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Leben und Gesellschaft - Sekten Zu Besuch bei den bekanntesten Sekten Deutschlands

Sandrine ist Zeugin Jehovas. Ramon und Laura gehören der Neuapostolischen Kirche an. Was unterscheidet ihren Glauben von anderen christlichen Kirchen? Lotta Zempel hat sie getroffen.

Ist der Begriff Sekte heute noch zeitgemäß? (Quelle: iStock/Aramyan)

Mittwochabend, 19.30 Uhr. Die Leute erheben sich von ihren Bänken, um das erste Lied anzustimmen. Durch die Buntglasfenster scheint die Abendsonne. Der Gottesdienst ist nach einer knappen Stunde vorbei, Hände werden geschüttelt und alle Geschwister gehen nach Hause. Mit Geschwistern sind hier die Gemeindemitglieder der Neuapostolischen Kirche gemeint. Der andere Ausdruck für Gläubige und eine andere Liturgie unterscheiden die Neuapostolische von evangelischen oder katholischen Kirche. Aber eben nicht gänzlich. Sie sind immer noch Christen und das Christentum zählt zu den fünf Weltreligionen.

Religion bedeutet nicht gleich Kirche

Als Weltreligion wird laut Duden eine „in weiten Teilen der Welt verbreitete Religion“ bezeichnet. Hierzu zählen das Christentum, das Judentum, der Islam, der Hinduismus und der Buddhismus. In Deutschland glauben gut 50 Millionen Menschen an eine dieser Religionen. Weitere vier Millionen glauben an eine orthodoxe, orientalische, unierte oder eine andere Religion. Doch in Deutschland bedeutet Religion nicht gleich Kirche. Vom Staat anerkannt ist die katholische Kirche, die evangelische Kirche und das Judentum. Geregelt wird das von einer Reihe komplizierterer Gesetze und Vorschriften.

Der Körperschaftsstatus

Einer Glaubens- oder Religionsgemeinschaft kann in Deutschland ein Körperschaftsstatus verliehen werden. Dieser bringt besondere Rechte mit sich, erfordert aber auch einige Voraussetzungen wie zum Beispiel eine bestimmte Mitgliederanzahl oder bestimmte Punkte in der Verfassung der Religionsgemeinschaft. Außerdem, so heißt es in einem Artikel des Bundesinnenministeriums, muss für die Anerkennung des Körperschaftsstatus die Rechtstreue der Mitglieder gewährleistet sein. Die Glaubensgemeinschaft darf nicht gegen die Verfassungsprinzipien verstoßen oder die Grundrechte Dritter einschränken.

Über allem steht natürlich im Grundgesetz die Religionsfreiheit. Jeder Bürger und jede Bürgerin darf sich frei entscheiden, an was er oder sie glauben will oder sich umentscheiden. Doch gerade, wenn es sich nicht um eine Weltreligion oder eine große Kirche handelt, ist oft von Sekten die Sprache. Macht das alle anderen Glaubensgemeinschaften zu Sekten?

Der Begriff „Sekte“ und seine Bedeutung

Das Wort Sekte kommt aus dem Spätlateinischen (secta) oder „sequī“ und bedeutet „Richtung“ oder „folgen“. Ursprünglich bezeichnete der Begriff eine „kleinere Glaubensgemeinschaft, die sich von einer größeren Religionsgemeinschaft, einer Kirche abgespalten hat, weil sie andere Positionen als die ursprüngliche Gemeinschaft betont, hervorhebt“. Das kommt bekannt vor, da dies auf fast alle Religionen oder Kirchen zutrifft oder irgendwann einmal zutraf. Die negative Konnotation des Begriffs Sekte muss also ein durch die Gesellschaft hervorgerufenes Phänomen sein.

Hier ließe sich die Frage im Grunde schon einfach beantworten: Nahezu alle christlichen Glaubensgemeinschaften sind Abspaltungen von einer größeren. Das ist beispielsweise auch beim Islam zu erkennen. Um wertungsfreier über diese Sekten zu sprechen, könnte man einfach die Begriffe Religions- oder Glaubensgemeinschaft nutzen. Doch worin genau unterscheiden sich christliche „Sekten“ eigentlich von der katholischen oder evangelischen Kirche? Die zwei größten christlichen „Sekten“ in Deutschland sind die Neuapostolische Kirche mit etwa 333.000 Mitgliedern (Stand 2018) und die Zeugen Jehovas mit circa 165.800 Mitgliedern (Stand 2018). Beide werden immer wieder auf Sekten-Listen und sogenannten inoffiziellen „Indexen“ im Internet und anderswo aufgeführt, obwohl sie den Körperschaftsstatus innehaben, also im Grunde nicht gegen die Verfassung verstoßen dürften. Um genauer herauszufinden, worin sich die beiden Religionsgemeinschaften eigentlich von anderen unterscheiden, besuche ich zwei Gottesdienste und spreche mit einigen Mitgliedern.

„Wir haben Apostel, die heutzutage wirken“

Mittwochabend, 18.00 Uhr. Kaffeetrinken mit Laura und Ramon vor dem Gottesdienst der Neuapostolischen Kirche. Laura ist 27 Jahre alt und studiert. Ramon, 22, hat eine Ausbildung gemacht. Woran glauben die beiden? „Also erst mal glaube ich an Gott. Es gibt für mich in meinem Leben ein Wesen, das bezeichne ich als Gott. Und dieses Wesen ist ja diese Trinität.  Weil ich ja Christ bin, glaube ich an Vater, Sohn und heiligen Geist“, sagt Ramon. Laura erzählt, dass sie das auch so empfinde. Darüber hinaus glaube sie, dass die Seele weiterlebe und im Jenseits noch weiter existiere. Auch glaubt sie, dass Jesus Christus irgendwann wiederkomme und „wir hoffentlich dabei sein können“.

Laura ist ganz klassisch durch ihre Eltern in der Kirche. Auch ihre Familie ist größtenteils neuapostolisch, manche seien jedoch auch evangelisch. Ramons Vater ist hinduistisch, seine Mutter katholisch. Er wurde schon immer religiös erzogen, mit Beten vor dem Essen und vor dem Schlafengehen. Sein Stiefvater war dann neuapostolisch und mit diesem Glauben konnte er sich am meisten identifizieren. „Der Glaube wirkt in meinem ganzen Leben, von morgens beim Aufstehen bis abends zum Einschlafen“, sagt Ramon. Ungewöhnlich für Leute in seinem Alter. Klar gehe er auch feiern und manchmal mittwochabends zum Sport, sagt Ramon. Aber er gehe auch in die Kirche, weil er da abschalten könne. Laura singt nebenbei noch im Kirchenchor, den wird man nachher noch oft hören. Was macht ihre Kirche besonders? „Das steckt ja schon im Namen. Wir haben Apostel, die eben heutzutage wirken“, erzählt Laura. „Die Predigt ist sowieso frei.“ „Es gibt den Stammapostel, das ist so was wie der Papst, der gibt pro Monat Leitgedanken, also jeder Priester kann sich vorbereiten“, ergänzt Ramon. „Wir glauben an das aktive Mitwirken des Heiligen Geistes, dessen Wort dann durch den Priester gesprochen wird. Also nicht im Sinne von, der Heilige Geist steht dahinter und redet wie eine Puppe durch den Priester, sondern eher an das „unter-euch-sein“. Es gibt auch nicht nur einen Priester, mehrere Männer teilen sich das Amt, keiner von ihnen macht das hauptberuflich. Die Neuapostolische Kirche erhebt auch keine Kirchensteuer, sie finanziert sich durch die Spenden ihrer Mitglieder.

Wie reagieren die Leute auf ihre Religion? Dass die Leute sagen, sie wäre in einer Sekte, passiere ihr heute gar nicht mehr, sagt Laura. Vor zehn Jahren wäre das ab und zu noch mal passiert. „Wenn man mich ansprechen würde, dann hätte ich auch immer Argumente. Dann soll man erst mal sagen, was ist eine Sekte aus deren Sicht? Da gibt es ja so viele Merkmale. Und wenn man danach geht, passt das einfach nicht. Jeder kann kommen und wenn man nicht mehr zum Gottesdienst kommen will, dann kommt man einfach nicht mehr.“ Früher sei das anders gewesen. So in den 1950ern. „Da durfte man wohl nicht in die Disco gehen, weil einen da der Herr Jesus nicht finden konnte. Oder man durfte kein Fernsehen gucken. Also da war die Kirche echt strange“, sagt Laura. Heute ist das zum Glück nicht mehr so. Aufgrund seiner Hautfarbe wird Ramon öfter mal gefragt, woher er komme, das sei ganz lustig. „Wenn überhaupt ist es die ältere Generation, die das vielleicht denken.“

„Ich glaube an einen Gott, der Jehova heißt“

Donnerstagabend, 19.00 Uhr. Die Versammlung erhebt sich und singt das erste Lied. Danach setzen sich die Brüder und Schwestern. Ein Bruder stellt sich hinter das Rednerpult auf einen Podest und leitet ein. Auf einmal zücken, bis auf ein paar Ältere, alle ihre Smartphones und Tablets und rufen eine App auf. Die Zeugen Jehovas sind technisch gesehen vollkommen im 21. Jahrhundert angekommen. Fürs Singen stehen wir auf, die Lieder sind mir unbekannt. Der Text wird mit einem Beamer auf eine Leinwand projiziert, die Musik kommt aber vom Band. Der Raum ist schmucklos. Es gibt kein Kreuz, keinen Altar, keine Buntglasfenster. Der Gottesdienst heißt hier Versammlung. Sie dauert anderthalb Stunden und wirkt teilweise wie ein Seminar. Erst werden Bibelstellen vorgelesen und im Anschluss stellen die Geschwister Fragen oder beantworten welche. Im Anschluss wird der Dienst geprobt.

Vor und nach der Versammlung werden auch hier viele Hände geschüttelt. Im Anschluss stellt sich mir Sandrine vor.  Sie ist 21 Jahre alt und studiert Übersetzung. Wir verabreden uns auf einen Kaffee am Samstag. Woran glaubt sie? „Ich glaube an einen Gott, der Jehova heißt und, dass er einen Vorsatz für die Erde hatte, der eben unterbrochen wurde. Und, dass durch sein Sohn Jesus Christus der Vorsatz wahrgemacht wird, dass die Menschen wieder im Paradies auf der Erde leben, so wie vorgesehen.“ Sandrine ist durch ihre Eltern bei den Zeugen Jehovas. Ihr Vater kommt aus dem Kamerun und hat da schon angefangen, die Bibel zu studieren. Ihre Mutter war zuerst katholisch. Natürlich hat sie die Religion erst mal von ihren Eltern übernommen, doch einige Punkte hat sie nicht verstanden, bis sie sich als Teenager dazu entschlossen hat, sich mehr mit der Bibel auseinanderzusetzen und dazu geschichtlich zu recherchieren. Jetzt geht sie zweimal die Woche in die Versammlung und betet morgens und abends. Dieses vergleichsweise hohe Engagement ist mir auch schon bei der Neuapostolischen Kirche aufgefallen. „Wenn, dann richtig. Ansonsten könnte ich es auch sein lassen“, sagt Sandrine. „Ich glaube auch, dass es vielleicht Zeugen Jehovas gibt, die nicht so regelmäßig in den Dienst gehen. Da muss jeder persönlich gucken, was für einen Stellenwert er dem Glauben einräumt.“ Auch die Zeugen Jehovas finanzieren sich durch Spenden. Bei der Versammlung wird über die Verwendung eines Überschusses einstimmig entschieden.

Erklären, woran man glaubt

Sandrine möchte, dass der Glaube tatsächlich etwas in ihrem Leben bewirkt. Deshalb integriert sie ihn in ihren Alltag. Wie reagieren die Leute, wenn sie erfahren, in welcher Kirche sie ist? „Also viele in meinem Alter wissen nicht genau, was sie sich darunter vorstellen können oder ganz viele bringen das mit anderen kleineren Kirchen durcheinander“, erzählt Sandrine. „Also ich denke, solange man erklären kann, warum man an etwas glaubt, dann nehmen das ganz viele an.“ Eigentlich gebe es wenig blöde Reaktionen. Bei der Sache mit den Geburtstagen hat Sandrine das als Kind immer ein wenig auf ihre Eltern geschoben. Ihre Familie feiere einfach keine Geburtstage. Wenn sich heute aber jemand dafür interessiere, dann erklärt sie auch warum.

Vereinfacht gesagt, haben die Zeugen Jehovas einige Bibelstellen so gedeutet, dass man keine Geburtstage feiern soll. Oder kein Weihnachten. Ebenso verhält es sich mit den Bluttransfusionen. Auch hier gibt es ein paar Bibelstellen, die sagen, dass Blut heilig sei. Das alles wird am Ende der neu übersetzten Bibel erläutert. Beim Lesen finde ich noch ein paar andere strenge Regeln. Was ich aber nicht in der Bibel lesen kann, ist eine Stelle, die sagt, dass Frauen lange Röcke tragen müssen. Was hat es eigentlich damit auf sich? Da muss Sandrine lachen. „Gute Frage. Das ist keine Vorschrift, sonst würde ich ja jetzt auch einen Rock tragen. Männer tragen bei uns auch immer Hemd und Anzug, das ist halt einfach die ordentliche Kleidung. Wir geben uns eben immer Mühe im Dienst oder bei den Zusammenkünften schick auszusehen. Daher kommt das.“ Sie würde sich aber komisch fühlen, selbst in einer schicken Hose zur Versammlung zu kommen, weil einfache jede einen Rock trage. Muster, Form und Farbe sind dementsprechend auch nicht vorgegeben, es komme aber auch auf die Versammlung (Gemeinde) an. In manchen werde zum Beispiel ein Jeansrock nicht gerne gesehen, so Sandrine.

Ist der Begriff Sekte noch zeitgemäß?

Worin unterscheiden sich die Neuapostolische Kirche und die Zeugen Jehovas nun von anderen christlichen Kirchen? Neben einer anderen Organisation, Regeln, einem anderen Gottesdienst- beziehungsweise Versammlungsablauf, ist der Hauptunterschied, grob gesagt, eine etwas andere Interpretation oder Schwerpunktauslegung der Bibel. Die Religionsfreiheit ermöglicht den Menschen, den eigenen Glauben frei zu wählen. Nicht aber die Freiheit über den Glauben oder die Kirche anderer zu urteilen. Gerade das tut das Wort Sekte heute. Für andere sei es vielleicht komisch, zweimal die Woche in die Kirche zu gehen, aber für Ramon ist es normal. Sandrine stelle sich neuen Leuten auch nicht gleich als Zeugin Jehovas vor, sondern als Sandrine. Ob man nun die Regeln und die Auslegungen der Bibel anderer Christen gut findet oder nicht, die Begriffe Religionsgemeinschaft oder Glaubensgemeinschaft sind fairer und korrekter.