ auf TikTok. Damit ist sier nicht die einzige Person, die im Netz ASMR-Content produziert und veröffentlicht.

Alles nur ein Hype?

Ungefähr  519.000.000 Suchergebnisse werden einem bei der Google-Suche von „ASMR“ angezeigt. In Deutschland ist die Beliebtheit des Suchbegriffs als YouTube-Suche seit Anfang 2012 stetig am Steigen und hat den ersten Hype im Frühjahr 2019 erlangt. Seitdem ist kein großes Abfallen der Beliebtheit erkennbar – im Gegenteil: Aktuell gilt „ASMR“ weltweit als der drittmeist gesuchte Begriff auf YouTube.

Der Erfolg des Trends zeigt sich ebenfalls in der Integration von ASMR in der Musik- und Werbebranche. Die Flüsterelemente der Musikkünstlerin Billie Eilish werden beispielsweise ebenfalls ASMR-Elementen zugeordnet, aber auch Hörspiele wie Bibi Blocksberg gibt es mittlerweile als ASMR-Versionen, um den Einschlafeffekt von Kindern zu fördern. Auch das Möbelhaus IKEA hat einen Werbespot veröffentlicht, in dem eine Frau die verschiedensten IKEA-Möbel und -Gegenstände streichelt – ganze 25 Minuten lang. Und die Kommentare auf YouTube sprechen für den Erfolg des Werbespots.

Es lässt sich also sagen: Auslöser dieser Tingles, sogenannte Trigger, können nahezu alle Geräusche sein. Anny beschreibt die eigenen Tingles als ein Kribbeln im Kopf und Nacken, das je nach Reizstärke sogar durch den ganzen Körper wandert. Weitere häufige Körperreaktionen, die durch die Sinnesreize ausgelöst werden, sind beispielsweise Gänsehaut und auch angenehme Schmerzen im Nacken, wie bei einer Massage. Neben den eher klassischen ASMR-Sounds wie Flüstern, das Bürsten von Haaren oder Tippen auf Oberflächen haben sich auch weitere Arten als Teile dieses Gesamtbereichs ASMR gebildet. Zum Beispiel gehören auch sogenannte Slime-Videos, in denen Schleim geknetet wird, gerne auch gemischt mit Glitzer oder weiteren optischen Hinguckern dazu, oder auch „Mukbang“-Videos, in denen übermäßig Essen konsumiert wird. Dabei empfinden einige Menschen die Essensgeräusche sowie das Essen an sich als angenehm und ästhetisch. Anny sagt, dass die Tingles aber auch ausbleiben können. Bei Anny kann das zum Beispiel passieren, wenn sier immer wieder den gleichen ASMR-Content konsumiert. Grundsätzlich ist zwischen den Tingles und musikalischen Chills zu unterscheiden. Als musikalische Chills werden die Emotionen bezeichnet, die durch das Hören von Musik ausgelöst und durch körperliche Reaktionen ausgedrückt werden, wie beispielsweise Gänsehaut oder Tränen in den Augen, wenn uns die Musik berührt. Diese Reaktionen dauern nur wenige Sekunden an und sind eher aufregend. ASMR hingegen hält deutlich länger an und wirkt eher entspannend – oder eben nicht.

Neben den unzähligen Videos, in denen ASMR-Content von verschiedensten Persönlichkeiten auf unterschiedlichste Art und Weise wiedergegeben wird, sind außerdem auch viele Versuche zu finden, das Phänomen hinter dem Hype zu beschreiben. Doch so richtig scheint es niemandem zu gelingen, die Auswirkungen und Effekte von ASMR-Sounds greifbar zu machen. Denn das faszinierende an ASMR ist, dass es keine Faustregel dazu gibt, wer ASMR-fähig ist und wer nicht. Während viele Menschen von den Videos und Sounds in den Bann gezogen werden, dabei besser entspannen und sogar einschlafen können, verspüren andere unangenehme Gefühle beim Zuhören oder Zuschauen, teilweise sogar Ekel oder Aggressionen. Einige empfinden aber auch rein gar nichts beim Konsumieren von ASMR-Content. Gerade diese Bandbreite an Reaktionen machen das Phänomen ASMR so interessant.

Nachweisliche physiologische Effekte von ASMR

Craig Richards, Professor an der Shenandoah University School of Pharmacy und Gründer der Website www.asmruniversity.com, ist führender Forscher im Bereich ASMR. Sein Buch Brain Tingles brachte er 2018 heraus und 2020 hat er einen TED-Talk zu dem Thema gehalten, in welchem er unter anderem erzählt, wie selbst ein Friseurbesuch zum ASMR-Erlebnis werden kann.

In seiner „brain case study“ bestätigte Richards gemeinsam mit anderen Forschern eine These, die er beim Lesen verschiedener Internet-Foren während der Anfänge vom ASMR-Trend im Jahr 2013 aufstellte:  Während des Konsumierens von ASMR-Videos werden die Bereiche im Gehirn angeregt, die auch bei entgegengebrachter positiver, persönlicher Aufmerksamkeit von einer fürsorglichen und freundlichen Person aktiv sind. Diese Eigenschaften werden zum Beispiel oft mit einer sanften, ruhigen Stimme assoziiert – Hauptbestandteil von heutigem ASMR-Content.

An der Universität Bamberg erforscht der Psychologe Claus-Christian Carbon das Phänomen. Er und sein Team führen experimentelle Studien durch, in denen sie Augenbewegungen, Herzfrequenz und Hautwiderstand ihrer Probanden während des Schauens von ASMR-Videos messen. In seiner Forschung hat er bereits feststellen können, dass nur ein Teil der KonsumentInnen typische Reaktionen zeigt, denn viele finden die Videos auch abstoßend und wollen sie gar nicht erst schauen. Mehrmaliges Anschauen sei hier der Schlüssel zum Entspannen, aber auch das gilt nicht als Faustregel. „Trotzdem gibt es Menschen, die die Videos auch nach mehrmaligem Ansehen nicht leiden können “, erklärt Carbon. 2018 haben ForscherInnen an der University of Sheffield in England eine Studie durchgeführt, in der sowohl ASMR-fähige als auch -unfähige Menschen ASMR-Videos schauten. Im Nachhinein hatten diejenigen, die ASMR verspürten, eine nachweislich geringere Herzfrequenz. Eine weitere Studie beinhaltete das Schauen von drei Videos, von denen allerdings nur zwei richtige ASMR-Videos waren und eines nur ASMR-ähnliche Inhalte wiedergab. Hier wurde festgestellt, dass nur die beiden ASMR-Videos die positiven und beruhigenden Effekte bei den Probanden auslösten. ASMR scheint laut den Forschern ein nachweisliches Phänomen zu sein, das einen therapeutischen Nutzen für die geistige und körperliche Gesundheit haben kann.

Von ASMR als Therapiemethode hält Anny ziemlich viel. Man müsse dafür aber auch der ASMR-Typ sein. So wie auch Akupunktur bei manchen einen Effekt erzielt und bei anderen nicht, so könne auch ASMR bei denen, bei denen es anschlägt, eine Hilfe darstellen. „Die Community hat ja am Anfang auch vor allem von Leuten gelebt, die selber irgendwelche psychische Erkrankungen hatten und damit sich im Grunde genommen so teilweise therapiert haben“, meint Anny. Claus-Christian Carbon betont allerdings, dass es nicht als Ersatz für eine Psychotherapie gelte, da eigene Belastungen und Traumata dadurch nicht aufgearbeitet oder gar geheilt werden würden. Die Reduktion vom Stressempfinden ist zwar eine bestätigte Wirkung von ASMR, dennoch steht die Forschung hier noch ganz am Anfang.

Wer mag, kann den Selbsttest wagen und entdeckt mit Glück eine neue Methode, um sich vom Alltagsstress abzulenken.

(*Zusatzinfo: Anny präferiert die Pronomen sier/siem bzw. deren/dessen, daher werden diese in diesem Beitrag verwendet)

Im folgenden Audiobeitrag erzählt Anny von deren Erfahrungen mit ASMR - sowohl als KonsumentIn als auch als ProduzentIn des Contents.